Redaktion der pilger

Mittwoch, 06. Januar 2021

„Auch wir haben viel dazugelernt“

Dr. Thomas Kiefer: „Die momentane Situation fordert uns geradezu heraus, die gesamte Pastoral in den Pfarreien auf den Prüfstand zu stellen.“ (Foto: Bistum Speyer)

Dr. Thomas Kiefer über das Pastorale Konzept, seine Bedeutung und den aktuellen Sachstand im Bistum

Am 1. Januar 2016 trat das neue Seelsorgekonzept des Bistums „Gemeindepastoral 2015“ in Kraft. Eines seiner Kernelemente ist das Pastorale Konzept, in dem die 70 Pfarreien des Bistums Speyer ihre pastoralen Schwerpunkte festschreiben. „der pilger“ hat Dr. Thomas Kiefer, Leiter der Abteilung Seelsorge in Pfarrei und Lebensräumen im Bischöflichen Ordinariat Speyer, nach dem aktuellen Sachstand befragt.

Herr Dr. Kiefer, welche Bedeutung haben die Konzepte für die pastorale Arbeit in den Pfarreien? Hat sie sich aufgrund der bereits gemachten Erfahrungen in den vergangenen fünf Jahren verändert?

Thomas Kiefer: Mit den bereits erarbeiteten Pastoralen Konzepten wird ganz unterschiedlich gearbeitet. Bei einer stichprobenartigen Befragung von Pfarreien, die von der Gemeinde- und Organisationsberatung enger begleitet wurden, konnten wir den Eindruck gewinnen, dass die Erarbeitung des Konzeptes nicht nur als Last, sondern auch als Gewinn erfahren wird. So antwortete uns ein Leitender Pfarrer: „Gewonnen habe ich einen detaillierten Überblick und Einblick in meine neue große Pfarrei; dazu eine Vision, von der wir uns im Dienst an den Menschen, die hier leben, leiten lassen.“
Auf die Frage, welche Lernerfahrungen man vor Ort machen konnte, wurde uns vom Vorstand eines Pfarreirats aus der Südpfalz geantwortet: „Wir haben gelernt, aufeinander zuzugehen, die Vielfalt der Gemeinden zu erkennen, Kompromisse einzugehen, wenn es darum ging, Schwerpunkte zu setzen. Unsere Perspektiven wurden erweitert und Synergien gebildet. Der Blick auf das Wichtige in der Seelsorge braucht Zeit und einen langen Atem, aber es hat sich gelohnt. Wir haben gespürt, dass die Erstellung des Pastoralen Konzepts für das Zusammenwachsen zu einer Pfarrei ganz wesentlich ist. Unsere Klausurtage waren immer von einer großen Konstruktivität und Offenheit geprägt.“
Und eine Pfarreiratsvorsitzende schrieb uns: „Ein genauer Blick auf scheinbar so Bekanntes schärft die Wahrnehmung von Details und kann manchmal Überraschendes hervorbringen. Bei der Pfarreianalyse war am Anfang schon die Sperre ,Kenne ich doch alles‘ im Kopf; aber letztendlich hat die detaillierte Beschäftigung mit den Gemeinden der Pfarrei die (gegenseitige) Wahrnehmung viel bewusster gemacht; das kann auch zu mehr Achtung voreinander führen. Das nehme ich für mich als Lehre mit, dass ich nicht vorschnell etwas als ,bekannt‘ abtue und dass der ,zweite Blick‘ doch etwas bringen kann.“
Aus den Antworten darf man durchaus schließen, dass es sich lohnt, miteinander den Sozialraum wahrzunehmen, eine Vision zu entwickeln und Schwerpunkte zu setzen.
Wir wissen aber auch, dass das eine oder andere Konzept in der Schublade liegt und aktuell keine Relevanz hat. Gerade deshalb haben wir nach der ersten Arbeithilfe „Wir erstellen ein Pastorales Konzept“ eine zweite Arbeitshilfe mit dem Titel „Wir arbeiten mit dem Pastoralen Konzept“ aufgelegt. Dort finden sich unterschiedliche Impulse, um die bereits ausformulierten Schwerpunktsetzungen mit Leben zu füllen oder auch zu aktualisieren.

Wie sieht der aktuelle Sachstand aus? Wie viele Konzepte befinden sich in welchem Stadium?

