Redaktion der pilger

Mittwoch, 09. Dezember 2020

Bischof Wiesemann: „Haben den Willen zur restlosen Aufklärung, ohne jeden Vorbehalt“

Bischof Karl-Heinz Wiesemann. (Bild: Pressestelle Bistum Speyer)

Aufarbeitungsprojekte führen zu weiteren Erkenntnissen – Verstorbener Generalvikar und Offizial des Bistums wird des sexuellen Missbrauchs beschuldigt

Aufarbeitungsprojekte in mehreren deutschen Bistümern haben zuletzt bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Neben der Diskussion um die Veröffentlichung des Kölner Gutachtens haben unter anderem die Bistümer Mainz und Münster Zwischenergebnisse eigener Aufarbeitungsprojekte vorgelegt. „pilger“-Interview mit Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann.

Herr Bischof, wie erklärt sich, dass der Stand der Aufarbeitung in den Bistümern in Deutschland so unterschiedlich ist?

Bischof Wiesemann: Im September 2018 wurden die Ergebnisse einer bundesweiten Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche veröffentlicht. Sie war von Wissenschaftlern aus Mannheim, Heidelberg und Gießen – daher die Kurzbezeichnung „MHG-Studie“ – im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz entwickelt worden. Diese Studie hat uns das erschreckende Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der Kirche vor Augen gestellt. Schon damals ist deutlich geworden: Versagen und Schuld treffen auch die Leitung auf allen Ebenen der Kirche. Leider wurde der Schutz der Kirche oft vor den Schutz der Betroffenen gestellt. Das bedauern wir zutiefst und bitten die Betroffenen aus tiefem Herzen um Verzeihung.
Es war 2018 für alle Bistümer klar, dass auf die MHG-Studie eine genaue Aufarbeitung des Missbrauchsgeschehens in den jeweiligen Diözesen folgen muss. Manche Bistümer haben daraufhin eigene Projekte gestartet. Schon bald hat sich gezeigt, dass bei der Aufarbeitung die Frage nach verbindlichen Kriterien und Standards eine wichtige Rolle spielt. Die Deutsche Bischofskonferenz und der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung haben in den vergangenen zwei Jahren solche Kriterien und Standards gemeinsam erarbeitet. Die katholische Kirche ist damit die erste Institution in Deutschland, die eine entsprechende Vereinbarung mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung unterzeichnet hat. Die Vereinbarung schafft die Grundlage für die Aufarbeitungsprojekte, die von weiteren Bistümern jetzt in Angriff genommen werden.

Wie ist der aktuelle Stand der Aufarbeitung im Bistum Speyer?

Bischof Wiesemann: Wir hatten uns nach der Veröffentlichung der MHG-Studie zunächst auf die juristische und die seelsorgliche Aufarbeitung konzentriert. In Gesprächen mit den Generalstaatsanwaltschaften in Zweibrücken und Saarbrücken haben wir 2018 über alle Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs informiert, die dem Bistum bekannt sind. Gleichzeitig habe ich die Betroffenen von sexuellem Missbrauch zu persönlichen Gesprächen eingeladen. Viele Betroffene haben diese Einladung gerne angenommen. In vielen Begegnungen, die seitdem stattgefunden haben, ist mir nochmal auf bewegende Weise deutlich geworden, dass wir die oft dramatischen Auswirkungen eines sexuellen Missbrauchs nur aus der Perspektive der Betroffenen angemessen verstehen können.
Als weitere Konsequenz aus der MHG-Studie haben wir im Bistum Speyer einen Beraterstab „Missbrauch und Prävention“ und einen „Runden Tisch Prävention“ ins Leben gerufen. Unser Ziel ist es, immer besser zu verstehen, wie es zum sexuellen Missbrauch in der Kirche kommen konnte und welche Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen ihn begünstigt haben oder immer noch begünstigen. Der Aspekt der Prävention muss überall, wo wir in unserem Bistum mit Kindern, Jugendlichen sowie schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen zu tun haben, dauerhaft präsent sein. Die nächsten Schritte sind jetzt die Gründung eines Betroffenenbeirats und einer unabhängigen Aufarbeitungskommission.

Gibt es denn Betroffene, die zur Mitarbeit in einem solchen Betroffenenbeirat bereit sind? Und was soll in einem solchen Betroffenenbeirat konkret geschehen?

