Redaktion der pilger

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Weiterdenken in die Zukunft

Reform braucht die Balance zwischen Bewahren und (neu) Bedenken - Gedanken zum Lukas-Evangelium 2, 16–21 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Es gibt viele verschiedene Jahre: Kalenderjahre, Kirchenjahre, Schuljahre, Geschäftsjahre, Lebensjahre... Sie werden zwar alle nach eigenen Regeln und Gesichtspunkten beurteilt, stimmen aber alle darin überein, dass gewisse Hoffnungen an das jeweilige Folgejahr geknüpft werden. Der kollektiv am intensivsten zu erlebende Jahreswechsel, ist der Anfang eines neuen Kalenderjahres. In der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar schaut die ganze Welt in den verschiedenen Zeitzonen gebannt auf die Uhr und begeht ausgelassen den Beginn eines neuen Jahres. Von beschaulich und still bis ausgelassen und verrückt, drängt es viele, diesen Moment mit anderen zu begehen. Mancherorten zu tausenden kommen die Menschen zusammen, um zu feiern.

Überschattet war das letzte Silvesterfest in Deutschland von den schlimmen Ereignissen, die sich um dem Kölner Dom abgespielt haben. In der Folgezeit wurden viele nachdenklich, wo und mit wem sie noch sicher feiern können und wollen. Was in dieser Nacht so schmerzlich sichtbar wurde, war, dass ein Fest der Freude, der Gemeinschaft, der Ausgelassenheit, schnell kippen und zu einem Albtraum werden kann. In diesen Momenten zeigte sich deutlich, wie verletzlich und zerbrechlich wir doch im Kern immer wieder sind.

Am 1. Januar wird das Hochfest der Gottesmutter Maria gefeiert. Maria wird uns im heutigen Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium als Sinnbild der Kirche vorgestellt. Sie „bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“. Sie lebt somit das vor, was zentral für die Kirche sein soll, nämlich das Bewahren und Bedenken. Interessant ist an dieser Stelle jedoch, dass das Wort „Bedenken“ als etwas zu verstehen ist, was immer wieder neu getan werden will. Es geht also nicht um ein Nachdenken über etwas, was abgeschlossen in der Vergangenheit liegt, sondern um ein Weiterdenken für die Zukunft.

In einer Zeit des extremen Wandels, der rasanten Veränderungen und der bitteren Abschiede von vertrauten und liebgewordenen kirchlichen Traditionen, wie sie für viele in der Diözese im letzten Jahr stark erlebbar geworden sind, ist der Drang nach dem Bewahren groß. Manch einer sucht sich nachvollziehbarer Weise „Inseln des Vertrauten“, um dem Neuen zu trotzen. Manch einer findet Nischen, in denen er/sie „Leidensgenossen“ trifft, die ins gleiche „Horn der Verbitterung“ blasen. Die große Kunst, die große Herausforderung liegt allerdings wie immer in der Mitte, in der Balance zwischen Bewahren und (neu) Bedenken. Realistischer Optimist sein, wäre kein schlechter Vorsatz für einen Jahreswechsel, gerade in der Kirche.

So hat es nicht weiter gehen können, das gilt es im Angesicht der Priesterzahlen zur Kenntnis zu nehmen. Punkt. Jetzt kann man sich (und darüber hat man sich lang und breit und kontrovers den Kopf zerbrochen) fragen, welcher Weg der Richtige, Praktikabelste, Vielversprechendste sein könnte. Fakt ist, bei keinem Übergang und Neuanfang wird man es allen recht machen können. Aber anstatt sich an das Gestern verzweifelt zu klammern, wäre es sinnvoller, das Morgen hoffnungsvoll zu gestalten. So wie ein Jahr irgendwann zu Ende geht und nicht mehr wieder kommt, so gilt es auf dem Hintergrund der Erfahrungen des Alten, dem Neuen entgegen zu treten.

Carl Josef Neckermann hat schon vor etlichen Jahren provokant formuliert: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“ Jetzt muss die Kirche ganz bestimmt nicht „trendy“ werden, aber allzu starke restaurative Tendenzen können zum berühmten Klotz am Bein werden, der einem Weiterkommen im Weg steht. Die Welt um uns herum ist nicht schlecht und böse. Wer die Welt und den Zeitgeist verteufelt, verkennt, dass in dem Neuen auch Gottes Geist zu uns spricht. Die schwierige Aufgabe besteht für uns darin, die richtigen Antworten auf die Fragen der Zeit zu finden.

Wir stehen in der Kirche nicht erst seit heute zwischen bewahren und (neu) bedenken. „Ecclesia semper reformanda“, die Kirche gilt es immer zu reformieren, so lautet nicht nur der Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern auch die immerwährende Aufforderung zu den Ursprüngen der Kirche zurückzufinden. Dieses Unterfangen ist hoch sensibel und beinhalten schon immer eine Menge Sprengstoff. Doch mit Blick auf das heutige Evangelium wird uns der Ursprung der Kirche klar vor Augen gestellt, nämlich Jesus. Der Blick auf ihn ist entscheidend. Die weihnachtliche Botschaft, die zum Jahresmotto werden könnte, lautet: Nimm das göttliche Kind in dir auf bzw. entdecke es wieder neu in dir. Durch ihn, mit ihm und in ihm können wir unser Leben meistern.

Wir wissen zwar nicht, was das Neue Jahr für uns bereithält und wie die Silvesternacht in Köln und anderswo ablaufen wird. Worauf wir aber hoffen und vertrauen dürfen ist, dass dieses Kind uns in einer manchmal aufgeblasenen, ausgrenzenden und angstmachenden Welt Heil schenken will.

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