Redaktion der pilger

Mittwoch, 05. Mai 2021

Damit andere das nicht erleben müssen

Der Betroffenenbeirat möchte sich dafür einsetzen, dass Kinder und Jugendliche unter dem Dach der Kirche vor sexuellem Missbrauch geschützt sind. ( Foto: New Africa_Adobe Stock ) Unten: Bernd Held (Foto: Privat)

Bernd Held über seine Erfahrungen im Umgang mit Missbrauch und seine Mitwirkung im Betroffenenbeirat

Mit einer Auftaktveranstaltung am 24. April hat sich der Betroffenenbeirat im Bistum Speyer gegründet. In ihm wirken Betroffene an der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Speyer und einer Verbesserung der Prävention mit. Das Gremium hat es sich zum Ziel gesetzt, Hinweise auf Tatverdächtige und Tatorte zu geben, die Aufarbeitung kritisch zu begleiten sowie Vorschläge für eine Verbesserung der Präventionsmaßnahmen zu erarbeiten. Bernd Held wurde von den Mitgliedern des Beirats zum vorläufigen Sprecher gewählt. „der pilger“ hat den 55-Jährigen aus dem saarländischen Schiffweiler zu seiner Person, dem neuen Gremium und seiner Motivation, darin mitzuarbeiten, gefragt.

Herr Held, Sie haben als Kind unter dem Dach der Kirche sexuellen Missbrauch erlebt. Wo und wann wurde Ihnen dieses Leid angetan?

Bernd Held: Ich war von 1976 bis 1980 Internatsschüler am Johanneum in Homburg. Die Schule und das Internat wurden von dem Orden der Herz-Jesu-Missionare (Hiltruper Missionare) geleitet. Im Alter von etwa 13 bis 14 Jahren wurde ich dort von zwei Patres mehrfach sexuell missbraucht.

Wie haben sich diese Erfahrungen auf Ihr Leben ausgewirkt?

Bernd Held: Ich verließ die Schule ohne Schulabschluss, konnte dadurch meinen Berufswunsch – ich wollte Lehrer werden – nicht umsetzen. Auch war ich nicht mehr fähig, Menschen zu vertrauen, was dann zu gescheiterten Beziehungen und zwei gescheiterten Ehen führte. Sobald eine Partnerschaft so eng wurde, dass ich mich hätte verletzbar machen können, bin ich ausgebrochen. Erst mit meiner dritten Ehefrau funktioniert das, weil ich mich ihr 2010 nach Bekanntwerden der Vorgänge am Johanneum offenbarte und sie mich sofort in meiner Aufarbeitung unterstützt hat. Sonst würde auch diese Ehe nicht mehr bestehen.

2011 schlossen Sie sich mit weiteren Betroffenen des Johanneums zu einer Initiative zusammen, um die Vorgänge umfassend aufzuklären, aufzuarbeiten und die Zahlung von Entschädigungsleistungen zu erwirken. Welche Erfahrungen haben Sie und Ihre Mitstreiter dabei gemacht?

Bernd Held: Zunächst wurden wir vom Orden als Lügner dargestellt. Mit uns als Initiative wurde jedes Gespräch verweigert. Es hieß, zu Einzelgesprächen sei man aber bereit. Diese Zusage habe ich genutzt und mich mit dem damaligen Missbrauchsbeauftragten und heutigen Provinzial des Ordens zu einem Gespräch getroffen. Im Anschluss daran hat der Orden uns als Betroffeneninitiative akzeptiert. Es wurden mehrere Gespräche unter der Leitung eines Mediators geführt, mit dem Ziel, dass der Orden den systematischen Missbrauch eingesteht und die Verantwortung dafür übernimmt. Leider scheiterten diese Gespräche, weil sich die Fronten verhärteten.

Trotz der Hindernisse – konnte die Initiative dennoch etwas erreichen?   

