Redaktion der pilger

Donnerstag, 18. April 2019

Ostern: Wir feiern die Auferstehung Jesu mitten in unsere Welt hinein

Um die Osterbotschaft zu erfassen, müssen wir aufmerken aus dem Alltagstrott, auch aus gewohnten Formen des Glauben - Gedanken zum Osterfest von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Die glocken läuteten,
als überschlügen sie sich vor freude
über das leere grab

Darüber, dass einmal
etwas so tröstliches gelang,

und dass das staunen währt
seit zweitausend jahren


Nach dreitägigem Schweigen erklingen im Dunkel der Osternacht an vielen Orten die Kirchenglocken. Parallel zum festlich gesungenen Gloria der heiligen Messe künden sie in die Stille der Nacht die Botschaft: Jesus lebt, ER ist wahrhaft auferstanden. Diese Stimmung beschreibt Reiner Kunze in den gerade zitierten Versen seines Ostergedichtes. Doch hat mich im Besonderen die letzte Strophe getroffen:

Doch obwohl die glocken
so heftig gegen die mitternacht hämmerten – nichts an finsternis sprang ab.


Auch wenn die Erinnerung an das einmalige Geschehen der Vergangenheit seine Seele bewegt, kann der Verfasser nicht an die Hoffnungsbotschaft der Glocken, an ihre Bedeutung für das Heute glauben. Dies erscheint auch die Empfindung vieler in unserer Zeit zu sein, die sich oftmals mit dem Osterfest schwertun. Ostern, die leibhafte Auferstehung eines Menschen aus dem Grab, in das er als Gekreuzigter hineingelegt wurde – ist das zu glauben? Doch ist dies nicht nur die Erfahrung der heutigen Zeit. Wenn wir in die Evangelien schauen, können wir diese Frage auch bei den Jüngern lesen: Ist das zu glauben?

Ist es vielleicht doch wahr?


Stellen wir uns die Situation der Jünger vor Augen. Verbarrikadiert hinter verschlossenen Türen hocken sie zusammen, den Todesschrecken in den Gliedern. Das Sterben ihres Herrn und auch die Feigheit ihrer Flucht haben sie gezeichnet. Die Welt scheint sich verfinstert zu haben. Der Tod Jesu ist für sie eine radikale Zäsur. Mit ihm sterben auch ihre mit seiner Person verbundenen Hoffnungen. In diesem Moment apathischer Trauer kehren die Frauen vom Grab zurück. Sie berichten von dem weggerollten Stein, dem leeren Grab und der Auferstehungsbotschaft der zwei Männer mit leuchtenden Gewändern, denen sie im Grab begegnet sind. „Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht“ (Lk 24,11). Die Wegweiserinnen der Auferstehung werden abgetan.

In diesem Moment können die Jünger diese irrwitzige Botschaft nicht glauben, ihre innere Finsternis kann nicht abspringen. Doch mag im tiefsten Innern an manch einem von ihnen die Frage genagt haben: Ist es vielleicht doch wahr? Zumindest Petrus rafft sich auf und eilt zum Grab, um dann nur verwundert zurückzukehren. Das Durchdringen der neuen Gewissheit geschieht nicht auf einen Schlag, sondern braucht Zeit: Es braucht die Wegstrecke von Jerusalem nach Emmaus, bis den Jüngern das Herz brennt. Es braucht die ganze Woche, die acht Tage in Jerusalem, bis auch der vermeintlich ungläubige Thomas zur Gewissheit gelangt. Vierzig Tage lang erscheint der Auferstandene den Jüngern. So sehr ist für sie der Kreuzestod ihres Herrn zur unumstößlichen Gewissheit geworden, dass sie die Auferstehung nicht wahrhaben, nicht glauben wollen. Erst nach und nach, durch die konkrete Begegnung mit dem Auferstandenen selbst, erklingt das ferne Rollen des vom Grab gewälzten Steins als Hoffnungsbotschaft in ihre Finsternis, und Furcht und Verschlossenheit wandeln sich in Friede und Freude. Es springt nun doch etwas ab von der Finsternis!

