Redaktion der pilger

Mittwoch, 06. September 2017

Sein Ruf gründet auf der Zeit im Heiligen Land

Grabfigur Richards I. Löwenherz in der Abtei Fontevraud (um 1200). Foto: akg-images/Erich Lessing

Zur Richard-Löwenherz-Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz – Der dritte Kreuzzug (Teil 1)

Anlässlich der Ausstellung „Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener“ im Historischen Museum in Speyer (ab 17. September)  widmen sich zwei Beiträge dem Leben des berühmt-berüchtigten Königs, der nicht nur im Heiligen Land Geschichte schrieb, sondern auch im Trifels und in Speyer Halt machte – allerdings nicht ganz freiwillig.

Der englische König Richard I. (1157 bis 1199) war in den Augen seiner Zeitgenossen ein unerschrockener Kämpfer mit dem Mut und der Kraft eines Löwen – daher sein Beiname Löwenherz. Er galt aber auch als ein umsichtiger Feldherr und gar als kluger Politiker mit einem ausgeprägten Sinn für das Machbare. Diese Reputation, die Richard nicht nur im mittelalterlichen Europa innehatte, sondern die ihn bis in unsere Zeit zu einem beliebten Charakter in popkulturellen Historiendramen macht (man denke an diverse Robin Hood-Verfilmungen), wurzelt maßgeblich in seiner Zeit im Heiligen Land.

Als Richard I. im September 1189 in Westminster zum englischen König gekrönt wurde, trat er ein ebenso beeindruckendes wie schwieriges Erbe an. Sein Herrschaftsraum – das angevinische Reich – war ein künstliches Konstrukt, das von Schottland bis zu den Pyrenäen reichte. Doch es handelte sich um ein heterogenes Herrschaftsgebilde, bestehend aus völlig verschiedenartigen Ländern, dem ein eindeutiges Machtzentrum und ein Zusammengehörigkeitsgefühl fehlte. Problematisch war insbesondere, dass alle westfranzösischen Gebiete unter Lehnshoheit des französischen Königs standen. Mit anderen Worten: Der englische König war Vasall des französischen Königs. Diese Konstellation war natürlich Anlass für permanente Spannungen zwischen Frankreich und England.

Aufbruch zum Kreuzzug

Richard I. beeilte sich, nach der Krönung sein Haus in Ordnung zu bringen, denn seine oberste Priorität galt einem Kreuzzug ins Heilige Land. Dort hatte Sultan Salah ad-Din (1147 bis 1193), in Europa Saladin genannt, den Kreuzfahrern bei Hattin im Juli 1187 eine vernichtende Niederlage zugefügt. Die Kreuzritter hatten auf einen Schlag ihre gesamte Kampfkraft eingebüßt. In der Folge nahm der Sultan die gesamte Küstenlinie Palästinas von Akko bis Aschkelon ein und zwang am 2. Oktober sogar Jerusalem, das die Kreuzfahrer 1099 erobert hatten, zur Kapitulation. Für das Abendland war dies ein Schock.

So ohne weiteres konnte der englische König natürlich nicht zu einem Kreuzzug aufbrechen. Es galt die Finanzierung zu sichern, die Verwaltung des Reiches zu organisieren und insbesondere den französischen König Philipp II. einzuhegen. So beschlossen die beiden Monarchen, gemeinsam ins Heilige Land zu reisen.

In der Zwischenzeit war der deutsche Kaiser Friedrich I. Barbarossa bereits auf eigene Faust im Mai 1189 mit einer gewaltigen Armee aufgebrochen. Doch er ertrank im Juni 1190 im Fluss Saleph in Kleinasien. Damit brach das deutsche Heer auseinander. Im Sommer 1190 machten sich auch Richard und Philipp auf den Weg. Hinsichtlich der mitgeführten militärischen Ressourcen klaffte zwischen beiden eine erhebliche Lücke. Während die Kräfte Philipps II. sehr beschränkt waren, belief sich Richards Aufgebot auf etwa 100 Schiffe und rund 15000 Mann.

Richards Fahrt ins Heilige Land war alles andere als langweilig. Zunächst verspätete sich seine Flotte, weshalb der König langsam Richtung Sizilien reiste. Dort angekommen, wurde er in politische Konflikte hineingezogen. Unterdessen war die Jahreszeit für eine sichere Überfahrt nach Palästina zu weit fortgeschritten und man überwinterte auf der Insel. Im Frühjahr 1191 schiffte sich Richard mit seinem gewaltigen Heer endlich Richtung Palästina ein, eroberte aber auf dem Weg noch Zypern.

