Redaktion der pilger

Dienstag, 06. April 2021

Einander den Frieden zusagen

Friedensgruß bei einem Gottesdienst

Friedensgruß bei einem Gottesdienst. Seine Bedeutung bekommt er erst, wenn es sich nicht nur um ein bloßes Ritual handelt. (Foto:Imago)

Da kommt Jesus Christus mitten unter uns

Wenn ich unterwegs Menschen grüße, wundere ich mich manchmal, wie so ein Gruß zu mir zurückkommt. Hallo, guten Morgen, hey, aber auch ein „Morgen“ oder „Tach‘chen“ kann mal dabei sein – brummig oder fröhlich, mit oder ohne Blickkontakt. Schön finde ich es, wenn mir jemand in die Augen sieht, mit oder ohne ausgesprochene Worte, oder wenn mir jemand tatsächlich einen schönen Tag wünscht. 
Im Johannesevangelium lesen wir von einem besonderen Gruß. Nach dem besonderen Auftritt mitten in die Runde seiner Freundinnen und Freunde durch verschlossene Türen hindurch grüßt Jesus sie mit den Worten: Friede sei mit euch! Der Gedanke fasziniert mich: was würde wohl passieren, wenn wir uns Frieden wünschen würden? Wenn wir auf diese Weise grüßen würden: in der Postfiliale, an der Hotelrezeption oder auf dem Wochenmarkt: Friede sei mit dir oder mit euch! Wahrscheinlich würde unser Gegenüber völlig erstaunt reagieren, vielleicht auch fragen, warum wir so ungewöhnlich grüßen. 

Aber letztlich ist es doch genau das, was wir uns selbst am meisten wünschen und was wir am dringendsten brauchen: Frieden. Auf unserer Welt, in unserem alltäglichen Miteinander und in unserem eigenen Inneren. Frieden finden in dem unruhigen und chaotischen Hin- und Her unseres Tages, Frieden in den Fragen und Sorgen, die uns umtreiben und nachts nicht schlafen lassen, Frieden in den Beziehungen zu den Menschen, die wir lieben und zu denen, mit denen wir immer wieder mal zu tun haben. 

In der biblischen Runde hinter verschlossenen Türen sendet Jesus die Jüngerinnen und Jünger – an seiner Stelle – und er haucht sie an, damit sie den Heiligen Geist empfangen, die Voraussetzung für den Frieden. Ohne den Geist scheint Frieden und Glauben unmöglich zu sein. Deutlich wird das an Thomas, der erst später dazu kommt. Er kann nicht glauben, er findet keinen Frieden. Der Frieden kann bei ihm nicht ankommen. Erst bei einem weiteren Treffen, als er Jesus mit eigenen Augen sieht und mit seinen Händen berührt, kann er das Geheimnis annehmen, von dem die anderen ihm erzählt haben. 

Diesen Jesus können wir nicht greifen, diesen Gott können wir nicht fassen mit unseren Sinnen. Aber das Samenkorn des Glaubens kann in uns wurzeln und wachsen – in der Gegenwart Gottes, in der uns wie Thomas aufgeht, dass wir es eben nicht fassen können. Wir können mit ihm wagen, das auszusprechen, können bekennen, anbeten und uns in Gott hineinschweigen, wie Norbert Kaiser es in seinen Briefen an das Leben formuliert. „Mein Herr und mein Gott“. Von Augustinus ist der Satz überliefert: „Wer sagt, er habe Gott, der hat ihn nicht.“  Unsere Worte reichen nicht aus, unser Geist ist zu klein, um Gott zu benennen oder zu begreifen. Was wir von ihm erkennen, ist immer zu wenig. Was wir erfahren dürfen, ist keine Wahrheit, mit der wir argumentieren oder Beweise erbringen können. 

Die eigene Wahrheit, die wir auf unserem Weg entdeckt und erfahren haben, ist uns nicht geschenkt worden, damit wir andere überzeugen und auf den „richtigen“ (das heißt oft: unseren) Weg zu bringen. Weil wir Gott nicht „haben“ können, gilt es immer wieder unsere Vorstellungen und Bilder von Gott loszulassen und Gott größer sein zu lassen, als wir es fassen können. Denn in allen Diskussionen und Streitigkeiten geht es letztlich nicht um Gott, sondern um uns. Gott wird nicht kleiner oder unbedeutender, indem Menschen etwas über ihn aussagen.

Aber für uns spielt es eine Rolle, ob wir Recht behalten oder andere überzeugen können. Unsere Herausforderung besteht darin, auszuhalten, Wir leben mit Gott, wir glauben an Gott, und doch können wir Gott nicht „haben“, nicht besitzen, nicht weitergeben wie ein Paket. Wir sind in Gott, und Gott ist in uns – aber das können wir weder anderen vorführen noch es als Beweis vorlegen – für Gottes oder unsere eigene Existenz. 
Gott Gott sein lassen – und unseren Weg gehen in der Gewissheit, dass Gott mitgeht, dass Gott in uns lebendig ist, dass wir in Gott sind, was auch um uns und mit uns geschieht. In dieser Gewissheit kann der Friede, mit dem Jesus in unsere Mitte und in unser Leben tritt, wirksam werden. Friede sei mit euch – Friede sei mit dir. Ich bin gespannt, wo der Friedensgruß in dieser Osterzeit hörbar und spürbar wird – in meinem und in Ihrem Alltag. Annette Schulze

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