Redaktion der pilger

Samstag, 17. März 2018

Im Vergehen liegt das Wachsen

Was heißt es, sein Leben gering zu achten? – Gedanken zum Johannes-Evangelium 12, 20–33 von Pastoralreferentin Luise Gruender

Einige Griechen, nichtjüdische Sympathisanten des jüdischen Glaubens wollen Jesus sehen. Sie wenden sich mit der Bitte um Vermittlung dieses Wunsches an Philippus, der gemeinsam mit Andreas diese Bitte an Jesus weitergibt.

Dabei geht es den Griechen freilich nicht um ein einfaches Sehen von Jesus, dazu hätten sie sich einfach nur an den Straßenrand zu stellen brauchen, wenn Jesus vorübergeht. Es geht ihnen vielmehr um eine Begegnung mit Jesus. Sie wollen Jesus kennen lernen, mit ihm bekannt werden. Sie möchten seine Nähe erfahren. Dazu brauchen sie die Vermittlung der Jünger. Ohne deren Hilfe können sie Jesus nicht kennen lernen. In seiner Antwort geht Jesus scheinbar überhaupt nicht auf die Bitte der Griechen beziehungsweise der Jünger ein, sondern spricht davon, dass die Zeit, oder besser die Stunde gekommen sei, dass der Menschensohn verherrlicht werde.

Indirekt gibt Jesus aber doch eine klare Antwort an die Griechen. Sie können mit Jesus bekannt werden, indem sie ihm nachfolgen. Der Weg der Nachfolge wird allen Menschen durch Jesu Tod ermöglicht. Und dann werden auch nicht mehr nur Einige mit Jesus bekannt gemacht, wie zu seinen Lebezeiten, sondern Viele. Wenn Jesus von der Stunde spricht, die gekommen ist, nimmt er damit Bezug auf seine Passion und seinen Tod. Niemand würde normalerweise vom Tod als Verherrlichung reden. Hier wird damit jedoch die Besonderheit des Todes Jesu herausgestellt. Gott identifiziert sich mit Jesu Tod, Gott ist in diesem Tod präsent. Es ist deshalb kein vergeblicher Tod. In diesem Tod zeigt Gott seine Herrlichkeit, indem daraus neues Leben entsteht. Neues Leben für Jesus selbst, neues Leben aber auch für alle, die an ihn glauben, die ihm nachfolgen. Sie alle leben aus der Verherrlichung des Menschensohns. So bringt Jesu Tod viel Frucht, wie das Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, von dem Jesus im folgenden Bildwort spricht.

Aus Jesu Tod wächst als Frucht die Gemeinde. Seine Nachfolger erkennen in seinem Tod die sich selbst hingebende Liebe Gottes. Auf diese Liebe lassen sie sich ein, und sie nehmen sie als tragende Kraft ihres Lebens an. „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.'' Das klingt sehr schroff und extrem in unseren Ohren, allerdings nur, wenn wir es losgelöst vom vorhergehenden Bildwort vom Weizenkorn hören.

Mit denen, die ihr Leben lieben, sind zum Beispiel diejenigen gemeint, die alles auf Selbstverwirklichung setzen, die nichts anderes als ihre eigenen Interessen im Sinn haben, ihre Karriere, ihr Wohlergehen, ihren Wohlstand. Mit ihrer atemlosen Suche nach Selbstverwirklichung und Lebenssinn verfehlen sie gerade ihr Leben. Sie gehen über andere hinweg, sie übersehen den, der am Wegrand sitzt.

Diejenigen, die ihr Leben gering achten, sind dann beispielsweise die, die nicht nur die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen im Blick haben. Es sind die, die ihre Lebenserfüllung auch darin finden, indem sie sich für andere einsetzen. Jesus rühmt hier also nicht Menschen, die ihr Leben verachten, weil ihre Lebensentwürfe gescheitert sind, sondern vielmehr die, die die Not anderer sehen und versuchen zu helfen.

Ich denke hier an die vielen Helferinnen und Helfer in Syrien, die jetzt, mitten im Krieg, versuchen, die Menschen dort zu unterstützen, wo es auch für sie am gefährlichsten ist. Sie tun das nicht, weil sie ihr Leben hassen und ihnen ihr Leben nichts wert ist. Sie tun das, weil ihnen das Leben der vom Krieg betroffen Menschen genauso wichtig ist, wie ihr eigenes Leben. Ich meine, das ist eine mögliche Form der Nachfolge, von der Jesus spricht.

Oder eine Studentin, die mir erzählte, dass sie sich ganz regelmäßig um Schülerinnen und Schüler kümmert, die mit den Hausaufgaben nicht zurecht kommen, weil sie die deutsche Sprache noch nicht so gut können. Sie tut das ganz unspektakulär. Keiner weiß etwas davon. Sie sagt: „Es ist ja nur ein bisschen Zeit, die ich dazu brauche.“

Diesen Formen der Nachfolge gilt die Verheißung, die Jesus am Ende ausspricht: „Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.

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