Die Rückeroberung Akkos

Philipp II. war unterdessen bereits im Heiligen Land gelandet. Die Kreuzfahrer konzentrierten ihre Kräfte auf die Rückeroberung Akkos – die stark befestigte Hafenstadt galt als Tor zum Heiligen Land. Doch Philipps Ankunft änderte wenig an der aussichtslosen Situation. Den Belagerern fehlten die notwendigen Schiffe für eine Seeblo-ckade. Dies änderte sich erst im Juni 1191 mit der Ankunft Richards, die mit frenetischem Jubel im Kreuzfahrerlager goutiert wurde. Dank Richards Flotte konnten die Europäer Akko nun von der Seeseite einschließen. Tatsächlich kapitulierte die Garnison wenig später – gegen den Willen Saladins.

Richard und Philipp teilten die Stadt untereinander auf. Herzog Leopold V. von Österreich pochte hingegen vehement auf einen gleichberechtigten Status. Als Reaktion warfen Richards Soldaten Leopolds Banner kurzerhand in den Schmutz. Verbittert trat Leopold bald darauf die Heimreise an. Diese Episode sollte sich ganz entscheidend auf Richards Leben auswirken.

Derweil traf König Philipp II. Vorbereitungen für die Heimreise. Das Klima im Heiligen Land sei ihm nicht bekömmlich, so seine fadenscheinige Begründung. Tatsächlich spekulierte er auf einen weiteren Aufenthalt Richards im Heiligen Land und damit auf eine günstige Gelegenheit zu Angriffen auf dessen Reich.

Auf dem Weg nach Jerusalem

Anstatt nun direkt durch das unübersichtliche Bergland nach Jerusalem zu marschieren, sicherte Richard zunächst die Küstenlinie des Heiligen Landes. Parallel rückte im Binnenland Saladin mit seinem Heer vor und versuchte, durch Angriffe seiner Reiterei den christlichen Vormarsch zu stören. Dank Richards sorgfältigem Marschplan in einer gestaffelten Formation konnten die Kreuzritter jedoch alle Attacken abwehren.

Schließlich rang sich Saladin zu einer Entscheidungsschlacht bei Arsuf durch. Erneut bewahrte Richard einen klaren Kopf. Immer wieder ließ er seine schwerbewaffneten Reiterverbände in geschlossener Formation in die muslimischen Reihen hineinstoßen, bis Saladin den Rückzug anordnete. Richard konnte zwar keine Entscheidung herbeiführen, sicherte hiermit aber seinen Geländegewinn der Küstenlinie bis Jaffa ab. Saladin zog sich daraufhin nach Jerusalem zurück und spielte auf Zeit.

Viele Barone der multinationalen christlichen Streitkräfte beharrten nun darauf, endlich Jerusalem einzunehmen. Bereits in Sichtweite der Stadt überzeugte Richard sie jedoch, dass die Christen in Palästina zu schwach seien, um die Stadt nach der Eroberung dauerhaft zu halten.

Der Held von Jaffa

Dem König schwebte vielmehr vor, Saladin ein für alle Mal aus dem Heiligen Land zu verdrängen. Er plante, nach Ägypten vorzustoßen, um so Saladins Machtbasis zu erschüttern. Doch letztlich konnte er seinen Plan nicht umsetzen, da die restlichen Kreuzfahrer-Fürsten auf die Belagerung Jerusalems beharrten. So musste Richard seinen Plan aufgeben; er beschloss, seine Heimreise vorzubereiten.

Als Saladin Wind von Richards Rückkehr nach Akko bekam, riss er die militärische Initiative wieder an sich und erschien mit seinem Heer vor Jaffa. Richard kehrte sofort um. Trotz der muslimischen Überzahl stürzte er sich an vorderster Front in den Kampf und focht die Schlacht seines Lebens. Saladins Soldaten wurden von dem Angriff überrumpelte und traten die Flucht an. Dank seines persönlichen Einsatzes bewahrte Richard die Kreuzfahrer vor dem sicheren Verlust der Stadt.

Richard und Saladin einigten sich schließlich im September 1192 auf einen Waffenstillstandsvertrag. Die Muslime behielten Jerusalem und den überwiegenden Teil des Binnenlandes Palästinas, die Christen den Küstenstreifen zwischen Tyros und Jaffa. Jerusalem stand fortan freiem Pilgerverkehr offen.

Einigermaßen frustriert, dass er sein eigentliches Vorhaben, den Vorstoß nach Ägypten, nicht umsetzen konnte, trat Richard Anfang Oktober 1192 die Heimreise an. Im Gegensatz zu den späteren Kreuzzügen hatte es der englische König jedoch verstanden, die Resultate seiner militärischen Erfolge politisch abzusichern. Richard hatte damit nicht nur seine Fähigkeiten als Krieger und Feldherr unter Beweis gestellt, sondern auch als Politiker.

In den nächsten zwei Monaten sollte sich das Schicksal des „Helden von Jaffa“ aber auf dramatische Weise ändern. Eben noch gefeierter Vorkämpfer der Christenheit, sollte Richards Leben, allein auf der Flucht durch die verschneiten Alpen, eine unvorhergesehne Wende nehmen. (Marcel Serr)

Unser Autor Marcel Serr stammt aus Böhl-Iggelheim, ist Historiker und hat längere Zeit in Jerusalem gelebt.

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