Redaktion der pilger

Mittwoch, 13. Oktober 2021

„Bist du organisiert?“

Solidarität schreibt ein Gewerkschafter groß: Lopopolo bei der Kundgebung zum 1. Mai. (Fotos: Rüdiger Wala)

Nächstenliebe und Gewerkschaftsarbeit sind für Nicola Lopopolo zwei Seiten einer Medaille

Aktiv in der Gewerkschaft und trotzdem – noch – katholisch: Für Nicola Lopopolo, Vorsitzender des DGB in Hannover, ist Glaube etwas Bodenständiges. Das hat auch mit seinen italienischen Wurzeln zu tun.

„Geboren bin ich auf dem schönsten Fleckchen Erde“: Daran lässt Nicola Lopopolo keinen Zweifel. Der Ort ist klein, Bisceglie, liegt 30 Kilometer von der italienischen Hafenstadt Bari entfernt: „Genau unter dem Sporn, den der Stiefel hat“, sagt der heute 59-Jährige. Vor gut einem Jahr hat er den Vorsitz des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Hannover übernommen – und damit in der Stadt, die nicht so schön wie sein Geburtsort ist, aber in der er fast sein Leben lang wohnt.

„Ich war gerade zehn Monate alt, da sind wir meinem Vater hinterhergezogen.“ Sein Vater war Arbeiter, mit dem Zusatz ‚Gast‘. Bereits 1955 wurde er angeworben, kam über Baufirmen erst nach Frankfurt/Main, dann nach Hannover. 1962 dann zog die Familie nach, damals mit vier Kindern, später wurden noch vier weitere geboren.

Die Kirche hat beim Ankommen geholfen
„Die katholische Kirche hat damals Gastarbeiterfamilien sehr geholfen“, erinnert sich Lopopolo. Unterstützung bei der Wohnungssuche, Hilfe beim Ankommen im neuen Zuhause. Der Gang zur Kirche St. Eugenius gehört zum Sonntag dazu: „Wir als Kinder wie die Orgelpfeifen mit dem Vater, während die Mutter den Haushalt machte“, erzählt Lopopolo. Die Familie ist in die Gemeinde gut eingliedert: Die Kinder dienen alle am Altar, nehmen an Freizeiten teil. Bodenständiger Glaube.

Lopopolo besucht die Grundschule im Stadtteil: „Ich habe mal alte Zeugnisse rausgesucht, da stand, dass ich schon damals Klassensprecher war.“ Früh übt sich, wer sich für Kollegen einsetzt. Dieses Engagement führt dazu, dass Lehrer seine Eltern überzeugen, ihren Jungen aufs Gymnasium zu schicken.

„Das war Anfang der 1970er Jahre als Ausländerkind, wie es hieß, schon was Besonderes“, sagt Lopopolo. Doch auch in anderer Hinsicht ist er ein Exot. „Früher waren in den Klassenbüchern noch die Berufe der Eltern verzeichnet“, berichtet er. Bei seinem Vater stand Arbeiter, bei den Vätern anderer Kinder Bankangestellter oder Ingenieur: „Ich passte da nie so richtig rein.“

Mit 17 hieß es: ab in die Lehre
Doch der junge Lopopolo beißt sich durch. Bis zur 10. Klasse. Da geht es nicht mehr weiter. Andere Interessen werden wichtiger, rebellische 17 Jahre, Vorwürfe an der Schule. Eines freitags kommt Lopopolo nach Hause. Sein Vater nimmt ihn mit in eine Bauschlosserei, unterschreibt seinen Ausbildungsvertrag. Am Montag fängt die Lehre an. So schnell kann’s gehen.

Es ist ein kleines Unternehmen. Mit Licht-, aber auch vielen Schattenseiten: „Ich habe da jede Menge gelernt, keine Frage, wir mussten viel improvisieren.“ Doch auf Montage schläft er nachts auf der Pritsche des LKW, wäscht sich morgens im Kiesteich. „Wir hatten kaum Rechte als Arbeitnehmer“, ist die prägende Erfahrung.

Als Lopopolo schließlich kündigt, bekommt er von seinem ehemaligen Chef einen Satz hinterhergeworfen: „Ein Guter geht, ein Besserer kommt nach.“ Kein Respekt, kein Dank, nicht den Hauch von Anerkennung. Kapitalismus in klein. „Das war eine Situation, die mein Leben geprägt hat“, sagt Lopopolo.

