Redaktion der pilger

Donnerstag, 24. November 2016

Gottes grandioser Shalom

Verheißung für die Zukunft mit Aufgaben für die Gegenwart – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 3, 1–12 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

Unsere erste Lesung an diesem Sonntag gehört zu den schönsten Gedichten der hebräischen Poesie. Selbst in der Übersetzung noch wird seine Schönheit in berührender Weise erfahrbar. Und sie öffnet unser Herz für das Geheimnis seiner Botschaft, die uns weiterführt tief hinein in das Geheimnis von Weihnachten.

Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Trieb empor, der Frucht bringt. Isai ist der Vater Davids. Der gefällte Baum steht für das Ende der davidischen Königsdynastie, das 587 vor Christus mit der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier, der Zerstörung des salomonischen Tempels und der Deportation der Bevölkerung erfolgte. Aus dem gefällten Baum treibt ein Zweig, aus dem Tod erwächst neues Leben, aus Hoffnungslosigkeit wird Hoffnung, aus der Dunkelheit kommt ein strahlendes Licht.

Der „Spross“ aus der Wurzel Isais ist ein Mensch, ein neuer König. Also ein „Gesalbter“, ein „Messias“. Und der „Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm“. Damit er das königliche Aufgabenprofil erfüllen kann, wird er von Gott mit „Begabungen“ ausgestattet, mit Weisheit und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und Gottesfurcht. Die letzte „Gabe“ wird zweimal genannt. Im Alten Testament ist Gottesfurcht Ursprung und Mitte aller Weisheit, sie meint nicht ängstliches Sich-klein-Machen vor Gott, sondern eine Ehrfurcht, die aus der Liebe erwächst und im aufrechten Stand nach den Wegweisungen Gottes handelt. Dieser König ist ein ganz von Gott erfüllter Mensch. Ich höre hier das Wort des Paulus anklingen: „Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm (Jesus) wohnen“ (Kolosserbrief 1, 19).  

Und er hat einen Auftrag: Er spricht Recht für die Hilflosen und Schwachen. Er entmachtet die Mächtigen und zieht die Schuldigen zur Rechenschaft. Er verwirklicht göttliche Gerechtigkeit und Treue. Er handelt radikal anders als irdische Herrscher: Er schlägt den Gewalttätigen „mit dem Stock seines Wortes“, den Schuldigen tötet er „mit dem Hauch seines Mundes“. Er durchbricht den Zirkel der Gewalt, antwortet nicht Schwert auf Schwert, sondern richtet mit dem Wort und dem Hauch seines Atems. Wort und Atem sind Gaben Gottes, sie vernichten nicht, sondern schaffen Leben, auch für den Schuldigen.

Erst so beginnt die Perspektive unseres Gedichts: Gottes grandioser Schalom! Ein Frieden, der paradiesisch ist. Der umfassende Natur-Tier-Mensch-Frieden. Die Wiederherstellung der paradiesischen Ordnung vor dem Sündenfall. „Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg.“ Das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn – in überreichem Maße. „An jenem Tag“ wird der „Spross aus der Wurzel Isais“, der Messiaskönig, „als Zeichen für die Nationen“ dastehen, die in der großen Völkerwallfahrt zum Zion aufbrechen, denn sie wollen „Wege gehen im Licht des Herrn“ (Buch Jesaja 2, 5).

Jesajas Gedicht ist Evangelium. Evangelium vitae. Der Gott, der sich ihm im Wort offenbart hat, ist ein Liebhaber des Lebens, der nicht anders kann als Leben zu schaffen, zu bewahren und zu mehren. Aber hat diese Botschaft in der realen Welt Bestand? Ist sie nicht abgehobene Utopie statt lebensnahe Vision, ein Bild im Nirgendwo? Wenn wir unsere Welt anschauen, wie sie aus den Fugen gerät – wo ist Gott? Manche unserer Regierenden gebärden sich wie Messiasse; wer von ihnen hat aber vergleichbar Weisheit und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und – ja auch Gottesfurcht?

Jesajas Gedicht ist Verheißung, nicht Vertröstung auf ein Jenseits. Es ist aktuell Wort für uns, Wort für mich! Wer sich in die Spur des jesajanischen Heilsbringers stellt, in dem wir Jesus Christus sehen, der uns in der Taufe zu Geistträgern gemacht hat, wer den Ruf Jesu: „Folge mir nach!“ ernst nimmt, wird zu einem Friedensstifter in der Welt. Wer sich um die Hilflosen und Schwachen sorgt, die Gewalttätigen entwaffnet, die Schuldigen der Gerechtigkeit übergibt und Wege der Versöhnung eröffnet, schafft erfahrbar Räume, in denen der messianische Frieden real wird. Wo Menschen sich für Menschen einsetzen, für ihre Freiheit, ihr Menschsein, für Menschenwürde und Menschenrechte, hat der Frieden unseres Gedichts in dieser Welt einen Ort. Wo dies geschieht, geschehen Weihnachten und Ostern zugleich: Menschwerdung und Sieg des Lebens über den Tod.

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