Das Ostergedicht von Reiner Kunze kann die Bedeutung dieses einmaligen Ereignisses fassen, doch inwiefern hat dieses eine Bedeutung für heute? Kann auch heute etwas von der Finsternis abspringen?
An Ostern feiern wir mehr als nur die Erinnerung an ein einmaliges historisches Ereignis. Der Apostel Paulus deutet das Osterfest nicht in der Vergangenheitsform, sondern er beschreibt seine Aktualität für die Gegenwart, für das Hier und Heute. Die Erfahrung des Auferstandenen bildet den Ursprung und Kern des Christentums „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5, 17). Am Ostermorgen ist nach dem Kampf von Tod und Leben alles neu geworden. Die Auferstehung markiert den Beginn dieses neuen Lebens.

Botschaft heute unendlich wichtig

Es ist das Entscheidende am Christentum, dass es nicht auf eine Auferstehung am Ende der Zeiten vertröstet, sondern die Wirklichkeit der Auferstehung mitten in unsere Welt, in die Mitte der Zeit hineinstellt. Papst Franziskus ruft dies in seinem gerade erschienen nachsynodalen Schreiben „Christus vivit“ an die jungen Menschen in unser Gedächtnis: „Er lebt! Man sollte sich oft daran erinnern, denn wir laufen Gefahr, Jesus Christus nur als gutes Beispiel aus der Vergangenheit, als eine Erinnerung zu sehen, als jemanden, der uns vor zweitausend Jahren gerettet hat. Das würde uns nichts nützen, das würde uns nicht verändern, das würde uns nicht befreien. Er, der uns mit seiner Gnade erfüllt, der uns befreit, uns verwandelt, uns heilt und tröstet, ist jemand, der lebt. Es ist der auferstandene Christus, voller übernatürlicher Lebenskraft, bekleidet mit unendlichem Licht.“ (CV 124).

Diese Botschaft ist gerade heute so unendlich wichtig! Wir leben in einem Augenblick der Kirche und auch der Welt, in der es manchmal scheint, als ob nichts von der Finsternis abspringen würde und die Todesschatten alles durchdringen. Und mancher wird müde, weil ihn Vertrauen und Hoffnung verlassen. Wie bei den Jüngern geht auch bei uns der Weg in das Osterlicht nur durch die Todeserfahrung hindurch. Wie für die Jünger erschließt sich auch uns die Osterbotschaft nicht mit einem Mal. Erst durch die persönlichen Begegnungen mit dem Auferstandenen begannen sie zu glauben und konnte sie die Lebenskraft und Lebensfreude des Auferstandenen so durchdringen, dass sie zu authentischen Zeugen dafür wurden, dass die Finsternis nicht das letzte Wort hat.

Ähnlich wie bei ihnen geht es daher auch bei uns um mehr als um das Hören oder Lesen dieser Botschaft. Es ist ein Einleben, ein Berührt werden vom lebendigen Gott, der jedem Einzelnen von uns als Person gegenübertritt und seine Wundmale zeigt. Dafür gilt es aufzumerken aus dem Alltagstrott, den gewohnten Formeln des Glaubens und sich neu erschüttern zu lassen von dem Geschehen des Karfreitags, Karsamstags und Ostersonntags. Wer sich wirklich von der Osterbotschaft erschüttern lässt, „kann nicht mehr mit tragischem Gesicht herumlaufen und die humorlose Existenz eines Menschen führen, der keine Hoffnung hat“ (Friedrich Schiller). Gezeichnet von der Hoffnung der Osterbotschaft, können wir selbst Wegweiser der Auferstehung für unsere Mitmenschen sein und zeigen, dass auch heute etwas von der Finsternis abspringt.

Und verwandelt die Welt auch heute

Nach dreitägigem Schweigen künden die Osterglocken auch in diesem Jahr in die Finsternis der Osternacht hinein die Botschaft: Jesus lebt, ER ist wahrhaft auferstanden. Im Staunen über das Tröstliche, das vor 2000 Jahren gelang und auch heute die Welt verwandelt, hoffe ich, dass bei Ihnen im Hören auf die Osterglocken ebenso etwas von der Finsternis abspringt und sie anstelle der letzten Verse des Gedichtes von Reiner Kunze singen werden: „Jesus lebt! Ich bin gewiss, nichts soll mich von Jesus scheiden, keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden. Seine Treue wanket nicht; dies ist meine Zuversicht“ (Gotteslob 336, Christian Fürchtegott Gellert).
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Osterfest.
Ihr Bischof Karl-Heinz Wiesemann

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