Redaktion der pilger

Freitag, 26. März 2021

Ein Tag der Narren

In einigen Ländern schickt man andere in den April, indem man ihnen unbemerkt einen bunten Fisch aus Papier auf den Rücken klebt. (Foto: Africa Studio/AdobeStock.com)

Heiter bis unanständig: Der 1. April und Aprilscherze

Anfang April 1957 erreichten den britischen Fernsehsender BBC Tausende von Briefen und Anrufe. Sie alle wollten wissen, wo es die Bäume gibt, an denen Spaghetti wachsen? Das jedenfalls hatte ein Film den Zuschauern suggeriert. Auf ihren Bildschirmen sahen sie, wie angeblich Schweizer Bauern die Nudeln von den Bäumen pflückten.
1969 sorgte eine niederländische TV-Anstalt mit ihrem Aprilscherz für den landesweiten Ausverkauf von Alufolie. Reporter hatten gezeigt, wie der Sender mit Hilfe von Scannern Schwarzhörer und -seher von der Straße aus aufspüren könne. Einziger Schutz dagegen sei es, Radio und Fernseher in Alufolie zu wickeln. 

Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Schließlich finden sich im Internet Dutzende von Webseiten in allen Sprachen, die zahllose Aprilscherze listen. Ihr Muster ist immer gleich, lebt doch jeder Scherz von der Unkenntnis der Betroffenen, von ihrem Nicht- oder Halbwissen. Und weil Schadenfreude bekanntlich zu den schönsten Freuden gehört, macht es vielen offenbar Jahr für Jahr neuen Spaß, andere öffentlich vorzuführen und dem Gespött preiszugeben. 
Schon früh bemächtigten sich die Massenmedien deshalb des Brauches. So erklärten 1774 Redakteure einer deutschen Zeitung ihren Lesern, wie man bunte Hühner züchte: Man müsse nur ihre Umgebung im gewünschten Ton anstreichen, dann würde das Federvieh die gleiche Farbe annehmen. Auch heute strengen sich die Massenmedien mächtig an, die Menschen in den April zu schicken. So meldete eine Berliner Zeitung die Einführung des Linksverkehrs im britischen Sektor der einst geteilten Stadt – und ein anderes Blatt kündete von der Eingliederung Mallorcas als neues deutsches Bundesland. Selbst Internetgiganten wie Google oder Wikipedia scheuen sich nicht, ihre Nutzer mit Scherzbeiträgen in den April zu schicken.

Wer einem Aprilscherz zum Opfer fällt, heißt meist „Aprilnarr“, „april‘s fool“ in den anglo-amerikanischen Staaten. Auch in Russland ist der erste April, der „Den Dorakov“, der „Tag der Narren“. „Tag der Lügen“, „dia da mentira“, nennen ihn Spanier, Portugiesen und Brasilianer. In Frankreich und Italien ist der Narrentag mit einem Fisch verbunden, etikettiert man den Aprilscherz als „poisson d‘avril“ oder „pesce d‘aprile“. Dies verweist auf den Brauch, an diesem Tag Erwachsenen und Kindern heimlich bunte Fische aus Papier oder witzig beschriftete oder bemalte Zettel auf den Rücken zu kleben und sie so der Lächerlichkeit preiszugeben.

Im Mittelalter galt der erste April als Unglückstag. Im Volksglauben war an diesem Tag der biblische Höllensturz, fiel Luzifer vom Himmel auf die Erde. Manche Brauchtumsdeuter brachten den Tag gar mit dem Verrat des Judas an Jesus in Verbindung, mit Judas‘ Geburts- und Todestag.

Spätestens im 17. Jahrhundert aber wandelte sich das Image des Tages vom Unglücks- zum Freudentag. Das könnte daran gelegen haben, dass sich die Menschen in den protestantischen Regionen, wo die Fastnacht nach der Reformation aus Glaubensgründen verboten wurde, ein neues Ventil zum Scherzen und Spaßhaben schufen. In den folgenden Jahrhunderten wurde es deshalb mehr und mehr zum Volkssport, Dienstboten oder Kinder mit fingierten Aufträgen herumzuschicken – und sie später mit Geschenken für ihre Leichtgläubigkeit zu belohnen. 

Manchmal aber konnten Aprilscherze auch schwerwiegende Folgen haben. So wie für eine Komödiantentruppe am Hof des russischen Zaren Peter I., der die vornehme Moskauer Gesellschaft 1705 zu einer Galavorstellung am 1. April eingeladen hatte. Statt Theater aber bekamen die Gäste nach dem Aufgehen des Theatervorhangs nur eine große Tafel mit der Aufschrift „Heute ist der erste April“ zu sehen. Noch am gleichen Abend feuerte der Zar den Chef der Scherzkekse.   

Wie jeder Narrenbrauch ist auch der Aprilscherz nicht unumstritten. Es mehren sich die Stimmen, die den Brauch als infantilen Unfug abwerten oder ihn als überaltert bezeichnen – vor allem, weil die sozialen Medien fast täglich mit irgendwelchen „Fake News“ auftrumpfen. 

1983 übrigens meldete die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in Boston, dass es einem dort ansässigen Historiker gelungen sei, die Wurzel der Aprilscherze zu finden: Eine Gruppe von Hofnarren zu Zeiten Konstantins hätten dem römischen Kaiser empfohlen, am 1. April einen Narren regieren zu lassen. Eine von vielen „Fake News“, wie sie die Welt auch am 1. April 2021 fluten werden.

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