Redaktion der pilger

Mittwoch, 01. September 2021

Schöpfungsfreundliche Kitas

(Foto: Christine Kraus)

Bei den Kleinsten können die größten Veränderungen beginnen. So könnte das Ziel eines noch bis Herbst laufenden Fortbildungsprogramms im Bistum Speyer überschrieben sein, das den schützenden Umgang mit der Schöpfung im Blick hat.

Wie kann man schon mit kleinen Kindern in der Kita über Themen wie Klimawandel, nachhaltige Entwicklung oder globale Gerechtigkeit sprechen und sie für die damit verbundenen Fragen sensibilisieren? Wie kann eine ganzheitliche Ökologie von klein auf erlernt werden? Welche Ideen gibt es für Projekte in Kitas zum angemessenen Umgang mit „Gottes Schöpfung“?  Diese Fragen standen im Hintergrund eines neuen Fortbildungsangebotes für pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten im Bistum Speyer, für das sich federführend Ulla Janson, pastorale Begleiterin für Kitas, und Christoph Fuhrbach vom Referat Weltkirche zusammengetan hatten. Zahlreiche Kitas sind bei der Fortbildung vertreten, derzeit läuft eine Umsetzungsphase in mehreren Einrichtungen. Hier zwei Beispiele, aus Ludwigshafen-Maudach und aus St. Ingbert.

In der Kita St. Michael in Ludwigshafen-Maudach hoppeln Hasen in ihrem Gehege, Tomaten wachsen in Hochbeeten, ein Bienenvolk sorgt für Honig und im große Freigelände wird’s den Kindern nicht langweilig. Vor der Corona-Pandemie hat das alles noch ganz anders ausgesehen. Anlass für die Umstrukturierung waren intensive Team-Besprechungen während der ersten pandemiebedingten Schließzeit. „Wir wollten unser veraltetes Konzept überarbeiten und haben uns im Team überlegt, was uns allen wichtig ist, und das ist die Vermittlung von Werten“, erzählt Kita-Leiterin Parthena Gottschalk. In einer Ellenbogengesellschaft, in der nur noch das Wohlergehen des eigenen Kindes zu zählen scheint, sollten die Kinder den wertschätzenden Umgang miteinander und mit der Natur, der Mitwelt, lernen.

In dieser Zeit fragte eine Nachbarin, deren Kaninchen Nachwuchs bekommen hatte, ob die Kita nicht welche übernehmen wollte. „Ja, wir wollten und haben uns für drei Babys entschieden“, erzählt Parthena Gottschalk. Zusammen mit Vätern wurde geplant und dann ein großes Kaninchenhaus mit Freigehege gebaut. Ein Kaninchenclub wurde gegründet. Die Kinder sind gruppenweise verantwortlich für die Versorgung der Tiere, Eltern übernehmen Wochenend- und Feriendienst.

„Das war der Anfang“, sagt Parthena Gottschalk. Dann hat sie von der Fortbildung Schöpfungsnahe Kita erfahren und sich angemeldet – und ist begeistert. Als Multiplikatorin bringt sie die Inhalte in die Kita. „Dann haben wir angefangen, die Kinder und uns selbst zu fragen, was in der Kita fehlt“, erzählt sie. „Also habe man begonnen, Regeln zu überdenken und Einschränkungen zurückzunehmen. Die Zäune, die die unterschiedlichen Bereiche im Freigelände abtrennten, wurden abgebaut. Stück für Stück veränderte sich das Freigelände: Hochbeete wurden angelegt. Dort wachsen jetzt Tomaten und viele Kräuter. Eine Werkbank wurde aufgestellt, dort darf jetzt zum Beispiel auch geschnitzt werden, der Sandkasten wurde aufgefüllt, in der Matschküche kann mit Sand und Wasser gespielt werden. „Das klappt gut“, erklärt Parthena Gottschalk. An der neu angelegten Feuerstelle können Kinder unter Aufsicht zündeln, denn auch der Umgang mit Feuer soll gelernt werden. Die engagierte Leiterin hat einen Imkerkurs gemacht und seit vergangenem Jahr steht ein Bienenvolk auf der Wiese hinter dem Kita-Freigelände. Wenn sie ihren Imkeranzug anzieht, um nach den Bienen zu schauen, möchten meist Kinder mitkommen – auch für sie gibt es Imkerkleidung. So läuft das generell: Die Kinder bekommen kein Programm serviert, sondern entdecken selbst. Sie sehen, was andere machen und probieren es aus. Hühner sollen übrigens auch bald in die Kita einziehen, das Baumaterial, aus dem Väter den Stall bauen, liegt schon bereit. Und ein Freilichtlabor mit Lupen und anderen Geräten zum Experimentieren wird auch noch gebaut, denn die Kinder wollen und sollen ja untersuchen und ausprobieren dürfen. Finanziert wird das alles über Spenden, außerdem kümmert sich die rührige Kita-Leiterin um Förderprogramme und Zuschüsse, sobald sich eine Möglichkeit bietet.

