Redaktion der pilger

Freitag, 01. Oktober 2021

Kunst für den letzten Weg

Für ihre abstrakten Arbeiten bekannt. (Foto: Friederike Jung)

Sie sind individuell, einzigartig und so unverwechselbar wie der Mensch, für den sie bestimmt sind – die Urnen der Deidesheimer Künstlerin Friederike Zeit Narum. In ihrem Atelier entstehen die sehr persönlichen Begleiter für die letzte Reise eines Verstorbenen. Hergestellt in Handarbeit und mit Wertschätzung.

Nur ein Steinwurf vom pulsierenden Herzen Deidesheims entfernt findet sich ein Gegenpol. Ein abzweigender „Wurmfortsatz“ der Schloßstraße endet vor einem großen Tor. Dahinter eröffnet sich ein weitläufiger Hof, umgeben von einem historischen Gebäudeensemble und wohltuender Ruhe. Schon beim Betreten ist klar, an diesem Ort gibt Kunst den Ton an. Abstrakte Objekte in leuchtenden Farben lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Hier lebt und arbeitet Friederike Zeit Narum, zusammen mit ihrem Mann Svein Narum.

Einen wichtigen Teil ihres Schaffens widmet die Künstlerin der Herstellung von Urnen. Das eher ungewöhnliche Sujet hat einen sehr persönlichen Hintergrund. „Als mein Großvater gestorben ist und die Beerdigung anstand, hat mich der örtliche Bestatter auf die Idee gebracht, selbst eine Urne zu machen. Denn ich war damals schon ausgebildete Keramikerin“, wirft die 58-Jährige den Blick um etwa 30 Jahre zurück. „Es war eine sehr private Arbeit, in die ich Gedanken und Gefühle hineinlegen und meinem Großvater mitgeben konnte.“

Die Urne fand auch außerhalb der Familie Anklang, der Bestatter signalisierte Interesse, es kam zu ersten Aufträgen. Doch Fuß in der Bestatterszene zu fassen, war nicht einfach. Aber schon bald wurde Friederike Zeit Narum zur Bestattermesse in Düsseldorf eingeladen, eine der größten ihrer Art, und konnte an prominenter Stelle ihre Arbeiten präsentieren. Seither hat sich viel getan, Bestatter in ganz Deutschland zählen zu ihren Kunden.
Alle ihre Urnen bestehen aus Ton, sind auf der Töpferscheibe frei gedreht und daher Unikate mit ganz individuellem Charakter. Auf natürliche Materialien legt die Künstlerin großen Wert. Auch bei den Baumwollbändern und bei der Glasur, mit der sie einen Teil der Gefäße überzieht. „Dafür verwende ich Gesteinsmehle, wie zum Beispiel Quarz, Kalkstein oder Kaolin. Diese Urnen müssen bei 1230 Grad gebrannt werden. Bei den unglasierten reicht eine Brenntemperatur von 900 Grad. Sie sind schneller vergänglich. Ähnlich wie bei Blumentöpfen blättern die Schichten nach und nach ab, wenn Wasser in den Ton eindringt und gefriert.“ Schließlich lösen sie sich auf und der natürliche Kreislauf schließt sich.

Doch auch andere Faktoren hat die Künstlerin zu bedenken. Denn die Urnen können keinen beliebigen Umfang haben. Sie müssen in die Aushebung des Grabes oder ins Kolumbarium passen und groß genug sein, um die Aschekapsel zu fassen. „Da diese von Region zu Region unterschiedliche Maße hat, informiere ich mich vorab beim jeweiligen Institut. Außerdem verdunstet beim Brennen Wasser, so dass 14 Prozent der Masse schwinden, auch das muss einkalkuliert werden.“ Immer wieder probiert sie eine neue Form oder andere Glasuren aus. So entstehen Sondermodelle, die ebenfalls ihren Abnehmer finden. „Neue Urnen beschichte ich jetzt mit Bienenwachs. Das ergibt einen sanften Glanz und eine schöne Haptik.“