Thomas Kiefer: 13 Pastorale Konzepte wurden inzwischen in Kraft gesetzt. Sie können auf der Homepage des Bistums eingesehen werden. Elf weitere Konzepte wurden erstellt und beim Bischöflichen Ordinariat eingereicht. Acht der elf Pfarreien erhielten inzwischen Besuch von Domkapitular Franz Vogelgesang und mir. Bei den Gesprächen mit den Pfarrgremien geht es uns darum, zu hören und dabei auch zu lernen, wie vor Ort auf die heutigen Herausforderungen reagiert und Seelsorge gestaltet wird. Und wir stellen den Pfarreien die Expertise der Fachreferate des Bischöflichen Ordinariats und der Caritas zur Verfügung.
Zuletzt waren wir in Feil-
bingert und Grünstadt. Das sogenannte „Feedbackgespräch“ mit der Pfarrei Heiliger Franz von Assisi Ludwigshafen mussten wir wegen der Corona-Pandemie als Videokonferenz durchführen, und das noch ausstehende Gespräch mit der Pfarrei Heilige Edith Stein Schifferstadt musste auf dieses Jahr verlegt werden. Wir gehen davon aus, dass von den elf Pastoralen Konzepten, die nach unseren Anregungen jetzt noch einmal überarbeitet werden, auf alle Fälle acht im Jahr 2021 in Kraft gesetzt werden können.
Von 27 Pfarreien wissen wir, dass diese noch mit der Erstellung beschäftigt sind. Ich rechne damit, dass in diesem Jahr wieder einige Feedbackgespräche stattfinden können. Von den restlichen Pfarreien bekommen wir auf Nachfrage entweder gemeldet, dass sie auf dem Weg sind, aber vonseiten des Bischöflichen Ordinariats keine Begleitung benötigen oder dass sie sich schwer tun, mit dem Projekt zu beginnen oder es weiterzuverfolgen.

Ein Großteil der Pfarreien hat also das Papier immer noch nicht fertig. Woran liegt das?

Thomas Kiefer: Viele Pfarreien brauchten die ersten vier Jahre nach unserer Pfarreireform Zeit, um zueinander zu finden. Für die war einfach noch nicht die Zeit reif, für die ganze Pfarrei zu denken und zu planen. Deswegen startete man dort mit der Pfarreiananalyse erst gegen Ende der Wahlperiode der Pfarrgremien. Und kaum hatten sich nach den Neuwahlen die Räte konstituiert, wurden diese von der Covid-19-Pandemie überrascht.
Wir haben aber auch festgestellt, dass dort, wo es den Pastoralteams gelingt, in partizipativer Teamarbeit mit den Ehrenamtlichen zusammen die Seelsorge zu planen, ganz selbstverständlich mit der Erstellung der Konzepte begonnen werden kann. Und noch etwas haben wir gelernt: Es braucht immer ein paar „Sinnstifter“, die vorangehen und die anderen motivieren, das Vorhaben anzugehen. Wenn niemand da ist, der eine Neuausrichtung der Seelsorge für notwendig hält, gibt es auch kein Pastorales Konzept.

Inwieweit beeinflusst die Corona-Pandemie zusätzlich den Prozess?

Thomas Kiefer: Gemeinsame Planungen, spirituelle Suchprozesse und Schwerpunktsetzungen setzen ein Mindestmaß an Kommunikation voraus. Wenn die Menschen nicht zueinander kommen können, wird es auch schwierig, ein Konzept zu erstellen.
Hinzu kommt, dass alle Seelsorgerinnen und Seelsorger mit dem ersten Lockdown vor Ostern und wegen der vielen damit einhergehenden Einschränkungen ihre Pastoral von heute auf morgen umstellen mussten. Täglich war und ist man neu herausgefordert, auf kirchliche und staatliche Vorgaben zu reagieren. Und da liegt es doch auf der Hand, dass konzeptionelles Arbeiten erst einmal pausieren muss. Außerdem kommt hinzu, dass mit der Corona-Pandemie Um- und Abbrüche kirchlichen Lebens einhergehen oder in einer Deutlichkeit hervortreten, so dass bereits vorgenommene Planungen noch einmal überdacht werden müssen. Und das braucht Zeit.
Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass uns die momentane Situation geradezu herausfordert, die gesamte Pastoral in den Pfarreien auf den Prüfstand zu stellen. Hier kann nun wiederum das Pastorale Konzept ein wertvolles Instrument sein.

Die Abgabefrist wurde in der Vergangenheit schon zwei Mal verlängert. Gibt es einen endgültigen Termin, bis wann die Konzepte vorliegen müssen?

