Redaktion der pilger

Freitag, 26. März 2021

Eine weitere Kränkung der Kirche

Die Anlaufstelle für Betroffene hat einen neuen Internetauftritt auf der Bistums-Homepage: www.bistum-speyer.de (Seelsorge/LSBTI-Menschen). (Foto: Bistum Speyer)

Dekret aus dem Vatikan: Adrian Mottl aus Ludwigshafen fühlt sich als schwuler Mann von Rom diskriminiert

„Die Nachricht aus Rom hatte mir schlicht den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war kurz vor dem Punkt, aus der Kirche auszutreten.“ Adrian Mottl ist aus voller Überzeugung Katholik, aber die Haltung des Vatikans, gleichgeschlechtlichen Paaren die Segnung von Seiten der Kirche zu verweigern, hat ihn im Mark getroffen. 
Der 23-Jährige lebt seit Ende 2017 in einer schwulen Beziehung, die getragen ist von Liebe und Vertrauen. Die Begründung der Glaubenskongregation, dass Verbindungen von homosexuellen Paaren nicht dem göttlichen Willen entsprechen würden und deshalb nicht gesegnet werden könnten, kann er nicht nachvollziehen. „Wie ist es möglich, dass die Kirche zwei Menschen, die sich lieben, unterstellt, dass sie sündigen?“ Das fühle sich für ihn wie „eine zweite Erbsünde an, die man aufgedrückt bekommt, weil man so ist wie man ist“.  Adrian Mottl glaubt dagegen ganz fest daran: „Wenn es einen Gott der Liebe gibt, dann gilt diese Liebe auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Gott interpretiert meine Sexualität nicht als Sünde.“

Für den jungen Mann aus Ludwigshafen, der derzeit eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Marienkrankenhaus in der Chemie-Stadt absolviert, ist die jüngste Äußerung aus Rom eine weitere traurige Erfahrung, die er mit der Kirche aufgrund seiner homosexuellen Neigung schon machen musste.  

Seit seiner Erstkommunion im Jahr 2007 engagiert sich Adrian Mottl in der Pfarrei Heilige Katharina von Siena seiner Heimatstadt. Er ist Ministrant, Lektor und bringt sich als Sakristan ein. Von seinen homosexuellen Neigungen erzählte er zunächst nur seinen engsten Freunden, vor allem im Ministrantenkreis, und einem ehemaligen Seelsorger der Pfarrei, für die das bis heute kein Problem darstellt. Einen größeren Schritt wagte Adrian Mottl, nachdem er seinen Lebenspartner kennen- und lieben gelernt hatte. Zwar ging er mit der neuen Lebenssituation nicht hausieren, „aber wenn es sich im Gespräch ergeben hat, etwa, wenn ich gefragt wurde, ob ich eine Freundin habe, sagte ich die Wahrheit und entgegnete: nein, einen Freund“. 

Dabei habe er immer wieder erlebt, dass seine Partnerschaft nicht als gleichwertig mit einer heterosexuellen Beziehung betrachtet wurde, weil daraus keine Kinder erwachsen können. „Da habe ich mich gefühlt, wie ein Kirchenmitglied zweiter Klasse.“ Als er während eines Beichtgespräches einmal einem Priester erzählte, was ihn beschäftigt und dabei auch sein Schwulsein erwähnte, sprach der Seelsorger ihm nicht, wie erhofft, Mut zu, sondern riet ihm stattdessen, ein sogenanntes „Heilungscamp“ aufzusuchen, um sich dort von Psychologen kurieren zu lassen. Diese Situation ist für den 23-Jährigen ebenso unvergessen wie die Aussage eines gleichaltrigen Jugendlichen, er durchlebe wohl eine verwirrte Zeit, weil er bei den Mädchen nicht so ankomme und solle sich auf den geraden Weg bringen lassen. 