Bischof Wiesemann: Wir haben Anfang Oktober über die Medien einen öffentlichen Aufruf gestartet und zur Mitarbeit im Betroffenenbeirat eingeladen. Die Resonanz war sehr positiv: Inzwischen haben sich mehrere Betroffene bei uns gemeldet, die Interesse haben, ihre Erfahrungen in einen solchen Betroffenenbeirat einzubringen. Je nachdem, wie sich die Corona-Pandemie weiterentwickelt, hoffe ich, dass wir schon bald zu einem ersten Treffen einladen können.
Der Betroffenenbeirat hat die Aufgabe, Erfahrungen zu bündeln, die Aufarbeitung im Bistum kritisch zu begleiten und Hinweise für eine Verbesserung der Präventionsmaßnahmen zu geben. Geplant sind drei bis vier Treffen pro Jahr, begleitet durch eine unabhängige Psychologin oder Psychologen. Ich wünsche mir, dass die Betroffenen durch den Betroffenenbeirat eine laute und starke Stimme im Bistum Speyer bekommen.

Ist geplant, dass Betroffene auch in der Aufarbeitungskommission mitwirken können?

Bischof Wiesemann: Ja, auf alle Fälle. Die Aufarbeitungskommission ist so angelegt, dass ihr auch zwei Mitglieder des Betroffenenbeirats angehören sollen. Die Vereinbarung mit dem unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung sieht vor, dass sich die Aufarbeitungskommissionen in den Diözesen aus jeweils sieben Mitgliedern zusammensetzen sollen: zwei Betroffene sowie fünf unabhängige Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz und öffentlicher Verwaltung. Zwei von ihnen werden von den Landesregierungen in Mainz und Saarbrücken benannt, drei von der Diözese. Wir sind mit den Landesregierungen dazu gerade im Gespräch.
Die Aufarbeitungskommission wird unabhängig vom Bistum arbeiten. Dies möchte ich ausdrücklich betonen. Denn der Kirche wurde in der Vergangenheit ja immer wieder mal vorgeworfen, sie meine, die Fehler in den eigenen Reihen ohne Zutun von außen klären zu können. Durch das Anzeigen von lebenden Beschuldigten bei den Staatsanwaltschaften und die Einrichtung einer unabhängigen Aufarbeitungskommission, die auch die weiter zurückliegenden Fälle mit bereits verstorbenen Beschuldigten untersuchen wird, haben wir uns ganz bewusst für einen anderen Weg entschieden.
Wir haben den Willen zur restlosen Aufklärung, ohne jeden Vorbehalt. Auch das kommt in der Einrichtung der unabhängigen Aufarbeitungskommission zum Ausdruck. Wir hoffen, dass auch sie im ersten Quartal des nächsten Jahres mit ihrer Arbeit beginnen kann. Aber das hängt natürlich von der weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens ab.

Was kann man sich von der Arbeit der unabhängigen Aufarbeitungskommission erwarten? Sie sagten ja, dass die juristische und seelsorgliche Aufarbeitung bereits angestoßen wurden.

Bischof Wiesemann: Die Aufgabe der Aufarbeitungskommission wird sein, die Missbrauchsfälle in unserer Diözese noch einmal genau anzuschauen, und das auch hinsichtlich der Frage, ob auf Missbrauchsvorwürfe oder Missbrauchsfälle von Seiten der Diözese verantwortlich reagiert wurde. Zur Klärung dieser Frage werden wir sicher auch Hilfe von außen benötigen, zum Beispiel durch ein sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut oder eine Anwaltskanzlei, die sich auf Fragen der Aufarbeitung spezialisiert hat.

Rechnen Sie damit, dass durch die Aufarbeitungskommission noch einmal neue Erkenntnisse über den Missbrauch im Bistum Speyer gewonnen werden?

Bischof Wiesemann: Ja, davon gehe ich aus. Bisher sind wir den Einzelfällen nachgegangen. Jetzt kommt es darauf an, das Ganze in den Blick zu nehmen und die systemischen Zusammenhänge zu analysieren. Schon bei unserer Recherche für die MHG-Studie sind wir auf Hinweise gestoßen, die dringend einer weiteren Aufklärung und Aufarbeitung bedürfen. Es deutet manches daraufhin, dass auch ein bereits verstorbenes Mitglied des Allgemeinen Geistlichen Rates zu den Tätern gehört haben könnte. Das muss von der Aufarbeitungskommission jetzt genau untersucht werden.

