Redaktion der pilger

Donnerstag, 18. April 2019

Überraschung aus Rom

Papst Franziskus mit seinem Vorgänger Papst Benedikt (im Dezember 2018). Auch in diesen Tagen kam es zu einer Begegnung, als Franziskus Benedikt XVI. zum 92. Geburtstag gratulierte (15. April). Franziskus äußert sich nicht zu Aussagen oder Beiträgen seines Vorgängers. Foto: KNA

Papst Benedikt äußert sich zu Ursachen des Missbrauchsskandals

Der Text von Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise in der katholischen Kirche, der am 11. April in mehreren Medien veröffentlicht wurde, ist der bisher längste Beitrag, den der emeritierte Papst aus seinem Ruhesitz in die Welt sendet. Ausführlicher als alle Vorworte, Briefe oder der jüngste Aufsatz zum jüdisch-katholischen Dialog. Gedacht als klärender Beitrag zum oft kritisierten Umgang der katholischen Kirchenspitze mit dem Missbrauchsskandal sorgt er indes für weitere Fragen und neue Kritik.

Anliegen des fast 92-Jährigen ist es, „den einen oder anderen Hinweis zur Hilfe in dieser schweren Stunde“ beizutragen. Sein Aufsatz ist keine systematische Analyse der Missbrauchskrise. Als zentrale Ursache für Missbrauch nennt er Gottlosigkeit und eine Entfremdung vom Glauben, die sich seit den 1960er Jahren auch in einer Abkehr von der katholischen Sexualmoral breitgemacht habe. Auch in der Theologie, in der Priesterausbildung und in der Auswahl von Bischöfen habe dies fatale Folgen gehabt. Zu Beginn seines Aufsatzes schreibt Benedikt XVI., dass es zur „Physiognomie der 68er Revolution“ gehört habe, dass auch Pädophilie erlaubt sei. In derselben Zeit habe sich ein „Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie“ ereignet, der auch Teile der Kirche „wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft“ gemacht habe. Ziel des Krisengipfels im Februar war es seiner Ansicht nach, die „Kirche wieder wirklich als Licht unter den Völkern und als helfende Kraft gegenüber den zerstörerischen Mächten glaubhaft zu machen“.

Opfer kaum im Blick
Benedikt XVI. geht es um die Kirche – auch in seinem eigenen Beitrag. Die Situation der Opfer und ihre Perspektive kommen so gut wie nicht vor. Ebenso wenig erwähnt der frühere Papst weitere Ursachen für Missbrauch, zumal in Regionen, in denen die von ihm gegeißelte sexuelle Revolution der 1960er bis 1980er Jahre keinen Einfluss hatte. Er will vor aus seiner Sicht falschen Folgerungen und Reaktionen warnen. Was gerne von interessierter Seite weiterverbreitet wird.
Der Text erschien auf Internetseiten des privaten katholischen Mediennetzwerks CNA/EWTN zuerst auf Englisch, später auf Deutsch und in anderen Sprachen. Benedikt XVI. selbst wollte seine, wie er schreibt, über Wochen zusammengetragenen „Notizen“ hingegen ursprünglich in einem Medium mit eher geringer Reichweite veröffentlicht sehen: dem bayerischen „Klerusblatt“.

Kritik an Moraltheologie
Was den emeritierten Papst zudem umtreibt, sind Überlegungen in manchen Bischofskonferenzen, wegen der systemischen Ursachen der Missbrauchskrise weitergehende Reformen in der Kirche anzugehen: „Die Idee einer von uns selbst besser gemachten Kirche ist in Wirklichkeit ein Vorschlag des Teufels, mit dem er uns vom lebendigen Gott abbringen will durch eine lügnerische Logik, auf die wir zu leicht hereinfallen.“ Sein Nachfolger Franziskus formuliert das schon mal ähnlich.
In den Rückblicken von Benedikt XVI. geht es auch um Auseinandersetzungen mit Moraltheologen, mit denen er als Theologieprofessor und Präfekt der Glaubenskongregation über Kreuz lag.
Dass Joseph Ratzinger als Glaubenspräfekt die Kirchenleitung seinerzeit nur gegen Widerstände zu mehr Einsatz gegen Missbrauch bewegen konnte, wurde in den Debatten der vergangenen Monate des öfteren betont. Er selber erinnert jetzt kurz daran und räumt ein, dass diese Bemühungen nicht ausreichten. Deshalb habe Franziskus weitere Reformen einleiten müssen. Zu denen gehört vor allem auch – da sind sich beide einig – die Bekehrung zu Gott.

Überwunden geglaubte Kämpfe
Die Überlegungen des früheren Papstes Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal stießen vorwiegend auf Kritik, aber auch auf Zustimmung. Der Freiburger katholische Moraltheologe Magnus Striet erklärte in einem Beitrag für das Internetportal katholisch.de.: „Benedikt XVI. baut einen Popanz auf, um einen Schuldigen dafür ausmachen zu können, warum Missbrauch stattfand – und systematisch vertuscht wurde.“ Es sei „absurd“, wenn der emeritierte Papst die 68er-Bewegung verantwortlich mache. Dann müsse er erst einmal erklären, warum es schon vor dieser Zeit zu Missbrauch gekommen sei.
Für den Sprecher der Opfer-Initiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, geht der Aufsatz „völlig an der Sache vorbei“, sagte Katsch im Bayerischen Rundfunk. Das ehemalige Kirchenoberhaupt blende die „strukturellen Ursachen für die Übergriffe“ aus. „Eigene Fehler und die „Verantwortung der Institution“ Kirche benenne Benedikt XVI. nicht.
Der Präsident des Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, gab Benedikt XVI. insofern Recht, als eine „Gottvergessenheit“ ein großes Problem der heutigen Zeit sei. Zugleich merkte Sternberg kritisch an, dass Benedikt zum Thema Missbrauch in erster Linie „die alten, lang überwundenen Kämpfe“ einfielen.

Kardinal Müller mit Zustimmung
Zustimmung kam dagegen von Kurienkardinal Robert Sarah, der auf Twitter kommentierte, Benedikt XVI. bleibe „ein Lehrmeister des Glaubens“. Kardinal Gerhard Ludwig Müller würdigte die jüngsten Äußerungen von Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal. Es handle sich um „die tiefgründigste Analyse der Genese der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche in Fragen der Sexualmoral“, sagte der frühere Präfekt der Glaubenskongregation gegenüber Medien. (kna/pil)

Wortlaut des Aufsatzes von Papst Benedikt XVI. im Internet unter:
de.catholicnewsagency.com/story/die-kirche-und-der-skandal-des-sexuellen-missbrauchs-von-papst-benedikt-xvi-4498

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