Redaktion der pilger

Mittwoch, 14. Juli 2021

Wie Schafe ohne Hirten

Statue des Guten Hirten am Pfarrhof in Feldkirch, Vorarlberg, Österreich. (Foto: imago)

Die Menschen suchen nach Orientierung

Dieser Markus-Text wird geprägt von einem deutlichen Kontrast. Da ist einerseits das Ruheangebot Jesu an die vom Missionsauftrag zurückgekehrten Apostel, andererseits der Ansturm der vielen Menschen, die Jesus und den Aposteln folgen. Dieser Gegensatz zeigt aber auch, wie sehr die Menschen nach Orientierung und seelischer Führung suchen.
Das Allein-Sein, die Ruhe an einem einsamen Ort, das Ausruhen, das Beten und die Hinwendung zu Gott – das alles hat für Jesus immer wieder einen absolut hohen Stellenwert. Es ist ihm wichtig, sich auf diese Weise auf Entscheidungen vorzubereiten, Begegnungen zu prägen, seine Botschaft zu verkünden und sein Leben in Gott zu führen. Eine solche Ruhepause gönnt Jesus auch denen, die ihm folgen.

Das Ausruhen hat in der jüdischen Bibel Jesu von Anfang an eine große Bedeutung. Ganz wichtig und prägend ist ja der Sabbat mit seiner heilenden Ruhe. Für das wandernde Volk Israel ist das versprochene „gelobte Land“ auch als Ruheort zu verstehen. Jesus lebt in dieser biblischen und spirituellen Tradition.
In der Szene des heutigen Markus-Textes kommt es aber nicht zu  dieser ebenso erwünschten wie nötigen Ruhe, weder für Jesu noch für sein Gefolge. Und schon gar nicht für „die vielen Menschen“, die „aus allen Städten“ kamen, um Jesu Wort zu hören und seine heilende Nähe zu spüren.
Diese Menschen bringen Unruhe mit und schaffen Unsicherheiten. Markus hat einen harten Vergleich für sie: Sie sind „wie Schafe, die keine Hirten haben“. Das Bild ist klar: Schafe ohne Hirten sind orientierungslos allen möglichen Gefahren ausgesetzt.

Die Reaktion des menschenfreundlichen Jesus ist ganz spontanes Mitleid. Er erkennt die Nöte, die Unsicherheit der Menschen – er erspürt ihre ungelösten Fragen, ihre Hilflosigkeit. Und er hilft: Er nimmt sofort die Rolle des Hirten an.
Die Bildersprache des Markus weist auf die Nöte der Menschen hin, aber auch auf das Geheimnis Gottes in Jesus. Markus identifiziert Jesus mit dem Hirten schlechthin. Dessen Liebe zu den Menschen, sein Mitleid mit ihnen – sie sind ganz unmittelbar. Jesus erweist sich, ohne dass es direkt ausgesprochen wird, in seiner liebenden Hinwendung zu den suchenden Menschen als der leitende und schützende Hirte. Gleichzeitig aber ist er auch der wegweisende, Orientierung gebende Lehrer. Markus schafft hier in äußerst knapper Sprache ein grandioses Doppelbild für Jesus: Hirte und Lehrer.
„Der gute Hirte“ – ein bewegendes, geradezu inniges Bild.  In allen Kulturen der Antike ist das Bild vom guten Hirten und seiner Herde weit verbreitet: In der Sprache, als Bildvorlage und in der ethischen Diskussion.  Das Bild spiegelt ja den Alltag und wichtige Teile der Infrastruktur.
Auch in der jüdischen Bibel, dem Alten Testament, war das Bild des „guten Hirten“ als des guten, sorgenden Königs des Volkes Israel eine bekannte und beliebte Vorstellung. Das gerechte „Weiden“ der Schafe zeigte sich im gewissenhaften Regieren, in der Mühe um Gerechtigkeit und in der Fürsorge für die Schwachen. Schon Abel war Hirte, ebenso Abraham, Isaak und Jakob. David wurde von der Weide zum Hirten seines Volkes berufen.
Die Vorstellung vom „guten Hirten“ wird aber vor allem auch auf Gott bezogen: Gott ist der Hirte, der das verlorene Schaf sucht und rettet. Mit diesem gleichnishaften Bild ist eine große, jahrtausende alte Erzähl- und Gebetstradition verbunden. Schon der wunderbare Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen“ zeigt den Menschen in seinem engen Verhältnis zu ihrem fürsorgenden, bergenden Gott.

Die Hirtenbilder und Hirtengleichnisse der Evangelien knüpfen an diese Tradition an. Auch die junge, in Rom noch verfolgte Kirche, nimmt diese trostvollen Bilder des Gebets in bewegenden Darstellungen in den Katakomben auf. In der Kunst des Christentums ist der „gute Hirte“ mit dem widergefundenen Schaf auf seinen Schultern die älteste Christusdarstellung überhaupt, z.B. in der Priszilla- und in der Kalixtus-Katakombe. Aber auch in unserer unmittelbaren Heimat finden wir beeindruckende Darstellungen dieses Motivs, sowohl in Kirchen wie auch als Glaubenszeugnisse an Hausfassaden, vor allem aus der Barockzeit. „Der gute Hirte“ – ein Bild vertrauender Glaubenstradition.
„Er lehrte sie lange“ – heißt es bei Markus. Lehren ist hier sehr viel mehr, ja, etwas ganz anderes als dozieren. „Lehre“ meint hier ganzheitliches Hinführen zum Verständnis und Hilfe für das Hineinnehmen ins Leben. Es geht nicht darum, etwas zu wissen, sondern um glauben, leben und handeln. Jesus ist mit seiner liebenden Hinwendung zu den suchenden Menschen der leitende, wegweisende Lehrer und der schützende Hirte. Für uns heißt das: sein Wort hören, seiner Führung vertrauen, sich ihm anvertrauen. (Dr. Helmut Husenbeth)

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