Thomas Kiefer: Generalvikar Andreas Sturm hat sich im Herbst 2020 an die Pfarreien gewandt mit der Aufforderung, für die Fertigstellung der Konzepte bis zum Jahr 2023 zu sorgen. Das ist auch sinnvoll, denn nur so haben nach der Neuwahl der Pfarrgremien die neu gewählten Teams die Chance, auf einer guten Grundlage in die nächste Amtsperiode zu starten.   

Von Seiten der Pfarreien hagelt es teilweise Kritik an den Konzepten. Als eine Schwäche wird etwa genannt, dass die personellen Ressourcen in Zukunft nicht absehbar sind. Wie begegnen Sie solchen Einwänden?

Thomas Kiefer: Diese Kritik ist mir sehr bekannt. Und ich habe dafür Verständnis, denn die Erarbeitung eines soliden Konzeptes kostet Zeit, macht Arbeit und kann nicht einfach so nebenher erledigt werden. Gleichzeitig hilft aber eine durchdachte Prioritätensetzung, Überlastungen zu minimieren. Häufig ist es doch so, dass sowohl die Haupt- als auch die Ehrenamtlichen meinen, das gewohnte Leistungspensum erbringen zu müssen, obwohl es immer weniger Menschen gibt, die für die Dienste in der Pfarrei zur Verfügung stehen und obwohl sich immer weniger Menschen für unser „Standardangebot“ interessieren.
Außerdem halte ich den Skeptikern gerne eine interessante Erfahrung entgegen: Nämlich dort, wo neue Wege gegangen und alte Zöpfe abgeschnitten werden, finden sich auch neue Ehrenamtliche ein, die mit Freude und Engagement sozial-caritative, innovativ-liturgische oder missionarische Initiativen ergreifen.

Würden sie rückblickend einiges anders machen? Gibt es eventuell sogar Pläne, die Vorgaben für die Erstellung der Konzepte zu verändern?

Thomas Kiefer: Mit der Erstellung der Pastoralen Konzepte haben auch wir im Bischöflichen Ordinariat viel dazugelernt. Und wir wollen auch in Zukunft weiter lernen! Aus diesem Grund wurde von uns der Freiburger Pastoraltheologe Professor Bernhard Spielberg beauftragt, zu erheben, wie erfolgreich vor Ort in den Pfarreien das Seelsorgekonzept des Bistums umgesetzt wird (oder auch nicht) und welche  konkrete Wirkkraft von den vor Ort verfassten Pastoralen Konzepten ausgeht. Dazu soll ein Online-Fragebogen Anfang Februar an Haupt- und Ehrenamtliche verschickt werden.
Eines ist uns bereits jetzt schon klar, nämlich dass wir die Herzmitte aller Konzepte, die Erstellung einer Vision, zu wenig betont hatten. Wenn es nämlich den Pfarreien gelingt, in der Stille und im gemeinsamen Gebet sich eine Vision für die Pfarrei schenken zu lassen, wächst das Konzept nahezu von alleine.
Und noch etwas mussten wir lernen: Im Hinblick auf die Pfarreinanalyse haben wir den Akteuren vor Ort vermutlich zu viel abverlangt. Heute raten wir dazu, weniger Zahlen zu erheben und mehr mit den Menschen, die in der Pfarrei wohnen, ins Gespräch zu gehen und zu fragen: Was erwartet ihr von eurer Kirche? Wo kann Kirche euch angesichts eurer Sorgen und Hoffnungen unterstützen? Eine Befragung vor dem Supermarkt oder in der Kindertagesstätte gibt höchstwahrscheinlich deutlichere Hinweise als die Erhebung von Bevölkerungsdaten.
Aber klar ist, dass der Bischof und die Bistumsleitung an der Erstellung der Pastoralen Konzepte festhalten wollen.

Die Konzepte sollen spätestens nach acht Jahren angepasst werden. Haben sich Pfarreien bereits damit beschäftigt?

Thomas Kiefer: Vor dieser Aufgabe stehen die Pfarreien, die bereits vor 2015 ein Konzept erstellt haben. Das gilt zuallererst für die vier sogenannten „Projektpfarreien“ in Kaiserslautern, Germersheim, Homburg und Queidersbach. Erste Schritte wurden dort getan. Und mit der bereits erwähnten zweiten Handreichung wollen wir dazu einen weiteren Impuls geben.
In diesem Jahr wollen wir deshalb ganz gezielt auf diese und weitere Pfarreien zugehen. Dazu wollen wir ortsnah jeweils zwei, drei Pfarreien zur kollegialen Beratung einladen. Außerdem wird zurzeit ein maßgeschneidertes Fortbildungsangebot konzipiert.

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