Redaktion der pilger

Mittwoch, 21. April 2021

Der gute Hirte herrscht nicht, er sorgt

Jesus, der gute Hirte. Mosaik im Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia in Ravenna, um 450. (Foto: kh)

Gedanken zum Sonntags-Evangelium: Jesus will, dass wir Leben in Fülle haben

Allzu geläufig und deshalb – sagen nicht wenige – abgebraucht ist Jesu Bildrede vom guten Hirten und den Schafen, die am heutigen Sonntag als Evangelium (Johannes-Evangelium 10,11–18) gelesen wird. Zudem ist sie erheblich in Verruf geraten durch falsche Auslegungen wie etwa die, dass die Gläubigen wie eine Herde Schafe willenlos und gehorsam den Hirten der Kirche folgen müssten, die eine nicht zu hinterfragende, absolute Autorität haben, weil sie eben diesen Hirten Christus repräsentieren. Diese Auslegung bricht immer mehr zusammen. Von dieser Bildrede Jesu her hatte sie noch nie eine Berechtigung. Da, in ihrem Kontext geht es – wie schon in den entsprechenden Bildreden Gottes im Alten Testament – auch um das Versagen der Hirten und die vernichtende Kritik an ihnen. Was also sagt Jesus hier?

Da kann uns dieses Mosaik helfen, das unser Bild zeigt. Es entstand um 450 im Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia in Ravenna. Zunächst fällt auf, wie ruhig die sechs weißen Schafe da stehen und liegen. Die Landschaft ist wie geschaffen für sie: Felsen, moosiger Boden, Sträucher, zarte Pflänzchen. Sie fühlen sich geborgen. Doch das liegt nicht an der Landschaft, auch nicht an dem Zaun, der vorn angedeutet ist, sondern an ihrem Hirten: Er selbst ist die Ruhe in Person, als ob er gerade seine Schafe gerufen hat: Kommt zu mir, ich verschaffe euch Ruhe, denn ich bin gütig, von Herzen demütig und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele (Matthäus-Evangelium 11,28–30). Die Schafe sind nicht „wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Markus-Evangelium 6,34).  

Davon erzählt unser Evangelium an diesem Sonntag. Doch Jesus ist da nicht ein einfacher Hirte: Mit der göttlichen Vollmacht des „Ich bin“ sagt er: „Ich bin der gute Hirte.“ Er trägt die goldene Tunika mit zwei blauen Purpur-Bändern und einen dunkelroten Überwurf, wie nur der Kaiser. Sein Hirtenstab ist das goldene Kreuz, wie ein dreistufiger Thron der Fels, auf dem er sitzt. Aber er ist nicht unnahbar: Er streckt seine Rechte vor und streichelt zärtlich eines der Schafe. Die kennen ihren Hirten, weil er sie kennt. Sie wissen, dass er gut ist und sie ihm ihr Leben anvertrauen können. Tiefe und Tragweite der Worte Jesu „Ich bin der gute Hirte“ werden deutlich.

Jedem war klar, welchen Anspruch Jesus da erhob. Sein „Ich bin“ erkannten sie als das „Ich bin“ Gottes, wie er sich dem Mose offenbarte (Buch Exodus 3,14). Und nur einer ist der gute Hirte: Gott. Psalm 31 kam in den Sinn: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“, und die Bildreden bei den Propheten: Wie Gott sagt, dass die Hirten schändlich versagten, dass er sich nun selbst um seine Schafe kümmert. In wunderbaren Bildern wird dies ausgemalt, und am Ende heißt es: „Ihr seid meine Schafe. Die Schafe meiner Weide seid ihr, Menschen. Ich bin euer Gott – Spruch Gottes, des Herrn“ (Buch Ezechiel 34). „Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam“ (Buch Jesaja 40,11). Wenn Jesus „Ich bin der gute Hirte“ sagt, nimmt er in Anspruch, Gott zu sein. Und noch einmal mehr: „Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne“. Jenes „kennen“ setzt Einheit: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes-Evangelium 10,30).
Doch die Dramatik seiner Worte spitzt er noch zu: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe … Ich gebe mein Leben hin für die Schafe“. Und „deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen“ (Johannes-Evangelium 10,11b.15b.17–18). Damit spricht Jesus von seinem Tod und seiner Auferstehung. Eine solche Macht hat nur Gott. Jesu Worte, dass die „Mietlinge“, die „bezahlten Knechte“ als Hirten versagen, dass er außerhalb dieses „Stalls“ noch andere Schafe hat, dass es am Ende nur eine Herde und einen Hirten geben wird, unterstreichen dieses Eine und Entscheidende: Er – Jesus – ist der gute Hirte, weil er selbst Gott ist.  

Nun lassen sich aus dieser Bildrede Jesu vom guten Hirten auch – richtige (!) – Schlüsse ziehen für die Pastoral, den „Hirtendienst“ der Kirche. Im Grunde liegen sie offen da. Der am Anfang kolportierte Schluss gehört sicher nicht dazu. Einer aber gilt grundsätzlich für jeden von uns: Zuerst und einzig geht es um die Verkündigung Jesu, der gekommen ist, damit wir „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Johannes-Evangelium 10,10). Und das andere, das allem vorangeht, zeigt nochmal ein Blick auf dieses Mosaik: Der Hirte ist unser Herr, der all unser Sehnen nach Liebe und Leben erfüllt, uns ewigen Frieden in seinem Reich schenkt, ein Leben, das durch nichts bedroht und begrenzt ist, ewig und gut. Es ist ja nicht nur das Bild vom Hirten, sondern auch diese mit Sternen und Blüten so reich verzierte himmelblaue Decke, die sich über dem Gang zum eigentlichen Bild wölbt: Wir werden hin gezogen zum auferstandenen Herrn, der unser guter Hirte ist. (Klaus Haarlammert)

 

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