Redaktion der pilger

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Ein schwieriges Erbe im Fokus

Berliner Museum blickt in einer aktuellen Ausstellung auf die Geschichte der deutschen Kolonien

Deutschland und seine Kolonien – längst passe? Die Debatte über den Völkermord im heutigen Namibia zeigt, wie aktuell das vermeintlich Vergangene ist. In Berlin gibt es dazu die passende Ausstellung.

Ein blütend weißes Kleid aus luftigem Stoff, bodenlang, aber trotzdem den weiblichen Körper züchtig verhüllend – das über 100 Jahre alte Gewand, getragen von einer europäischen Siedlerin in Übersee, könnte als Symbol für all die Doppelbödigkeit der deutschen Kolonialgeschichte stehen. Deren Hochphase währte gerade einmal rund drei Jahrzehnte, von 1884/85 bis 1918/19. Trotzdem hat diese Episode Spuren hinterlassen.

Tiefe Spuren, die gerade erneut zum Vorschein kommen, wie die aktuelle Debatte über den Völkermord der Deutschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts an den Herero und Nama im heutigen Namibia zeigt. Mit großem Aufwand hielten die Europäer seinerzeit in Afrika, Asien oder Lateinamerika ihre Kleidung frei von Staub und Schmutz, um sich von den „Eingeborenen“ abzugrenzen. Eine „weiße Weste“ besaßen jedoch die allerwenigsten von ihnen.

Das Deutsche Historische Museum in Berlin widmet sich in seiner am 14. Oktober eröffneten Ausstellung „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ dem schillernden Thema. Erstmals, so Projektleiter Arnulf Scriba, würden damit Wesensmerkmale und die wichtigsten Aspekte des deutschen Kolonialismus beleuchtet. Dabei, betont der Historiker, gehe es neben der auf Gewalt und dem Konstrukt der europäischen Überlegenheit basierenden Ideologie des Kolonialismus auch um „Handlungsspielräume“ der Einheimischen. Das Spektrum, so Scriba, reichte damals von „Herrschaftsbeteiligung“ über verschiedene Formen der Kooperation bis hin zu offenem Widerstand, der jedoch meist brutal  niedergeschlagen wurde.

Zu sehen sind etwa eine Kanonenkugel und ein Ziegelstein des zwischen 1683 und 1717 bestehenden kurbrandenburgischen Stützpunktes Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana. Gewalt, so die erste Lektion, war bereits in der kolonialen Frühphase ein bestimmender Faktor. Das Vokabelheft „Deutsch-Suaheli“ wiederum, angelegt 1906/07 vom deutschen Mediziner Robert Koch, illustriert den Austausch zwischen den Kulturen. Allerdings nicht ohne dunkle Seiten. Koch leitete im damaligen Deutsch-Ostafrika eine Expedition zur Erfoschung der Schlafkrankheit und testete Arsenpräparate an der lokalen Bevölkerung. „Die unwirksamen, hochtoxischen Wirkstoffe hatten schwere Nebenwirkungen bis zur Erblindung“, erfährt der Besucher der Ausstellung.

In ihrer soeben erschienenen Studie „Skandal in Togo“ hat die Historikerin Rebekka Habermas dieses „Kapitel deutscher Kolonialherrschaft“ beleuchtet. Darin arbeitet sie heraus, wie sehr die Fremdherrschaft auf tönernen Füßen stand und deswegen immer wieder ins Wanken geriet – ohne jedoch ganz zu fallen. Nicht nur bei dieser Episode spielten christliche Missionare eine Schlüsselrolle, deshalb tauchen ihre Zeugnisse in der Berliner Schau immer wieder auf.

In den acht Abteilungen der Ausstellung gehe es darum, einen Bogen bis in die Gegenwart zu schlagen, betonen die Organisatoren. So wird auch die hochaktuelle Provenienzdebatte aufgegriffen, das heißt, die Frage, woher deutsche Museen ihre Exponate aus Afrika haben und ob diese zurückgegeben werden oder anders präsentiert werden sollten.

Wieviel Sprengstoff hinter diesem Thema steckt, zeigt die Tatsache, dass lediglich eines der rund 500 Ausstellungsstücke direkt aus Afrika stammt. Der Rest kommt von europäischen Häusern. Ein grellrotes T-Shirt aus Namibia springt beim Rundgang ins Auge. Es fordert die Rückgabe von Schädeln von Nama und Herero aus deutschen Sammlungen.

Die Ausstellung läuft bis zum 17. Mai 2017. Einen umfangreichen Katalog gibt es zum Preis von 24,95 Euro. (kna)

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