Lopopolo wechselt zum Gleitlager- und Kupplungsspezialisten Renk, der in Hannover das ehemalige Eisenwerk Wülfel übernommen hat. „Da habe ich gemerkt, hier läuft es anders.“ Es ist sofort mehr Geld in der Lohntüte, was gut ist, denn mittlerweile ist er Vater einer Tochter. Eine weitere Tochter und ein Sohn werden noch geboren: „Meine Frau hat sich aufopferungsvoll fast allein um sie gekümmert, weil ich in Sachen Mitbestimmung so viel unterwegs war.“
Das hat mit der neuen Arbeitsstelle zu tun. Unmittelbar nach Arbeitsbeginn wird er vom Betriebsratsvorsitzenden angesprochen: „Kollege, bist du organisiert?“ Lopopolo weiß zuerst gar nicht, was gemeint ist. Aber er tritt in die IG Metall ein, wird schnell Vertrauensmann und 1991 in den Betriebsrat gewählt. Drei Jahre später, 1994, übernimmt er den Vorsitz. Bis heute.

Die hässliche Fratze des Kapitalismus
Doch sein Engagement geht über die eigene Niederlassung hinaus. Lopopolo wirkt im Gesamtbetriebsrat mit und später im Konzernbetriebsrat, als Renk selbst von MAN übernommen wurde. MAN wiederum gehört zum Volkswagen-Konzern. Lopopolo wird Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat – auf Augenhöhe mit den großen Namen, die Volkswagen prägen.

Wieder lernt der Metaller viel: Vor allem, wie wichtig Mitbestimmung und gewerkschaftliche Interessenvertretung für ein Unternehmen ist. Aber erneut gibt es eine Schattenseite, die des Kapitalismus in groß. Oder, wie Lopopolo es nennt, „die hässliche Fratze des Kapitalismus“. VW verkauft Renk an einen schwedisch-deutschen Finanzinvestor. Dessen Modell: Firmen mit geliehenem Geld kaufen, Kredite oder Beteiligungen aus dem Betrieb bedienen, dann das Unternehmen wieder verkaufen.

„Das macht uns große Sorgen“, sagt Lopopolo. Es klingt untertrieben. Denn nicht nur Personal an der Spitze wird ausgetauscht. Produktionsstandorte stehen auf dem Spiel, Gewinne müssen an die Anteilseigner oder Banken abgeführt werden, können nicht mehr wieder in den Betrieb investiert werden. Zudem hat die Belegschaft auch einen Anteil zu leisten: „Darüber müssen wir als Betriebsrat verhandeln, wie das aussehen kann.“ Wieder klingt es untertrieben.

„Ich bete tatsächlich immer noch“
Als Betriebsrat ist Lopopolo auch Prellbock. Nicht nur aktuell, sondern eigentlich immer. „Aus dem Betriebsverfassungsgesetz geht klar hervor, dass wir auch das Wohl des Unternehmens im Blick haben müssen“, erläutert Lopopolo. So muss er Kollegen auch erklären, was nicht geht.

Dabei hilft der Rückhalt starker Gewerkschaften: „Die Mitbestimmung muss noch weiter ausgebaut werden, wir brauchen mehr statt weniger Tarifbindung in diesem Land.“ Persönlich hilft etwas Weiteres: der Glaube. „Ich bete tatsächlich immer noch.“ Eben in den schwierigen Situationen des Lebens, die die Arbeit oder auch die Familie mit sich bringen. Bodenständig.

Die Kluft zur Amtskirche ist jedoch größer geworden. Keine Orgelpfeifen mehr am Sonntag. Das hat mit jenen Momenten in der Biografie zu tun, in der sich die Kirche unverständig gegenüber dem Alltag und der Lebenswirklichkeit von Menschen zeigt. Zum Beispiel, als zwei seiner Geschwister nicht kirchlich heiraten durften. Weil in einem Fall die Braut schon schwanger war, im anderen der andere Bräutigam eine andere Religion hatte. Das ist zwar lange her, aber immer noch präsent. Eine Kluft.

An anderer Stelle liegt für Lopopolo aber keine Kluft vor: zwischen christlicher Nächstenliebe und gewerkschaftlicher Solidarität. Für ihn, den katholischen Metaller und DGB-Vorsitzenden, sind das zwei Seiten ein und der derselben Medaille. (Rüdiger Wala)

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