Redaktion der pilger

Freitag, 01. Oktober 2021

Mehr Mensch werden

á Dank für das gemeinsame Leben und Segen für den weiteren Weg: Das Archivbild stammt von der Feier der Ehejubiläen 2012 im Speyerer Dom. (Foto: Landry / pilger-Archiv)

Lebenslanger Prozess von Scheitern und Gelingen

Sie wollen ihm eine Falle stellen: „Ist es dem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen?“ Sagt Jesus Nein, stellt er sich gegen die Autorität des Propheten Mose. Er antwortet mit einer Gegenfrage: Was hat Euch Mose geboten? Sie müssen zugeben, dass es ein Zugeständnis des Propheten ist, dass der Mann seine Frau mit einer Scheidungsurkunde entlassen darf. Das Recht liegt einseitig auf Seiten des Mannes.

Jesu Erwiderung ist klar: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.“ Jesus erkennt darin einen Mangel an Achtung und Respekt der Männer vor ihren Frauen, einen Mangel an Liebe. Es geht ihm um das Menschen- und Gottesverständnis. Der Welt und Mensch zugewandte, zärtliche, liebevolle, das Leben umsorgende Gott, der als ersten Liebesakt die Welt und alles Leben ins Dasein gerufen hat, er hat den Menschen nach seinem Bild erschaffen! „Als Bild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Mann und Frau – beide sind Mensch, beide sind Bild Gottes, beide sind ebenbürtig (Gen 2,18), mit gleicher Würde ausgestattet.

Die Ehe als innige Verbindung von Mann und Frau, die fruchtbar wird für neues Leben, erfährt von Jesus höchste Wertschätzung. Mann und Frau werden in besonderer Weise eins – „ein Fleisch“, Ausdruck liebenden sich selbst Vergessens, eines gegenseitigen Aufgehens im Andern und eines Hineinwachsens in eine neue Existenzform: in die von Gott, das ist die Liebe. Das ist ein Idealbild, in unserer Lebenswirklichkeit vielleicht nur selten erfahrbar. Wer es einmal erlebt hat, erahnt, was Jesus damit gemeint hat, als er hinzufügt: „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.“ Der Vers ist ein Bild aus der Landwirtschaft, jesuanisch bodenständig: Das „verbunden“ heißt „zusammengespannt“, Mann und Frau sind wie zwei Zugtiere unter dem Joch miteinander verbunden und ziehen gemeinsam den Wagen. Der Mann ist nicht Wagenlenker, beide sind von Gott gleichermaßen in Dienst genommen für das Leben. Und das Leben ist nicht nur ein Tanz – dafür steht das Joch.

Ein Wort meines Freiburger Lehrers Alfons Deissler begleitet mich seit vierzig Jahren: „Die Ehe ist dafür da, dass die Ehepartner mehr Mensch werden – und nicht weniger.“ Das kann gelingen. Das aneinander, miteinander und auch gegeneinander sich Entwickeln und Reifen zu erwachsenen Persönlichkeiten mit spiritueller Weite und Tiefe in Liebe und Austausch, im gemeinsamen Entdecken des Lebens, in Auseinandersetzungen und Kämpfen ist mit Freude, Ekstase, aber auch Leid und Schmerz verbunden.
In den Großstädten wird fast jede zweite Ehe geschieden. Eine Trennung ist meist mit langen Phasen des Streitens und Leidens, manchmal mit Gewalt, immer mit Tränen verbunden. Auch eine bestehenbleibende Ehe ist nicht immer das große Glück; nach außen nicht sichtbar, kann sie die Hölle sein. Zwei Menschen, die sich gegenseitig in ihrer Entwicklung blockieren, man-che zerbrechen unter der Dominanz ihres Ehepartners. Ehe, ein Ort des Menschwerdens?

Nicht immer ist das Ende einer Beziehung ein Scheitern. Das Ende einer Ehe kann das Ergebnis ihres „Erfolgs“ sein, des intellektuellen und menschlichen Wachstums der Partner – aber eben in verschiedene Richtungen, die ein gemeinsames Leben nicht mehr zulassen. Auch kann aus einem Scheitern ein Erwachen, ein neues, heilsames Wachsen erfolgen, wenn die getrennt-lebenden Partner sich gegenseitig den Frieden der Versöhnung schenken können. Trennung als Ermöglichungsgrund eines weiteren mehr Menschwerdens?

Was ist mit den Menschen, die den Mut haben, nach dem Zerbrechen ihrer ersten Ehe eine neue einzugehen, und das Risiko auf sich nehmen, erneut zu scheitern? Die hier das finden, was in ihrer ersten Ehe nicht möglich war: das gemeinsame mehr Menschwerden. Verharren sie „hartnäckig in einer offenkundigen schweren Sünde“ (can 915 CIC)? Die orthodoxe Kirche kennt die Wiederheirat als eine Form barmherzigen Umgangs mit den Menschen, um ihre menschliche Entwicklung zu fördern und ihren Glauben zu stärken. Die katholische Kirche hat diese Praxis nie verurteilt.

Nach einer Heilung sagten die Menschen über Jesus: „Er hat alles gut gemacht“ (Mk 7,37). Ein Wort, das auf den Schöpfungsakt hin durchsichtig wird: „Gott sah, dass es gut war“ (Gen 1,10). Wir erkennen darin auch die Neuschöpfung des Kosmos im auferstandenen Christus. Aber vor Ostern steht das Kreuz. Manche Ehen sind Kreuzwege. Und doch: Auch in ihnen ist es möglich, dass die Güte Gottes aufleuchtet: Er hat alles gut gemacht.

Spuren des Heils finden sich auch in gescheiterten Ehen. Sind sie das unauflösliche Band, das beide Eheleute verbindet, das verbindlich bleibt über ihre Trennung hinaus? Ich glaube, der Segen des Anfangs, der Segen am Traualtar wird nicht zurückgenommen. Er begleitet beide Menschen – ein Leben lang. (Thomas Bettinger)

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