Das ist in der Tat etwas Neues. Können Sie mehr dazu sagen?

Bischof Wiesemann: Uns liegen mehrere Missbrauchsmeldungen gegen den früheren Generalvikar und Offizial des Bistums Prälat Dr. Rudolf Motzenbäcker vor. Er war von 1959 bis 1968 Generalvikar und von 1969 bis 1995 Offizial des Bistums Speyer. 1998 ist er verstorben.
Drei Betroffene haben unabhängig voneinander Vorwürfe gegen ihn erhoben. Sie gaben an, im Zeitraum zwischen 1963 und 1975 von ihm über einen längeren Zeitraum missbraucht worden zu sein. Wir haben alle Informationen der Staatsanwaltschaft mitgeteilt. Doch die Staatsanwaltschaft ermittelt grundsätzlich nicht gegen verstorbene Personen. Das führt uns in eine Situation, in der wir auf der einen Seite die Vorwürfe von drei Betroffenen haben und auf der anderen Seite eine strafrechtliche Untersuchung und juristische Klärung nicht mehr möglich ist.
Ein Betroffener hat in diesem Jahr vor einem Sozialgericht erfolgreich Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz eingeklagt. Das Gericht war nach eingehender Untersuchung und gestützt auf ein wissenschaftliches Glaubwürdigkeitsgutachten zu der Überzeugung gelangt, dass der sexuelle Missbrauch stattgefunden hat. Das Urteil deckt sich auch mit unserer Einschätzung. Wir haben mit dem Betroffenen mehrere Gespräche geführt und glauben ihm, dass er als Kind und Jugendlicher in der Obhut des von den Niederbronner Schwestern geführten Kinderheims in der Speyerer Engelsgasse, das bis zum Jahr 2000 bestanden hat, schweren Missbrauch erlitten hat. Daher haben wir ihm auch Zahlungen in Anerkennungen des Leids geleistet und weitere Therapiekosten für ihn übernommen.
Für mich unterstreicht dieser Sachverhalt die Notwendigkeit nach Einrichtung einer unabhängigen Aufarbeitungskommission. Die Untersuchung der Missbrauchsmeldungen gegen den früheren Generalvikar und Offizial Dr. Rudolf Motzenbäcker wird dabei sicher eine wichtige Rolle spielen.

Bisher hat das Bistum es immer abgelehnt, Namen von Beschuldigten zu nennen. Warum behandeln Sie die Beschuldigungen gegen Prälat Motzenbäcker nun auf einmal anders? Nur weil er bereits verstorben ist und sich nicht mehr dagegen wehren kann?