Trotz des Unverständnisses und den Abwertungen, die Adrian Mottl immer wieder erfahren muss, möchte er der Kirche nicht den Rücken kehren. „Es kann nicht sein, dass ich den Hardlinern das Feld überlasse“, gibt er sich selbstbewusst. Jemand habe einmal zu ihm gesagt: „Wenn die eigene Mutter krank ist, dann lässt man sie nicht alleine.“ Genauso wolle er das mit der Mutter Kirche handhaben und für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare kämpfen, trotz oder gerade aufgrund von diskriminierenden Äußerungen. „Außerdem bedeuten mir die Sakramente, die Liturgie und die Marienverehrung sehr viel.“

Insgesamt würden die positiven Aspekte immer noch überwiegen, bringt es Adrian Mottl auf den Punkt, und er nennt als Beispiel die Meinung einer 80-jährigen Sakristanin, die sich darüber ärgert, dass es der Vatikan ablehnt, gleichgeschlechtlichen Paaren die Segnung zu ermöglichen. „Als ich ihr erzählte, dass ich in einer schwulen Partnerschaft lebe, hatte sie mir gratuliert.“ Auch die Statements von Kirchenvertretern aus dem Bistum Speyer, etwa von Generalvikar Andreas Sturm, seien Reaktionen gewesen, „die ich mir erhofft habe. Sie tun mir gut.“ 

Adrian Mottl hofft, dass sich noch mehr Menschen im Bistum für gleichgeschlechtliche Paare in der Kirche einsetzen und sich in Gesprächs- und Diskussionsgruppen, etwa auf Pfarreiebene, mit dem Thema Homosexualität beschäftigen. 

Monika Kreiner: Machtwort
Monika Kreiner kennt die Probleme und Anliegen von Schwulen und Lesben. Auch die von Adrian Mottl, der sich  vor einigen Monaten an sie gewandt hatte, weil er sich von der Kirche diskriminiert fühlt. Die Pastoralreferentin vom Referat Frauenseelsorge und ihr Kollege Axel Ochsenreither vom Referat Männerseelsorge sind von Seiten des Bistums die Beauftragten für Menschen, die lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell veranlagt sind, sowie für deren Eltern und Angehörigen. Sie setzen sich aber auch in Gesprächen mit Gruppen auf Pfarreiebene oder in den Verbänden sowie mittels Fortbildungen für die Anerkennung der Betroffenen in der Kirche ein.

Das Schreiben aus Rom wertet Monika Kreiner als „hauruckartiges Machtwort“, um den weitsichtigen Kurs, der vom Synodalen Weg in Deutschland eingeschlagen worden sei, weil er sich unter anderem auch mit der Sexualmoral der Kirche beschäftige, abzubrechen. Nun sei die Deutsche Bischofskonferenz gefordert, sich dem Thema zu stellen, um den Prozess nicht zu gefährden. 

Besonders kritisiert sie jedoch die Auswirkungen auf betroffene Paare, für die das Dekret eine kränkende Ablehnung bedeute. Dies komme auch in den E-Mails zum Ausdruck, die sie seit der Veröffentlichung des Papiers erhalte. „Die Menschen fühlen sich von ihrer Kirche zurückgewiesen und in ihrer Identität nicht anerkannt“, so Kreiner. „Ich höre Stimmen von Betroffenen, aber auch von sonstigen Gläubigen, aus der Kirche austreten zu wollen, weil sie nicht länger einer Institution angehören möchten, die gesellschaftliche Realitäten nicht anerkennt.“

Als positiv wertet es die Frauenseelsorgerin, dass sich nun Kleriker und Laien, darunter auch Verbände wie Kolping und BDKJ, klar positionieren. Dies sei ein erfreuliches Zeichen, da es zeige, dass sich die Menschen mit dem Thema auseinandersetzten. 

Monika Kreiner wünscht sich, dass der Papst den Ortskirchen endlich das zugesteht, was er ihnen am Beginn seines Pontifikats in Aussicht gestellt hat: mehr Autonomie. 

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