Bernd Held: Zuerst einmal haben wir erreicht, dass die Hiltruper Missionare uns als Betroffene überhaupt wahrnehmen und mit uns sprechen. Zudem wurden Therapiekosten bis maximal 10 000 Euro erstattet und die von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) festgelegte „Zahlung in Anerkennung des Leids“ in Höhe von maximal 5 000 Euro geleistet. Diese Summe wurde nach meinem Kenntnisstand an drei Betroffene unserer Initiative gezahlt. Darunter auch an mich. Mittlerweile erklären sich die Hiltruper Missionare nach Aussage der Missbrauchsauftragten des Ordens auch dazu bereit, sich der im November 2020 von der Deutschen Bischofskonferenz verabschiedeten neuen Verfahrensordnung zur Anerkenung des Leids anzuschließen. Diese stellt seit Januar dieses Jahres Entschädigungsleistungen bis zu 50 000 Euro, in Einzelfällen auch höher, in Aussicht.

Sind damit Ihre Forderungen erfüllt?

Bernd Held: Auf keinen Fall! Wir fordern nach wie vor, dass der Orden anfallende Therapiekosten ohne Obergrenze von 10 000 Euro übernimmt und den Betroffenen außerdem eine angemessene Entschädigung zukommen lässt. Angemessen bedeutet, dass jeder Einzelfall in den Blick genommen und eine individuelle Entschädigungsleistung ausgehandelt wird. Darüber hinaus hat der Orden immer noch nicht signalisiert, dass er die Verantwortung für den systematischen Missbrauch von Schutzbefohlenen übernimmt.

Sind die negativen Erfahrungen der Grund, warum Sie im Betroffenenbeirat des Bistums mitarbeiten möchten?

Bernd Held: Auf jeden Fall! Ich möchte, dass andere Betroffene nicht die gleichen schmerzlichen Erfahrungen der verweigerten Anerkennung erleben und durchstehen müssen. Seit mittlerweile zehn Jahren kämpfe ich dafür, dies zu erreichen. Dabei habe ich mir viel Wissen angeeignet und viele Erfahrungen gesammelt. Das möchte ich weitergeben und dazu nutzen, dass den Betroffenen endlich Gerechtigkeit widerfährt.

Sie wurden zum vorläufigen Sprecher gewählt. Was bedeutet das?

Bernd Held: Da sich der Betroffenenbeirat erst in seiner nächsten Sitzung am 29. Mai eine Geschäftsordnung geben wird, wurde ich als vorläufiger Sprecher benannt. Mir ist es wichtig, dass wir der Presse von Beginn an einen Ansprechpartner des Gremiums benennen. Wir sind ein unabhängiger Beirat. Deshalb sollten wir die Berichterstattung nicht nur dem Bistum überlassen, sondern müssen für uns selbst sprechen können.

In einer ersten öffentlichen Äußerung sprachen Sie davon, dass der Beirat personell gut aufgestellt ist. Können Sie das näher erläutern?

Bernd Held: Unsere derzeit fünf Beiräte kommen aus verschiedenen Kontexten. So haben wir Betroffene aus Kinderheimen, Internaten und Pfarreien. Eventuell wird sich die Zahl der Mitglieder noch erhöhen.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass der Beirat auch wirklich etwas bewirken kann und sich nicht als zahnloser Tiger entpuppt?

Bernd Held: Wir sind größtenteils bereits seit mehreren Jahren in diesem Thema tätig und weit vernetzt. So können wir aus Fehlern, die andernorts gemacht wurden, lernen und auch Informationen und Ratschläge von vielen Mitbetroffenen erhalten. Darüber hinaus wollen wir darauf hinwirken, dass in der Geschäftsordnung entsprechende Kompetenzen festgeschrieben werden.

Das Martyrium in Ihrer Kindheit erlebten Sie – wie viele weitere Betroffene – in einer Ordenseinrichtung. Der Beirat ist jedoch eine Initiative des Bistums. Müssten da nicht die Orden mit ins Boot geholt werden?

Bernd Held: Ja, so sollte das sein. Es ist aber leider so, dass viele Orden nicht den Bistümern unterstehen, sondern Orden des päpstlichen Rechts sind. Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) vertritt diese Orden als Dachverband, ist aber keinem Orden weisungsbefugt und kann demnach lediglich Empfehlungen aussprechen. Der DOK gehören nach eigenen Angaben 412 Ordensobere an. Davon haben 92 Orden einen Missbrauchsbeauftragten benannt. Von diesen 92 Orden haben 40 erklärt, dass sie der Empfehlung der DOK folgen und sich der neuen Verfahrensordnung der DBK zur Anerkennung des Leids anschließen.
(Interview: Petra Derst)

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