Bischof Wiesemann: Nein, das ist nicht der Grund. Bei lebenden Beschuldigten gehen wir grundsätzlich den Weg der juristischen Klärung. Wir zeigen den Missbrauchsverdacht bei der Staatsanwaltschaft an. Alle Untersuchungen werden dann von der Staatsanwaltschaft geführt. Solange es zu keiner Verurteilung durch ein Gericht kommt, gilt für uns die Unschuldsvermutung. In diesen Fällen lehnen wir es konsequent ab, öffentlich die Namen von Beschuldigten zu nennen.
In diesem Fall liegen die Dinge anders. Der Beschuldigte ist verstorben, so dass eine gerichtliche Untersuchung nicht mehr möglich ist. Die Staatsanwaltschaften ermitteln prinzipiell nicht gegen Verstorbene. Angeregt durch die Aufarbeitungsprojekte in anderen Bistümern, wird derzeit verstärkt nach der Beteiligung von Verantwortungsträgern auf der oberen Leitungsebene der Bistümer gefragt. Es wäre aus unserer Sicht unehrlich, die Vorwürfe gegen Prälat Motzenbäcker auf solche Anfragen nicht oder nur in Andeutungen zu benennen. Hier geht es in meinen Augen um Glaubwürdigkeit und Transparenz, die gerade für die Aufarbeitung von zentraler Bedeutung sind. Bei Andeutungen würde zudem eine ganze Gruppe von möglichen Personen unter Verdacht gestellt, was mir auch im Blick auf Angehörige und Freunde der Betreffenden als problematisch erscheint.
Die Vorwürfe, die von den drei Betroffenen unabhängig voneinander gegen Prälat Motzenbäcker erhoben wurden, sind in unseren Augen sehr gewichtig. Auch das Gerichtsurteil zugunsten eines Betroffenen und das zugrundliegende Glaubwürdigkeitsgutachten kann man bei der Einschätzung nicht einfach beiseite lassen. Das Urteil des Sozialgerichts ist öffentlich, Prälat Motzenbäcker wird darin namentlich genannt. Hinzu kommt, dass das Persönlichkeitsrecht bei Personen des öffentlichen Lebens enger gefasst ist als bei anderen, weniger exponierten Personen.
Wir finden, die Gläubigen im Bistum wie auch die Öffentlichkeit haben in der jetzigen Situation, in der sich der Fokus auf die Rolle von Verantwortungsträgern auf der oberen Leitungsebene richtet, ein Anrecht darauf, über diesen Sachverhalt informiert zu werden.
Auch könnte sein, dass es weitere Betroffene gibt, die sich bisher nicht getraut haben, mit den unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Bistums Kontakt aufzunehmen. Wir haben uns zum Öffentlichmachen der Vorwürfe gegen Prälat Motzenbäcker auch deshalb entschlossen, um diese Menschen zu ermutigen, sich ohne Angst zu melden. Wir entscheiden uns damit für ein ähnliches Vorgehen wie zum Beispiel das Bistum Mainz, wo der Zwischenbericht über die Aufarbeitung ebenfalls mit einem Aufruf an weitere möglicherweise Betroffene verknüpft wurde.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal alle, die einen sexuellen Missbrauch durch Mitarbeitende der Kirche erfahren haben, ausdrücklich bitten, mit den beiden unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Bistums, Ansgar Schreiner und Dorothea Küppers-Lehmann, Kontakt aufzunehmen.
Gleichzeitig möchte ich klar betonen, dass mit diesem Schritt der Veröffentlichung keine Vorverurteilung durch das Bistum verbunden ist. Die genaue Untersuchung und die Bewertung der Hinweise liegen in den Händen der unabhängigen Aufarbeitungskommission.

Haben Sie nicht die Sorge, dass durch die Aufarbeitung im Bistum Speyer Wunden, die schon längst verheilt waren, neu aufgerissen werden?

Bischof Wiesemann: In vielen Gesprächen mit Betroffenen haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Wunden erst dann wirklich verheilen, wenn das Unrecht klar beim Namen genannt wird. Nicht alle Betroffenen wollen das. Manche haben mit dem Geschehen auch schon auf andere Weise gut abgeschlossen. Das respektieren wir natürlich genauso.
Auf der anderen Seite haben wir aber auch die Missbrauchsfälle, in denen Menschen seit Jahrzehnten darauf warten, dass jemand sie anhört und ihnen Glauben schenkt. Diese Menschen haben ein Anrecht auf eine ehrliche Aufarbeitung. Mir ist völlig bewusst, dass das mitunter ein schmerzlicher Weg sein kann, für Betroffene ebenso wie für Beschuldigte, aber auch für Angehörige, Freunde und Menschen im Umfeld.
Auch ich persönlich bin in den letzten Jahren einen schmerzlichen Weg des Lernens gegangen. In den Gesprächen, die ich selbst mit Betroffenen führen durfte, ist mir die Dimension des erlittenen Leids und Unrechts immer tiefer aufgegangen. Nur wenn wir uns den dunklen Seiten der Vergangenheit ehrlich stellen, sind wir Kirche im Sinne Jesu: eine Kirche, die Unrecht – auch in den eigenen Reihen – beim Namen nennt und sich konsequent auf die Seite der Betroffenen stellt.

Kontakt:
Ansgar Schreiner
Unabhängiger Missbrauchsbeauftragter des Bistums Speyer
Handy 0151/148 800 09
E-Mail: ansprechpartner@
bistum-speyer.de

Dorothea Küppers-Lehmann
Unabhängige Missbrauchsbeauftragte des Bistums Speyer
Handy 0151/148 800 14
E-Mail: ansprechpartnerin@bistum-speyer.de

 

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