Redaktion der pilger

Samstag, 17. März 2018

Robert Schuman Vater Europas

Die letzte Ruhestätte von Robert Schuman in Scy-Chazelles bei Metz. Foto: Decker/pilger

In Straßburg trat vor 60 Jahren erstmals das Europäische Parlament zusammen

Europa? Ist doch bloß eine seelenlose Gruppe zur Verfolgung eigener Wirtschaftsinteressen... Das stimmt so nicht – allerdings schwindet das historische Bewusstsein dafür, dass die Existenz der heutigen EU vor allem auf die Visionen und auf das hartnäckige Engagement christlich geprägter Politiker zurückgeht. Einer ihrer Vorreiter war der Franzose Robert Schuman (1886 bis 1963), erster Präsident des Europäischen Parlaments – das am 19. März 1958, vor 60 Jahren, erstmals zusammentrat. Es hat ihm später dann den Ehrentitel „Vater Europas“ verliehen.

Tatsächlich war Schuman buchstäblich der geborene Europäer: Seine Heimat lag auf der Grenze zwischen Luxemburg und Lothringen – das 1871 an das Deutsche Reich fiel. Im Ersten Weltkrieg diente Schuman noch als Reservist im deutschen Heer. Nach der Abtrennung Elsass-Lothringens jedoch wurde der Grenzgänger, der sich in Metz als Rechtsanwalt niedergelassen hatte, Franzose und 1919 junger Abgeordneter der Pariser Nationalversammlung.

Nach dem frühen Tod seiner Eltern hatte Schuman eigentlich Priester werden wollen. Doch Freunde überzeugten ihn, dass die Welt tüchtige Laien brauche – und dass die Heiligen des 20. Jahrhunderts Straßenanzüge trügen. So schlug der umfassend Begabte eine Karriere als Jurist und aktiver Laienkatholik ein.

Bereits in den 20er Jahren knüpfte Schuman ein dichtes Netz von Kontakten mit christlich-demokratischen Politikern aus ganz Europa, etwa Konrad Adenauer oder dem Italiener Alcide de Gasperi. Diese Beziehungen sollten nach 1945 Früchte tragen. Doch zunächst geriet Schuman als Unterstaatssekretär für das Flüchtlingswesen in Gegensatz zu Petains Vichy-Regierung; im Herbst 1940 wurde er als erster prominenter französischer Politiker verhaftet.   Zuletzt wurde er im pfälzischen  Neustadt festgehalten, in einem ehemaligen Kurhaus in der Nähe des Herz-Jesu-Klosters. Nach seiner Flucht aus der Gestapo-Haft im August 1942 nach Frankreich versteckte sich Schuman bei Benediktinern, mit denen ihn enge Freundschaft verband. Er arbeitete nun im Widerstand; 1945 gründete er die Christlich-Demokratische Partei.

Zwischen 1947 und 1953 gehörte Schuman allen schnell wechselnden französischen Regierungen an – zunächst als Finanzminister, dann als Premier- und Außenminister. Gegen die Anfeindung der Gaullisten betrieb er mit Energie seine Idee der europäischen Einigung und einer deutsch-französischen Annäherung. Auch die Straßburger Konvention für die Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1950 gilt als sein Werk.

Fünf Jahre nach Kriegsende, am 9. Mai 1950, wurde in Paris der sogenannte Schuman-Plan vorgestellt. Der damalige Außenminister sah darin eine „Montanunion“ zwischen Frankreich und Deutschland vor, also eine behördliche Aufsicht über die Stahl- und Kohleproduktion beider Länder. Die gemeinsame Bewirtschaftung der zentralen Stoffe der Rüstungsindustrie durch die einstigen Erbfeinde war für ihn im Kern aktive Friedenspolitik.

Dieses Instrument, das auch dem Beitritt anderer Länder offen stand, sollte zur Keimzelle der europäischen Einigung werden – die heute weit über den einst Eisernen Vorhang ausgreift. Die Stadt Aachen verlieh ihm dafür 1958 den Karlspreis. Über den „Schuman-Plan“ hinausgehende Elemente der Integration, etwa eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft, scheiterten damals noch an nationalen Widerständen.

Auch nach seinem Ausscheiden als Parlamentspräsident 1960 verfolgte Schuman noch in mehreren Funktionen weiter das Werden „seines“ Europa. Doch im Winter 1961 erlitt der Junggeselle bei einem Abendspaziergang einen Herzinfarkt. Eine ganze Nacht blieb er hilflos in Eiseskälte liegen – und erholte sich nie mehr ganz davon. Am 4. September 1963 starb Schuman, 77-jährig, in seinem Landhaus bei Metz.

Ein „ewiges Vorbild für alle Verantwortlichen am Aufbau Europas“ nannte Papst Johannes Paul II. (1978-2005) Schuman 1988 vor dem EU-Parlament. Der Seligsprechungsprozess für den überzeugenden Christen, der auch als Regierungschef täglich die Messe besuchte, läuft seit 1990. Vor dessen Abschluss braucht es unter anderem noch ein Wunder. Man könnte meinen, das Verdienst, die Vision eines geeinten Europa nach Zeiten des „totalen Krieges“ in politische Realität umgesetzt zu haben, sei eigentlich schon Wunder genug. (Alexander Brüggemann, KNA)

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