Redaktion der pilger

Mittwoch, 22. Januar 2020

Mehr Leben

Jesu Ruf ist Forderung und Verheißung

„Jesus und seine Botschaft – wie alles begann.“ So etwa ließe sich das heutige Evangelium überschreiben. Eine spannende Frage, wie es wohl angefangen hat mit Jesus und seiner Verkündigung. War die Verhaftung des Täufers der Anstoß für ihn, selbst in die Öffentlichkeit zu treten? Alle drei Synoptiker berichten vom Beginn der Predigttätigkeit Jesu, aber nur Matthäus bereitet diese Anfangsszene so ausdrücklich vor. Es geht dem Evangelisten hier nicht um eine geschichtliche Darstellung von Ereignissen und Orten, sondern um die Grundlegung der Predigt Jesu im Alten Testament.
Das Jesaja-Wort klingt uns noch im Ohr: „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen…“ Für das Volk im Dunkel, für Juden und Heiden ist Jesus als helles Licht erschienen. Er bringt Leben und Licht für alle, die im Schattenreich des Todes wohnen. Dieser Botschaft will Matthäus noch mehr Gewicht geben, indem er sie mit den Versen aus Jesaja 9 verknüpft. Da wird von einem strahlenden Licht gesprochen, von großer Freude und lautem Jubel. An den Bildern von der Ernte und vom Verteilen von Beute wird deutlich, dass Jesaja (und Matthäus) hier keine stille Freude meinen, kein sanftes Lächeln oder so etwas wie Glückseligkeit. Hier geht es um lautstarke Freude, Jubel aus vielen Kehlen – darüber, dass mit der Ernte oder der Beute das Überleben gesichert ist.
Vermutlich könnten wir eher an das „Halleluja“ aus Händels Messias denken, gesungen von einem 200-Personen-Chor und von einem riesigen Orchester begleitet, so dass man das Gefühl hat, die Fensterscheiben würden zerspringen. Die Fülle an Jubel begegnet uns hier in der Lesung – die „volle Dröhnung“, wäre vielleicht der passende einigermaßen moderne Ausdruck dafür.
Auf diesem Hintergrund geht es in der Matthäusperikope weiter. Leiser, aber nicht weniger spektakulär. Jesus beginnt seine Verkündigung mit dem Ruf zur Umkehr. Am Ufer des Sees trifft er auf Fischer, die er anspricht: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ Und sie lassen alles stehen und liegen, die Brüder Simon und Andreas wie auch Jakobus und Johannes, und folgen Jesus. Eine unglaubliche Geschichte ist das! Wer würde denn so etwas tun? Alles hinter sich lassen, den Ort, die Familie, den alten Vater im Boot, den Job, die Verpflichtungen und das ganze Leben – und mit diesem Jesus gehen? Auf die heutige Zeit übertragen, ist es kaum vorstellbar, dass Jesus mit seiner Berufungsmethode Erfolg gehabt hätte.
Aber natürlich soll mit diesen ersten Jüngerberufungen auch deutlich werden, dass Jesus nicht durch eine Methode, sondern mit der ihm eigenen Kraft überzeugen konnte. Von nun an würden sie Menschen fischen – so ruft er sie. Für unsere Ohren klingt das eher abschreckend, weil „Fischen“ auch immer mit „Fangen“ zu tun hat. Der Fisch landet in der Pfanne und wird verspeist. Keine sehr erfreuliche Vorstellung für‘s „Menschen-Fischen“! Zu diesem Wort ist es wichtig zu wissen, dass Matthäus hier zwei unterschiedliche Begriffe verwendet. Die Männer sind Fischer: sie fangen Fische ein, um sie zu essen oder mit ihnen Geschäfte zu machen. Aber das Wort „Menschen-FISCHEN“ bedeutet im Griechischen „lebendig machen“. Jesus will nicht Menschen wie Fische fangen, sondern sie lebendig machen, damit sie vom Leben und der Liebe „gefangen“ sind. Darunter können wir uns etwas völlig anderes vorstellen, was vielleicht auch die Fischer angerührt und bewegt hat. Vielleicht waren sie einigermaßen zufrieden mit ihrem Leben und spürten doch eine tiefe Sehnsucht in sich – nach mehr als dem „Normalen“, nach mehr Sinn und Leben.
Es könnte doch sein, dass auch wir diesem Ruf „Komm, folge mir!“ nachgehen würden, wenn wir spüren könnten, wie dieser Jesus da steht und sagt: „Komm!“ – und uns meint. Ganz ernsthaft. Uns ganz persönlich – mit unserer Sehnsucht nach Leben. So wäre der Aufbruch der vier Männer nachvollziehbar, die nach Matthäus „sofort“ ihre Netze und Boote, ihre Lieben und ihr Leben zurücklassen und sich mit Jesus auf den Weg machen.
Der Ruf Jesu und unsere Antwort darauf bleibt eine Herausforderung. Vor allem das Zurück-Lassen oder Los- Lassen stellt eine Lebensaufgabe dar. Aber unser Leben und unsere Art, es zu begreifen und zu leben, bekommt eine neue Perspektive, wenn wir das Lassen wichtiger nehmen als das Tun.
Genau diesen Schritt gehen die Fischer: Sie lassen ihr „Tun“, ihre Arbeit, ihren Alltagstrott – hinter sich. Sie lassen das „Einfangen“ und folgen Jesus, der sie mitnimmt, um Menschen lebendig zu machen – in einer Gelassenheit, die ihnen eine neue Offenheit für das Leben schenkt.
Jesus und seine Botschaft von Umkehr und dem Reich Gottes – spannend ist letztlich nicht die Frage, wie damals alles begann, sondern wie es heute weitergeht – mit uns. Ob wir den Ruf hören, das Wagnis des Loslassens eingehen, ob wir dem Licht im Dunkeln trauen… Dann könnte das Leben, dann könnte die Welt anders werden – für uns und alle, denen wir begegnen: ein wenig gelassener, heller, hoffnungsvoller – und ein bisschen lebendiger.

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