Redaktion der pilger

Donnerstag, 17. November 2016

Der ganz andere König

Jesus Christus herrscht mit der Macht der Demut und der Liebe – Gedanken zum Lukas-Evangelium 23, 35b–43 von Pastoralreferentin Regina Mettlach

„Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen“ – so beginnt Lukas sein Evangelium. Er versucht, einen neuen Zugang zu Jesus zu vermitteln, auch zur Leidensgeschichte. Etwa zwei Generationen ist es her, dass Jesus in Jerusalem gekreuzigt worden ist. Lukas bewegt vor allem die Frage, was die Ereignisse von damals für ihn und seine Zeitgenossen zu bedeuten haben,  sechzig Jahre danach? Warum lässt sich Gott in Jesus auf diesen Weg ein? Warum dieses Leiden? Wo doch der Engel bei Maria ankündigte: „Jesus wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben“ (Lukas-Evangelium 1,33).

Während am Christkönigssonntag im Lesejahr A bei Matthäus das Endgericht in den Blick kommt, betrachten die Evangelien der Lesejahre B (Markus) und C (Lukas) die Passion Jesu. Sie nehmen jeweils eine Szene heraus, in dem das innerste Geheimnis dieses so ganz anderen Königs aufleuchtet. Lukas zeigt den Spott, den die Menschen mit Jesus treiben: die Mitglieder des Hohen Rates, die Soldaten, einer der Schächer. Nur der zweite Schächer scheint etwas zu ahnen von der letzten Wirklichkeit, auf die er zugeht. Er spürt, dass da etwas in Jesus ist, das stärker ist als der Hass und der Spott. Er erkennt wohl, nicht Gewalt löst und erlöst, sondern Liebe. Es ist eine alte menschliche Versuchung, Religion zu missbrauchen, um Herrschaft von Menschen über Menschen zu erlangen. So wurden auch im Namen eines falsch verstandenen Königtums Jesu Christi Kriege geführt und Völker ihrer Freiheit beraubt.

Das Evangelium erinnert daran, dass die Herrschaft Jesu von ganz anderer Art ist als die von menschlichen Machthabern. Das macht auch die Spottinschrift am Kreuz deutlich. Dieser König der Juden am Kreuz, der sich als Sohn Gottes bezeichnete, kann sich niemanden mehr mit Gewalt unterwerfen. In seiner totalen Ohnmacht wird deutlich, dass das Königtum Jesu sich nicht auf Waffengewalt stützt, sondern darauf, Menschen durch Liebe zu gewinnen, durch eine Liebe, die auch in der Ablehnung nicht zurückschlägt, sondern leidet und aushält. Deshalb gehören das Christkönigsfest und der Karfreitag zusammen.

Der Evangelist Lukas lässt die königliche Vollmacht Jesu in einer kleinen Szene der Passion aufscheinen. In ihr zeigt er zwei entgegengesetzte Weisen, zum Gekreuzigten zu stehen. Der eine Mitgekreuzigte stimmt ein in die Verspottung Jesu durch die Gaffer. Er sieht nur die Ohnmacht des Gekreuzigten, sein Ausgeliefertsein an die, die ihn hinrichten. Der andere Mitgekreuzigte sieht anders und sieht mehr. Er sieht in Jesus das Opfer menschlicher Blindheit und Gemeinheit. Und er erkennt in ihm den König einer anderen Wirklichkeit, der in Liebe den Menschen zugewandt ist. Lukas macht deutlich: In der Offenheit gegenüber dieser Liebe entscheidet sich Leben oder Tod. Der andere erkennt das und bittet Jesus um diese Liebe. Und Jesus versichert dem neben ihm Sterbenden, dass Gott ihn in seinem Haus empfangen und ein Fest feiern wird, wie er es im Gleichnis vom barmherzigen Vater erzählt hat: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Jesus zeigt, wie Gott ist. Er macht Gottes Liebe sichtbar, die alle zu heilen vermag. Er macht Gottes Macht sichtbar, die auch die Armen und Geringen groß werden lässt. Unsere Welt ist nicht mit dem Schwert der Mächtigen zu heilen. Heilung ist nur möglich über die Herzen von Menschen, die sich von der Liebe Gottes treffen lassen und sie an andere weitergeben.

Der Ruf in die Nachfolge Jesu steht immer unter seinem Wort: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll eurer Diener sein, und wer bei euch der erste sein will, soll der Sklave aller sein“ (Markus-Evangelium 10,42–44). Im Alltag können solche Erfahrungen gemacht werden in partnerschaftlicher Liebe, in uneigennütziger Zuwendung, im Verzicht zugunsten anderer. Sie sind ein Vorgeschmack, eine Ahnung der Königsherrschaft, die mit Jesus von Nazaret, dem Christus, angebrochen ist. Wo Gerechtigkeit und Dien-Mut gewagt werden, wo Macht als Vollmacht zugunsten anderer wahrgenommen wird, besonders der Armen und Notleidenden aller Art, da wird Christus, der König bezeugt.

Das Christkönigsfest lädt uns ein, die Liebe zu entdecken, die in Jesus Christus in Erscheinung getreten ist. Daher feiern wir mitten in unserer aus den Fugen geratenen Welt, mitten unter Blut und Tränen, in Hass und Krieg, Unmoral und Rücksichtslosigkeit den, der dem Verbrecher den Sieg der Liebe verheißen hat. Wir feiern am Christkönigssonntag den Sieg der Liebe in Christus, unserem König.

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