Der Weg zur schöpfungsnahen Kita beinhaltet aber viel mehr als ein schönes Außengelände. Umdenken in vielen Bereichen ist angesagt. Plastik-Becher und Teller gibt es nicht mehr, die Kinder können genauso gut mit Gläsern umgehen, haben die Erzieherinnen beobachtet. Auf Bio-Essen beim Caterer umzustellen sei nicht so einfach möglich. Stattdessen habe man sich entschieden, eine fleischfreie Kita zu werden. „Das vegetarische Mittagessen kommt gut an“, hat Parthena Gottschalk beobachtet. Ein Kind wird zum „Lichtwächter“ bestimmt. Es guckt, dass das Licht ausgeschaltet wird, wenn es nicht mehr benötigt oder der Gruppenraum verlassen wird. Es sind viele kleine Dinge, die zusammengreifen. „Wir denken einfach viel bewusster nach über das, was wir tun und kontrollieren uns auch gegenseitig“, erklärt Parthena Gottschalk. Und so wird es auch den Kindern vorgelebt und von ihnen übernommen.

Szenenwechsel, St. Ingbert, Kita St. Franziskus. „Wir setzen jetzt Kürbispflanzen.“ Erzieherin Marietta Seegmüller-Tiedtke schaut in sechs erwartungsfrohe Gesichter. „Was brauchen wir dazu?“. „Schaufeln“, kommt es aus mehreren Mündern. „Genau. Und was noch?“. Klar, das wissen die Kinder: „Erde natürlich.“ St. Franziskus gehört zu den „schöpfungsfreundlichen Kitas“ im Bistum Speyer. Dahinter steckt die Idee, dass bereits den Kleinsten der „schützende Umgang mit Gottes Schöpfung“ nähergebracht werden kann. Wie das kindgerecht geschehen kann, hat Marietta Seegmüller-Tiedtke im Rahmen der Fortbildung erfahren.

Doch auch schon vorher hat die Kita-Mitarbeiterin, die in ihrem Garten zu Hause Pflanzen züchtet, Gemüse und Früchte weiterverarbeitet, Wert auf ökologische Erziehung gelegt. Als sie dann von dem neuen Projekt des Bistums Speyer gehört hat, „war klar, dass wir dabei sind“, erzählt sie schmunzelnd. Bei ihrer Leiterin und dem gesamten Kita-Team sei sie mit ihrem Vorschlag offene Türen eingerannt. „Alle waren sofort begeistert.“

Heute steht auf der Terrasse der Kita ein schickes Hochbeet. „Das haben wir bei einem Wettbewerb von Edeka gewonnen“, berichtet Seegmüller-Tiedtke begeistert. Der Supermarkt habe außerdem die ersten Pflanzen gesponsert. Hier gedeihen Karotten, Radieschen, Mangold und Rupfsalat. An Gittern ranken sich Gurkenpflanzen, an denen gelbe Blüten leuchten, aber auch schon kleine Gurken hängen. Später werden die Kinder alles, was da wächst, gießen. Doch zunächst wird gepflanzt.

Die Erzieherin schiebt den rechteckigen Kübel heran. In diesen schippen die Jungen und Mädchen mit ihren kleinen Schaufeln die Erde. Die Erde streichen die Kinder mit ihren Rechen und Händen glatt. Jetzt können Löcher gegraben werden. Ein Mädchen bringt die in Milchtüten gezogenen Bio-Kürbisjungpflanzen. Ganz behutsam werden sie von ihrer Hülle befreit und in ihren vorgesehenen Platz gesetzt. Erde andrücken, angießen, fertig.

Die Kinder kümmerten sich gern um die Pflanzen, weiß Seegmüller-Tiedtke. Vor allem freuten sie sich, wenn aus den Samen, die sie einmal in die Erde gelegt haben, die kleinen Triebe herauslugen. Die Kita zieht mittlerweile Erdbeeren, Kartoffeln, Zucchini und jede Menge Kräuter wie Petersilie, Salbei, Liebstöckel und viele mehr. „Die Kinder dürfen natürlich auch Pflanzen mit nach Hause nehmen“, betont die Erzieherin. Das Mittagessen wird zwar geliefert, aber dennoch wird manches aus dem Garten in der Kita-Kinderküche verwendet.

In dem weitgehend naturbelassenen, großen ehemaligen Klostergarten beobachten die Kinder – „ganz aus sich“ – Insekten und Bienen, die nicht zuletzt die eigens aufgestellten „Hotels“ aufsuchen. „Schnecken tragen sie vom Salat weg, Regenwürmer setzen sie ins Hochbeet, weil sie nützlich sind“, berichtet die Erzieherin. Doch auch größere Tiere haben es den Kindern angetan. Etwa die Eichhörnchen, die durch den mit Bäumen bestandenen Garten flitzen; genauso die Vögel in den Nistkästen, die ein Vater gespendet hat. Dieses Geschenk sowie der Schmetterlingsbaum, den Eltern mitgebracht haben, beweist in den Augen der Erzieherin, „dass alle den ökologischen Gedanken mittragen“. Dass in St. Franziskus auch Wert auf Müllvermeidung gelegt wird, braucht kaum einer eigenen Erwähnung. Christine Kraus/Regina Wilhelm

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