Redaktion der pilger

Mittwoch, 28. Juli 2021

Selbst handeln

Not ganz konkret, auch bei uns. Rund 60 000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer engagieren sich bei Tafeln. (Foto: KNA)

Jesus appelliert an unsere Glaubenskraft

Das sechste Kapitel des Johannesevangeliums, das mit der Geschichte der Brotvermehrung beginnt, berichtet auf unterschiedliche Weise vom „Hunger“ der Menschen.

Für mich gibt es sehr viele Passagen in diesem Evangelium, die mich zutiefst befremden und die mir auf den ersten Blick unverständlich erscheinen, ja sogar irgendwie „abgehoben“. Auch die Rede vom Himmelsbrot gehört dazu. Gerade deshalb ist es wichtig, genauer hinzusehen, um auch das zu verstehen.

Dem Evangelisten Johannes geht es immer wieder um Angst und um Aufbruch, um Liebe und um Gemeinschaft. Im vorliegenden Text spricht er vom Hunger der Menschen, einem Hunger, der über den Hunger nach „vergänglicher Speise“ hinausgeht. Aufgeschrieben wurde das Evangelium vermutlich zwischen den Jahren 90 und 100 nach Christus. Das war für die frühen Christinnen und Christen eine Zeit großer Bedrängnis, die auch und vor allem von der Erfahrung des Ausgegrenztseins gekennzeichnet war.

Die johanneischen Gemeinden bestanden überwiegend aus Menschen jüdischer Herkunft. Ihre ehemalige jüdische Glaubensgemeinschaft hielt sie als Anhängerinnen und Nachfolger Jesu für Ketzer und Störer. Deshalb wurden sie ausgeschlossen. Das hatte einschneidende Folgen, zum Beispiel auch in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht: Die Synagogengemeinschaft war mehr als nur eine religiöse Vereinigung. Vielleicht ist deshalb der Hunger der Menschen nach Brot auch im ganz direkten und unmittelbaren Sinn zu verstehen. Außerdem war sicher die berechtigte Angst vor den römischen Herrschern spürbar.

In dieser Situation der Bedrängnis fordert das Evangelium seine Leserinnen und Hörer zum Durchhalten auf. Sehr verständlich ist für mich der Wunsch der Menschen nach einem Zeichen. Die Wunder Jesu, zum Beispiel die Brotvermehrung oder seine Heilungen haben nur fürs erste „beruhigen“ können. Nun, da das unmittelbare Erlebnis dieser Wunder vorbei war und die Unsicherheit zurückkommt, wollen die Anhängerinnen und Freunde Jesu mehr. Sie wollen weitere Zeichen sehen, sie wollen erleben, was nach Überlieferung der Schrift ihre Vorfahren in der Wüste erlebt haben. Sie wünschen sich, dass es Manna vom Himmel regnet, dass dieser Regen nie aufhört und sie sich sicher und geborgen fühlen können.

Aber eine solche Art der Sicherheit auf Dauer kann Jesus ihnen und damit auch uns nicht geben. Das will er auch gar nicht, denn es würde unfrei und abhängig machen. Viel lieber appelliert Jesus an ihren und unseren Glauben und damit an unsere eigenen Kräfte, an unser eigenes verwandelndes Handeln.

Es ist wichtig, immer auf die Möglichkeit und die Kraft der Veränderung zu hoffen. Wir sind aufgefordert, an Veränderungen mitzuwirken. Nur so kommt es zu Kreativität im religiösen, im sozialen und auch im wirtschaftlichen Leben.

Was Jesus hier nach unserem Text tut, ist vergleichbar mit dem, was wir heute „Empowerment“ nennen. Das ist die Stärkung der Kräfte des Einzelnen. Es geht darum, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, sich nicht unterkriegen zu lassen und sich mit anderen zusammenzuschließen, um im Glauben an mögliche Veränderungen diese herbeizuführen oder dies zumindest zu versuchen.

Dazu braucht es zunächst oft eine unmittelbare, konkrete und praktische Hilfe, das ganz materielle und irdische Brot, etwas „zum Beißen“ zwischen den Zähnen, wie es in der Geschichte der Brotvermehrung verteilt wird.

Darüber hinaus ist aber auch das „Himmelsbrot“ wichtig, das in den folgenden Versen an Bedeutung gewinnt. Dieses steht für den Glauben und die Hoffnung, dass niemand, wirklich keiner dürsten und hungern muss.

Die Erzählung der Brotvermehrung führt deutlich vor Augen, dass „genug für alle da ist“ und es auch in schwierigen Situationen möglich ist, alle satt zu machen.

Aber wir sind herausgefordert, nicht länger darauf zu warten, dass dieses Brot „von oben gegeben wird“, sondern wir müssen uns selbst im Glauben dafür einsetzen, dass niemand Hunger leidet und dürstet.

Wir sollten diese Botschaft des Johannesevangeliums immer mitdenken, wenn es darum geht, Menschen zur Entdeckung der eigenen Stärken zur ermutigen und Hilfestellung bei der Aneignung von Selbstbestimmung und Lebensautonomie zu vermitteln. Diese Praxis des „Empowerment“ ist ermutigend, sie unterstützt Menschen bei ihrer Suche nach Selbstbestimmung und autonomer Lebensregie und liefert Ressourcen, mit deren Hilfe jede und jeder die eigenen Lebenswege und Lebensräume eigenbestimmt im Glauben gestalten kann.

Dazu lädt mich das sechste Kapitel des Johannesevangeliums ein. Und wenn ich die Rede vom „Himmelsbrot“ so verstehe, dann ist sie nicht mehr irgendwie befremdlich und „abgehoben“, sondern sehr realistisch und lebensnah. (Luise Gruender)

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