Redaktion der pilger

Mittwoch, 24. Februar 2021

Gott hört die Not

Menschsein in Selbstachtung, Solidarität und Liebe

Waren Sie schon einmal auf dem Tempelberg in Jerusalem? Die Kraftlinien dreier Weltreligionen begegnen sich hier: Judentum, Christentum und Islam. Unter dem wunderbaren, 1300 Jahre alten Felsendom liegt ein Stein, von dem aus, so glauben die Muslime, der Prophet Mohammed in den Himmel entrückt wurde, wo er die Offenbarungen empfing. Hier stand aber auch der Brandopferaltar des jüdischen Tempels. Jesus hat im Tempel gelehrt. Nur einen Steinwurf weit entfernt ist die Grabeskirche mit dem Golgothafelsen und dem Heiligen Grab.
Der Ort unter der Kuppel des Felsendoms gilt nach der Heiligen Schrift auch als der Berg Moria, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Abraham, der Stammvater von Juden, Christen und Muslimen. Und alle drei Religionen haben ihre eigenen Interpretationen dieser Erzählung. Die Einheitsübersetzung überschreibt sie mit: Die Erprobung Abrahams. Die jüdische Tradition spricht von der „Bindung Isaaks“.
Die Anstößigkeit der Geschichte bleibt und sie wird am Beginn noch gesteigert. Gott betont es selbst: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst“ und bringe ihn als Brandopfer da. Abraham liebt seinen Sohn, wohl mehr als alles, wohl mehr als sein Leben. Ihn soll er töten, schlachten wie ein Stück Vieh. Um Gott „die Ehre zu geben“? Und er macht sich auf. Er protestiert nicht, verlangt keine Erklärungen. Er redet auch nicht mit Isaak darüber. Auch mit seiner Frau Sarah spricht er nicht. In der jüdischen Tradition hat man sich damit nicht abgefunden. So heißt es in einer Erzählung, dass Sarah, als sie hörte, dass ihr Mann ohne den Engel den Sohn geopfert hätte, sechs Schreie ausgestoßen habe und auf der Stelle gestorben sei. Hätte Abraham nicht doch widersprechen müssen? Um der Menschlichkeit willen? Ja, auch um Gottes willen?
Moria oder mori-jah heißt „Jahweh ist mein Lehrer“. Und Abraham ist in dieser Lehrgeschichte der Schüler – an unserer statt. Es geht hier um eine Befreiungsgeschichte. Eine Befreiung, die manchmal auch den äußersten Einsatz verlangt, den Einsatz dessen, was wir lieben wie nichts sonst. Ja, den Einsatz des eigenen Lebens. Es geht hier nicht um Isaak, es geht hier um Abraham. Es geht um die Selbstpreisgabe Abrahams an Gott. Er liebt seinen Sohn, er liebt aber auch Gott, dem er vertraut bis zur letzten Sekunde, bis in seine Todesnot, als er das Messer hebt. Er versteht den Befehl Gottes nicht, handelt wie in blindem Gehorsam. Zweifelt er nicht an Gott? Hofft er auf sein Eingreifen? Dieser Gott hat sich doch bisher als Befreiergott gezeigt, der ihn zum Aufbruch und Ausbruch aus allen alten Bindungen und Zwängen – des Stammes, der Familie, der Religion – herausgerissen und ihn auf einen neuen Weg, einen Weg des Lebens geschickt hat. Der ihm beigestanden ist in Not und Gefahr. Gott, der ihm gesagt hat, ich will, dass Du lebst, auch dass du weiterlebst in deinen Nachkommen. „Geh vor mir her und sei ganz!“ (Gen 17, 1). Sei ein Mensch vor mir, ein Mensch mit einem Namen, einer Geschichte und einer Zukunft. Ich werde dir ein Segen sein und ich werde dich in deinen Nachkommen, in Ismael (Gen 21, 18) ebenso wie in Isaak segnen.
Eine Befreiungsgeschichte. Es geht um das Menschsein des Menschen. Es geht um gelingendes Menschsein. Untrennbar damit verbunden ist die Erfahrung einer letzten Grenze, die der Mensch nicht überschreiten darf, will er Mensch sein. Es ist die Grenze, die stehen bleiben muss, wenn wir eine Kultur des Lebens wollen in Menschenwürde, in Menschlichkeit, in Selbstachtung, Liebe und Solidarität, ein Leben, in dem Güte zum Leben befreit und uns selbst im grauesten Alltag durchfließt. Diese Grenze ist das Menschenrecht auf Leben. Das meint nicht nur das reine Existenzrecht, sondern ein Leben, in dem sich Nächstenliebe und Schönheit und Lebensfreude entfalten. Du wirst nicht töten, heißt es in den Zehn Geboten. Sonst bist du nicht Israel, sonst bist du nicht Christ, sonst bist du nicht ein wahrer Muslim!
Mit der Bindung Isaaks bindet sich Abraham ein letztes Mal an Gott. Ich höre seinen stummen Schrei: Ich lasse dich nicht, du Ungeheuerlicher! Ich übergebe mich dir ganz und wenn ich daran zerbreche! Jahweh hört die Verzweiflung des Abraham und schickt seinen rettenden Engel. Ich höre Jesu Schrei am Kreuz, den vom Vater ausgelieferten Sohn: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Mt 27, 46; Ps 22, 2). Und der Vater hört ihn. Der Vater, der alles gibt (Thomas Bettinger)

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