Redaktion der pilger

Donnerstag, 12. November 2020

Ein bedeutender Autor des Mittelalters

Fensterbild im Kloster Prüm, Abt Regino beim Schreiben. (Foto: Schneider/zg)

Stammt aus Altrip: Der weithin unbekannte Mönch und Benediktiner-Abt Regino von Prüm

Regino von Prüm, der als Sohn einer vornehmen fränkischen Adelsfamilie um 840 in Altrip geboren wurde, war zunächst Novize in der St. Medardus-Cella zu Altrip. Als man hier jedoch die große Begabung des Regino erkannte, wurde er ins Benediktinerkloster Prüm geschickt, zu dem die Klosterniederlassung in Altrip gehörte.
Regino wurde in Prüm Priester und Konventsmitglied, war also Mönch mit „ewiger Profess“. Als 892 die Abtei binnen zehn Jahren zum zweiten Male von Normannen zerstört wurde, gab Abt Farabert sein Amt auf und die Mönche wählten Regino zum Nachfolger. Regino schuf bereits in seinem zweiten Amtsjahr das Prümer Urbar, ein Besitzstandsbuch mit 118 Fron- und 1 530 Bauernhöfen in den Niederlassungen in Holland, dem heutigen Frankreich und der Oberrheinischen Tiefebene mit Mittelpunkt in Altrip. Er bewerkstelligte nicht nur den Wiederaufbau der Basilika in Prüm, sondern versuchte, wieder Ordnung in das Klosterleben zu bringen, was vielen wesentlich älteren Mönchen nicht behagte.

Regino verzichtete 899 entnervt auf die Abtswürde und wurde vom Trierer Erzbischof mit dem Wiederaufbau des ebenfalls von Normannen zerstörten Klosters St. Martin in Trier betraut. Für ihn und die Nachwelt ein Glücksfall, denn hier begann er seine schriftstellerische Arbeit. Im Auftrag des Trierer Bischofs Ratbod verfasste er eine Schrift zur Musiktheorie („De harmonica institutione“ von 902), um gegen den unmelodischen Klang der damaligen Kirchenmusik anzugehen. Er war davon überzeugt, dass ein Musiker auch die theoretischen Grundlagen beherrschen müsse. Seiner Schrift fügte er ein Verzeichnis mit gregorianischen Gesängen bei. Zur Notation bediente sich der Autor sogenannter Neumen, also grafischer Zeichen, Figuren und Symbolen, die Wurzel der späteren Notenschrift sind. Regino schuf damit eines der bedeutendsten kirchenmusikalischen Werke des Mittelalters.

Seit bekanntestes Werk ist aber das „Chronicon Reginosis“ (abgeschlossen 908), die erste auf heutigem deutschen Boden verfasste Weltchronik. Ehrgeiz war hierfür die Triebfeder: Es schien Regino unwürdig, dass die Ereignisse der Hebräer, Griechen, Römer und anderer Völker schriftlich überliefert sind, während dies im Land der Franken gänzlich fehlte. Er schrieb hierzu: „Deshalb wollte ich nicht dulden, dass die Zeiten unserer Väter und unsere Zeiten gänzlich unbesprochen vorübergingen; vielmehr war ich darauf bedacht, aus der Vielfalt einiges Wenige aufzuzeichnen, und ich habe, als ich zu den gegenwärtigen Zeiten kam, meine Rede sparsamer gehalten, um nicht bei denen Anstoß zu erregen, die noch leben: Die breitere Ausführung überlasse ich den Späteren.“

Die Weltchronik des Regino hat zwei Bände. Der erste Teil enthält die Zeit von Christi Geburt bis zum Tode Karl Martells im Jahr 741. Das zweite Buch legte er auf den Beginn der selbständigen Herrschaft der karolingischen Brüder Pippin II. und Karlmann und umfasst die Zeit bis 906. Obwohl die Chronik des Regino etliche Fehler aufweist, so wurde sein Werk in den Kopierstuben der Klöster im Mittelalter dennoch eifrig abgeschrieben und erfreute sich großer Verbreitung.
Regino hat sehr viel Wert auf kriegerische Taten gelegt. Und so zieht sich eine Blutspur nahezu durch die ganze Chronik. Er hat mehr auf adlige und kriegerische Tugenden geachtet, als auf christliche. Regino berichtete etwa, dass Bischof Wala von Metz im Kampf gegen die Normannen fiel und vergaß geflissentlich das Verbot des Waffentragens der Kleriker, das er selbst an anderer Stelle einschärfte.

Obwohl seit 380 das Christentum im Römischen Reich Staatsreligion war, gab es in der Berichterstattung und in Chroniken keine einheitliche Jahresfolge, sondern es wurden zumeist Regierungsjahre der Kaiser, die Märtyrer-Ära Diokletians, die Zeit ab der Gründung Roms oder gar die Zeit „seit Erschaffung der Welt“ angeführt. Die heutige Anno-Domini-Zeitrechnung wurde häufig Dionysius Exiguus (gestorben 556) zugeschrieben. Doch erst der Mönch Regino war es, der als erster in seiner Weltchronik konsequent von Christi Geburt bis 906 durchgängig die Ereignisse mit „im Jahr der Fleischwerdung des Herrn“ beschrieb.

Seine Chronik beginnt mit: „Im 42. Jahr der Herrschaft des Kaisers Octavian ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, geboren worden. In derselben Nacht wird von den Engeln die Frohe Botschaft verkündet; er wird von den Hirten aufgesucht, am achten Tage beschnitten, am dreizehnten Tag von den Magiern unter Führung des Sternes angebetet und mit mystischen Geschenken gepriesen...“ Wenn wir also jetzt das Jahr 2020 schreiben, so haben wir dies letztlich Regino von Prüm zu verdanken.

Reginos Werk „Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasicis“ von 906, ein Sendhandbuch für die Visitationsreisen der Bischöfe, ist heute noch eine interessante Quelle für Historiker. Regino hat darin erstmals das gesamte Kirchenrecht aus Papstbriefen, Bußbüchern, Kapitularien der Karolinger und Bischöfe, aus Mönchsregeln und dem römischen Recht zusammengetragen. Und er hat für neuzeitliche Übel zeitgemäße Antworten eingefordert. Das Sendhandbuch hat zwei Teile, mit Fragen an die Kleriker und an die Laien, in insgesamt rund 900 Kapitel. Ein großer Fragenkomplex behandelt Tod und Grab. Regino befasste sich auch mit Schaden- und Liebeszauber. Erstmals im deutschsprachigem Raum wurden  „luftfahrende Frauen“ erwähnt, also Hexen. Umfangreich nimmt sich der Fragenkatalog zur Sexualität aus, ebenso die entsprechenden Bußen. Interessant auch, dass verschiedene Bußen durch „Almosen“ gemildert werden konnten, ebenso, wenn bei den Verfehlungen Alkohol mit im Spiel war.
Im Eifelstädtchen Prüm wird wie im vorderpfälzischen Altrip an Regino erinnert. In Altrip gibt es seit 1905 die Reginostraße und seit 1911 ein Denkmal zu Ehren des Benediktinermönchs. 1968 erhielt der katholische Kindergarten den Namen Reginos, 1981 wurde das „Reginozentrum“ eingeweiht. Trotzdem ist die Bedeutung des Mönchs vielfach unbekannt. (Wolfgang Schneider)

 

 

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