Redaktion der pilger

Mittwoch, 30. November 2016

Kampf um den Regenwald ist Kampf für die Menschheit

Patricia Gualinga und Weihbischof Georgens beim Pressegespräch in Speyer. Foto: is

Patricia Gualinga vom Volk der Kichwa-Indianer in Ecuador zu Gast im Bistum Speyer – Dank an Adveniat

Seit Jahrzehnten verteidigen die Kichwa-Indianer in Sarayaku ihre Heimat erfolgreich gegen den ecuadorianischen Staat und die Begehrlichkeiten der Ölkonzerne. „Wir kämpfen im Amazonasbecken für den Erhalt des Regenwaldes. Dennoch ist das kein Kampf, der weit weg ist von euch in Deutschland, sondern es ist ein globaler.“ Wenn Patricia Gualinga (46), Kichwa-Indianerin und Sprecherin ihres 1400-Seelen-Dorfes Sarayaku im Osten Ecuadors, von dem Einsatz ihres Volkes für den Regenwald erzählt, werden genau diese Zusammenhänge deutlich. „Der Amazonas-Regenwald liefert wichtige Lebensgrundlagen nicht nur für mein Volk, sondern für die gesamte Menschheit“, unterstreicht sie bei einem Pressegespräch heute in der Redaktion des „pilger“. Patricia Gualinga ist auf Einladung von Adveniat zu Gast in Deutschland und im Bistum Speyer. Das Lateinamerika-Hilfswerk der deutschen Katholiken hat seine diesjährige Weihnachtsaktion unter das Leitwort „Schützt unser gemeinsames Haus. Bedrohte Schöpfung – bedrohte Völker“ gestellt.

Weihbischof Otto Georgens, im Bistum Speyer für den Bereich Weltkirche verantwortlich, betont bei der Begegnung die Rolle der indigenen Völker für den Erhalt der Schöpfung und damit lebenswichtiger Ressourcen. „Sie leisten der gesamten Menschheit einen unverzichtbaren Dienst. Und sie brauchen dabei unsere Unterstützung“, sagt er unter Verweis auf die Adveniat-Kollekte an Weihnachten.

Zuhause ist Patricia Gualinga in ihrem Dorf Sarayaku in einer der wenigen, noch unberührten Regionen des Amazonasbeckens ganz im Osten Ecuadors. Unterwegs ist die mutige und starke Frau rund um den Globus, um vom Kampf ihres Volkes gegen das Vorrücken der Ölindustrie zu berichten. Dabei geht es nicht um bloße Ökologie, sondern um die Bewahrung eines Lebensraumes, der Schöpfung in all ihren Facetten indigener Spiritualität.

Mit ihrer Familie lebt Patricia Gualinga das traditionelle Leben der Kichwa-Indianer Ecuadors, in einfachen Hütten unter Palmblattdächern. Keine einzige Straße führt nach Sarayaku. „Wenn wir den Straßenbau zulassen würden, kämen die Siedler, die Holzunternehmer und die Ölfirmen“, erklärt sie. Es gibt dort kein Telefon, kaum Internet, auf den Teller kommt, was die Natur hergibt: Fisch, Yucca oder Kochbananen. Und an Festtagen bemalen die Frauen des Dorfes ihre Gesichter mit schwarzen filigranen Zeichnungen.

Doch als Vertreterin Sarayakus ist Patricia Gualinga zugleich rund um den Globus unterwegs. Bei internationalen Veranstaltungen – von der UN-Konferenz indigener Völker in New York bis zur Weltklimakonferenz in Paris – spricht die zierliche Frau mit den langen schwarzen Haaren über den Kampf ihres Volkes gegen das Vorrücken der Ölindustrie.

Seit Sarayaku 2012 einen historischen Sieg vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte in Costa Rica erlangte, interessieren sich zahlreiche internationale Nichtregierungsorganisationen und die Medien für das Dorf. Es ist zum Symbol des Widerstandes gegen das blinde Vertrauen in die Globalisierung geworden, gilt als kleiner, scheinbar chancenloser David im Kampf gegen einen übermächtigen Goliath. Anfang Dezember will der Gerichtshof in Costa Rica ein abschließendes Urteil fällen. Mit einer ersten Ausgleichszahlung der Regierung hat das Dorf Sarayaku drei kleine Flugzeuge gekauft und eine Mini-Fluglinie gegründet, die jetzt die abgelegenen Dörfer im Urwald versorgt, Ärzte und Missionare befördert sowie im Notfall auch Kranke und auch Schwangere.

In der Zeit des Widerstandes wurde die Rolle Patricias in Sarayaku immer wichtiger. Sie begann, als Botschafterin ihres Volkes zu reisen, machte die Ereignisse publik, organisierte Protestmärsche in die Hauptstadt und war eine der Hauptvertreterinnen vor Gericht. Gesucht hat sie diese Rolle nicht. Im Gegenteil: Früher sei sie ein schüchternes stilles Mädchen gewesen, erzählt sie. „Aber das Leben hat offenbar andere Pläne mit mir. Heute bin ich eine der Anführerinnen, weil mein Volk mich dazu gewählt hat, nicht weil ich es wollte.“

Geboren wurde Patricia Gualinga 1969 als viertes von sechs Kindern. Ihre Eltern waren die ersten Katecheten des Dorfes, Missionare ermöglichten Patricia den Besuch einer weiterführenden Schule in der nächstgelegenen Stadt Puyo. Bei Radio Puyo, dem Sender des Bistums, lernte sie den Umgang mit Kommunikation und Medien. Diese Erfahrungen kommen ihr heute zugute. „Es ist wichtig, unseren Kampf sichtbar zu machen“, erklärt Patricia. Die internationale Aufmerksamkeit und das Medieninteresse an dem „pueblo en resistencia“, dem „Volk im Widerstand“, nutzen die Menschen in Sarayaku auch zu ihrem Schutz. Das Dorf verfügt über eine dreisprachige Internetseite und ein weltweites Netzwerk. Patricias Bruder Heriberto hat bereits zahlreiche Dokumentarfilme über Sarayaku gedreht.

Patricia Gualinga ist Partnerin von Adveniat. „Im Namen der Entwicklung wird im Amazonas das Leben so vieler indigener Völker und des Regenwaldes selbst zerstört“, kritisiert sie. Dabei geht es nicht bloß um Ökologie, sondern um die Bewahrung der Schöpfung in all ihren Facetten indigener Spiritualität. Keine einfache Aufgabe. Denn: „Wie erklärt man Europäern ein Weltbild, in dem Bäume mehr sind als ein Rohstoff?“, fragt sie.

Für die Kichwa durchdringen geheiligte Geister jedes Tier und jeden Baum, jedes Wasser und sogar die Steine. „Sie zeigen uns den Weg des ‚Sumak Kawsay‘“, erklärt Patricia. Sumak Kawsay – das Prinzip des „Buen Vivir“, des guten Lebens in Harmonie und Respekt vor der Schöpfung. Insofern könnten sich die Menschen in den Industriestaaten ein Beispiel an der indigenen Lebensweise nehmen, findet Patricia. „Wir wollen, dass sie den Wert der Schöpfung erkennen und nicht als ökonomische Ressource betrachten.“ Denn die Folgen ihrer maßlosen Ausbeutung, da ist sie sich sicher, bekommen irgendwann alle zu spüren. „Deswegen kämpfen wir auch nicht nur für unser eigenes Überleben“, sagt Patricia, „sondern für das der Menschheit und die zukünftigen Generationen.“ (red)

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