Redaktion der pilger

Donnerstag, 10. November 2016

Die Zeichen der Zeit richtig deuten

Und wachsam sein, sich nicht irreführen lassen – Gedanken zum Lukas-Evangelium 21, 5–19 von Diplom-Theologe Stefan Dreeßen

Im Sommer hatten wir die Möglichkeit, bei einer Freizeit der Seelsorge für Menschen mit einer  Behinderung das Wohnhaus des Malers Otto Dix in Gaienhofen am Bodensee zu besuchen. In dem Triptychon „Großstadt“ rechnet Otto Dix mit dem Ersten Weltkrieg ab. Er zeigt höchst realistisch, welche schlimmen Folgen Kriege bei den Menschen hinterlassen. Und er wendet sich gegen jegliche Kriegsverherrlichung.

An das Bild wurde ich beim Lesen des heutigen Sonntagsevangeliums erinnert. Die schrecklichen Bilder, von denen Jesus damals gesprochen hat, sind immer noch aktuell. Kriege, Unruhen, Erdbeben, Seuchen, Hungersnöte, Verhaftungen, Verhöre, Hass und Mord gehören seit Beginn zur Menschheitsgeschichte dazu.

Aber kann man da noch von „Froher Botschaft“, vom „Evangelium“ reden? Haben wir es nicht viel mehr mit einer „Drohbotschaft“ zu tun? Und dann wird im Text noch von der Zerstörung des Tempels in Jerusalem berichtet. Der Tempel war für das Volk Israel und für die ersten Christen das „ein und alles“. Ein Stück Identität. Ort der Gegenwart Gottes. Wird dieser Tempel zerstört, und so geschah es im Jahr 70 nach Christus durch die Römer, so verlieren sie ein Stück ihrer Identität. Zurück bleibt Angst und Unsicherheit. Wie geht es weiter? Wo ist Gott? Wo bleibt Gott?

Der Evangelist Lukas schreibt seinen Bericht nach der Zerstörung des Tempels. In einer Zeit, in der viele Jünger Jesu verfolgt wurden. Er mahnt dazu, die Zeichen richtig zu deuten und wachsam zu sein. Er warnt davor, sich nicht irreführen zu lassen von falschen Propheten und deren Weissagungen. Er deutet im Nachhinein die Zerstörung des Tempels im prophetischen und apokalyptischen Sinn für seine Gemeinde. Zuerst als Mahnung, sich nicht an Gebäude aus Stein, an materielle Dinge, zu klammern. Dann als Zuspruch und Trost, ganz auf Jesus Christus zu setzen und auf ihn zu vertrauen.

Wir leben heute in einer sehr spannungsgeladenen Zeit. Überall auf der Erde gibt es Konflikte. Das fängt schon oft im Kleinen, im privaten Bereich, im Familien- und Freundeskreis an.  Das Evangelium lädt uns ein, trotz aller Gewalt, ruhig und besonnen zu sein. Es fordert uns auf, sich nicht in Feindseligkeiten hineinziehen zu lassen, sondern als „Friedensstifter“ zu agieren.

Wir stehen am Ende des Kirchenjahres. In der Liturgie tauchen jetzt immer wieder Endzeit-Texte auf, die uns aufrütteln sollen, die uns Mut machen sollen. Wir sollen nicht verzagen, sondern treu und standhaft im Glauben bleiben. Dabei kommt es auf eine lebendige Beziehung zu Gott an. Eine personale Beziehung. Eine Beziehung von Du zu Du, in der ich alles, meine Ängste und Nöte, offen aussprechen darf. Eine freundschaftliche Beziehung kann mir Halt und Kraft im Alltag geben.

Dabei ist es immer wieder gut, auf Jesus zu schauen. Auch er war vor Konflikten, vor Gewalt, Ungerechtigkeit und Terror, selbst vor Folter und Tod nicht geschützt. Genauso wie er dürfen wir vertrauen, dass Gott uns in Krisenzeiten, selbst im Tod nicht fallen lässt, sondern uns auffängt und zu neuem Leben verhilft. In dieser Hoffnung können wir unsere tägliche Arbeit antreten.

Auf dem Bild „Großstadt“ von Otto Dix sind links und rechts Menschen ohne Beine zusehen. Es sind „Kriegsinvalide“, die von der Mehrzahl der Menschen im Bild ignoriert werden. Am Ende aller Zeiten wird uns die Frage gestellt werden: Was hast du für Frieden und Gerechtigkeit getan? Was hast du für die Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan?

In einem der schönsten geistlichen Lied aus den letzten Jahrzehnten, werden wir dazu aufgefordert: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt. Der Herr wird nicht fragen, was hast du gespart, was hast du alles besessen. Seine Frage wird lauten: was hast du geschenkt, wen hast du geschätzt um meinetwillen.

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