Ihre Arbeiten nimmt Friederike Zeit Narum mit viel Bedacht, Respekt und Wertschätzung vor. „Schließlich ist es nicht irgendein Gefäß, sondern wird die Asche eines Menschen beherbergen. Da arbeite ich äußerst genau, alles muss stimmen und so sein, wie der Kunde es sich wünscht. So eine Urne ist etwas äußerst Persönliches und Wichtiges.“

Das zeige sich oft bei den privaten Kunden, die zu ihr kommen. Wer einen nahestehenden Menschen verloren hat, befinde sich meist in einer Ausnahmesituation. „Da kommt es zu langen Gesprächen, voller Erinnerungen und Emotionen. Für den Verstorbenen eigens eine Urne anfertigen zu lassen, ist ein Zeichen seiner Einzigartigkeit und der Zuneigung. Und das Letzte, was man für den Menschen tun kann.“ Religiöse Aspekte spielten bei ihr selbst jedoch keine Rolle.

Dass ihr Beruf diese künstlerische Richtung eingeschlagen hat, ist einer Anordnung ihrer Mutter zu verdanken. „Sie hatte mich in meiner Jugend dazu verdonnert, Aufsicht im Deidesheimer Keramikmuseum zu machen. Während dieser Zeit habe ich viel über Keramik gelernt und war so fasziniert, dass ich mich mit 18 Jahren für eine Töpferlehre entschieden habe.“  Sie bewirbt sich an der Keramikfachschule in Landshut, besteht die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung und gehört zu den 20 Bewerbern, die von insgesamt 800 genommen werden.

„1984 habe ich mich selbständig gemacht und parallel eine Ausbildung im Modellieren von Plastiken absolviert.“ Ein weiterer Bereich, dem sich die Künstlerin erfolgreich widmet. Ihre abstrakten Arbeiten werden in vielen Ländern der Welt ausgestellt, von Korea bis Spanien, der Ukraine bis Luxemburg, wo ihr der Europäische Preis für keramische Plastik verliehen wurde. Auf einer Tagung in China begegnet ihr schließlich das private Glück. In einem Bus bei der Terracottaarmee lernt sie 2009 ihren Mann kennen, den Norweger Svein Narum, ebenfalls Keramikkünstler. Der Liebe wegen folgt er Friederike Zeit in die Pfalz. Nach Deidesheim, in das Haus, in dem sie aufgewachsen ist und in dem einst der Fürstbischof von Speyer residiert hat und später ihr Großvater als Winzer tätig war. Dort, wo einmal der Kelterkeller war, stellt das Paar heute seine Arbeiten aus. Die entstehen im Atelier gleich nebenan. Hier reihen sich in den Regalen Tassen, Teller, Schalen, Schüsseln, Krüge und Vasen aneinander. Gebrauchskeramik, die beide auf der Töpferscheibe herstellen, wenn auch in ganz unterschiedlichem Stil. Das dritte Standbein der Künstlerin.

Vom 15. Bis 24. Oktober werden sich die Türen der Galerie zur 17. Intonation öffnen. Ein Symposion, das Friederike Zeit Narum 2005 ins Leben gerufen hat. Diesen Deidesheimer Kunsttagen folgen auch 2021 internationale Kunstschaffende zum gegenseitigen inspirierenden Austausch und um sich bei ihrem Arbeiten von Besuchern über die Schulter schauen zu lassen. Später im Jahr wird es das Künstlerpaar nach Schweden nahe der norwegischen Grenze ziehen. „Dort haben wir ein Haus samt Werkstatt, wo wir im Sommer und Winter jeweils zwei Monate lang leben und arbeiten.“ Ein Rückzug in die Abgeschiedenheit, die der Kreativität Raum gibt. „Doch danach reicht es mit der Ruhe, und wir kehren gern wieder in die Pfalz und das gesellige Leben zurück“, sagt Friederike Zeit Narum. (Friederike Jung)

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