Redaktion der pilger

Mittwoch, 04. März 2020

„ Der Suizid droht normal zu werden“

Der Druck auf alte, schwache und kranke Menschen, anderen nicht zur Last zu fallen, wird steigen. (Foto: actionpress)

Der Palliativmediziner Winfried Hardinghaus sagt, es sei schwer, enge Grenzen für Sterbehilfe zu setzen

Der Vorsitzende des Deutschen Hospiz und Palliativverbandes Winfried Hardinghaus kritisiert das Urteil des Bundesverfassungsgerichts scharf. Er betont, dass Menschen mit einer guten Palliativversorgung würdevoller sterben
können.

Herr Hardinghaus, wie beurteilen Sie die Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts?


Ich sehe das Urteil mit großer Sorge. Ich befürchte, dass demnächst auch Menschen, die nicht schwerstkrank sind, problemlos Suizidbeihilfe über die Sterbehilfevereine bekommen können. Und ich halte es für absolut unmoralisch, dass die Vereine damit Geld verdienen.

Könnten sich alte und kranke Menschen genötigt fühlen, ihrem Leben ein Ende zu setzen, um niemandem zur Last zu fallen?

Diese Gefahr ist sehr groß. Es gibt doch schon heute solche Tendenzen, wenn alte Leute von sich aus sagen, dass sie ihrer Familie nicht zur Last fallen wollen.

Die Politik muss nun Rahmenbedingungen für die Sterbehilfevereine schaffen. Wie sollten die aussehen?

Ich befürchte, es ist nicht möglich, diese Grenzen eng genug zu stecken. Zwei Kriterien wurden vom Bundesverfassungsgericht aber schon genannt: Die Menschen sollen sich ohne Zwänge und eigenständig dafür entscheiden. Außerdem sollen sie ausreichend, vielleicht über eine Beratungspflicht, über die Alternativen zur Suizidbeihilfe informiert werden. Wir müssen in Zukunft darauf achten, dass das auch wirklich eingehalten wird.

Was halten Sie von diesen Kriterien?

Es ist sehr schwer, die Freiverantwortlichkeit zu überprüfen. Es gibt Psychiater, die sagen, dass von allen Suizidwilligen nur zehn Prozent für ihre Entscheidung frei verantwortlich sind. Die anderen stehen unter irgendeinem Druck oder sind psychisch krank.

Kann sich durch die Zulassung von Sterbehilfevereinen auch das Bewusstsein der Gesellschaft verändern?

Ja. Der Suizid droht normal zu werden. Wenn man keine Lust mehr hat zu leben oder wenn man Angst vor Schmerzen am Lebensende hat, kann die Suizidbeihilfe zu einem ganz gewöhnlichen Vorgang werden. Ein Suizid darf aber nichts Normales bei uns sein. Im Gegenteil: Wir müssen eigentlich um jeden Menschen weinen, der sich umbringen will.

Was heißt das Urteil für den Wert des Lebens von kranken und alten Menschen in unserer Gesellschaft?

Wir brauchen noch stärker eine solidarische Gesellschaft, die den kranken Menschen annimmt und ihn in seiner Würde, seiner Einzigartigkeit und seiner Spiritualität anerkennt. Das alles ist bei einem schnellen Tod mit Suizidbeihilfe durch Sterbehilfevereine nicht gegeben.

Können Sie den Wunsch von sterbenskranken Patienten verstehen, ihr Leiden mit Hilfe von Sterbehilfevereinen zu beenden?

Im Einzelfall kann ich eine solche Entscheidung verstehen. Ich bin auch kein
himmlischer Richter, der darüber urteilen will, wie ein Mensch an seinem Lebensende fühlt und denkt. Trotzdem sage ich immer wieder, dass wir mit der Palliativmedizin und der Hospizversorgung die Möglichkeit haben, den Menschen ein würdevolleres Ende zu bereiten.

Dennoch haben Menschen Angst vor Schmerzen und einem qualvollen Tod.

Das braucht niemand zu haben. Die Berichte, dass Patienten trotz einer palliativmedizinischen Betreuung qualvoll leiden müssen, halte ich für fragwürdig. Wir können heute schwerstkranken und sterbenden Menschen wirklich helfen. Die palliative Sedierung ist die letzte Option, bei der wir den Patienten mit seinem Einverständnis in einen oberflächlichen Schlaf legen. Er kann zwischendurch wach werden, man kann mit ihm sprechen und sich überzeugen, ob die Behandlung so für ihn gut ist.

Sind Sie als Palliativmediziner schon mit Suizidwünschen konfrontiert worden?

Ich habe immer wieder Patienten, die am Anfang der Behandlung einen solchen Wunsch hegen. Die allermeisten von ihnen haben das später aber nicht mehr vor. Im Gegenteil: Sie waren froh, dass sie keine Beschwerden hatten, dass sie von ihren Angehörigen in Ruhe Abschied nehmen und würdevoll sterben konnten.

Wie können Sie einen Menschen würdevoll in den Tod begleiten?

Zur Würde des Menschen gehört für mich seine Einzigartigkeit. Wir versuchen also, seine persönlichen Wünsche zu erfüllen. Das, was er möchte, und das, was er körperlich noch schafft, soll der Patient auch tun können. Dafür werden auch die Regeln des Krankenhauses gelockert. Wenn jemand noch einmal seinen Hund sehen möchte, dann wird das ermöglicht. Die psychosoziale und die spirituelle Begleitung der Patienten und ihrer Angehörigen gehören für uns auch erheblich mit dazu.

Wie hat sich die Palliativ- und Hospizversorgung in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt?

Es hat sich schon viel zum Guten entwickelt. Es gibt mehr finanzielle Mittel für die stationäre und die ambulante Hospizversorgung. Ambulante Dienste können heute leichter mit Krankenhäusern und Pflegeheimen kooperieren. Krankenkassen müssen ihre Mitglieder außerdem über die Möglichkeiten der Palliativmedizin und von Hospizen informieren. Allerdings haben wir immer noch keine flächendeckende Versorgung. Das und die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen in diesem Bereich wollen wir als Verband in Zukunft weiter fördern.

Was bedeutet das Urteil konkret für die Arbeit ihres Verbandes? Droht Ihnen jetzt ein Wettbewerb mit den Sterbehilfevereinen?

Darauf werden wir uns nicht einlassen. Wir werden weiterhin unsere Arbeit tun, so wie wir sie für gut und richtig halten. Wir werden weiterhin keine Suizidbeihilfe empfehlen, auch unseren Ärzten nicht. Wir bzw. die vielen professionellen und auch ehrenamtlichen Helfer können jedem Menschen zu einem würdigen Ende verhelfen. Das müssen wir in Zukunft aber noch stärker klarmachen.

Das Gespräch führte Kerstin Ostendorf

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