Redaktion der pilger

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Vorbild ist Frankreich

(v.l.n.r.) Dr. Harald Dreßing und Kardinal Reinhard Marx und Stephan Ackermann, Mißbrauchsbeauftragter der deutschen Bischofskonferenz bei der Vorstellung der MHG-Studie im Jahr 2018. (Foto: kna)

Psychiater Harald Dreßing fordert Studie zu Missbrauchs-Dunkelfeld

Der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing hat sich für eine umfassende Studie zum Dunkelfeld von Missbrauch und sexualisierter Gewalt in Deutschland ausgesprochen – nach dem Vorbild einer jetzt in Frankreich veröffentlichten Untersuchung.

„Ich fordere schon lange eine auf einer großen Stichprobe basierende nationale Dunkelfeldstudie auch für die Bundesrepublik“, sagte er am 12. Oktober der Katholischen Nachrichten-Agentur in Mannheim. Er hatte 2018 im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz die wissenschaftliche Studie mit dem Titel „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (MHG-Studie) koordiniert.

Dreßing betonte, es gehe „nicht nur um die Kirchen, denn sexuelle Gewalt gegen Kinder findet auch in vielen anderen Bereichen statt, in der Familie oder in Vereinen“. Eine Studie auf der Basis von mindestens 100 000 Befragten sei „überfällig“. Dreßing kann nach eigenem Bekunden eine solche Studie mit seiner Forschungsgruppe übernehmen, es fehle aber an einer Finanzierung. „Hier sehe ich die Politik in der Pflicht“, so der Mediziner.

Der Psychiater bezog sich auch auf die Untersuchung zu Missbrauch im kirchlichen Raum aus Frankreich. Dort wurden 28 000 Personen befragt.Auf dieser Datenbasis kamen die Autoren für den Zeitraum 1950 bis 2020 zu geschätzten 165 000 bis 270 000 Kindern und Jugendlichen, die von Priestern und Ordensleuten missbraucht wurden. Für den gesamten Raum der Kirche, etwa auch im Bereich von Schulen, Heimen und kirchlichen Freizeitangeboten, spricht die Studie von 330 000 bis 396 000 Betroffenen.

Dreßing bezeichnete diese Schätzungen und Hochrechnungen als seriös und belastbar; zugleich bleibe eine statistische Unsicherheit, weil zu wenig Personen befragt worden seien. „Meines Erachtens wäre eine deutlich größere Stichprobe sinnvoll, um wirklich verlässliche Aussagen treffen zu können.“ Der Wissenschaftler betonte, man dürfe die französischen Zahlen nicht direkt mit den Ergebnissen der MHG-Studie vergleichen. Für die Untersuchung waren vor allem rund 38 000 Personalakten der Diözesen herangezogen worden.

Diese Studie kam für den Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2015 auf 1 670 beschuldigte Priester und rund 3 700 von Missbrauch Betroffene. „Die für Deutschland ermittelten Opferzahlen der MHG-Studie sind die unterste Grenze. Wir haben aber immer betont, dass das nur die Spitze des Eisbergs und das Dunkelfeld viel größer ist“, sagte Dreßing. Zugleich stimmte er der Analyse der französischen Studie zu, wonach es im Raum der Kirche auch aktuell weiterhin zu Missbrauch kommt. Eine Auswertung der MHG-Daten habe gezeigt, dass beispielsweise die Zahl von Missbrauchstaten durch Priester zwischen 2009 und 2015 nicht zurückgegangen sei. „Auch wenn dieses Ergebnis von einigen Diözesen heftig bestritten wurde, es sind exakte Berechnungen“, so der Leiter des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit.

Dreßing betonte, es gebe in der katholischen Kirche „spezifische Risikokonstellationen, die Missbrauch begünstigen“. Als Stichwörter nannte er „klerikale Macht, veraltete Sexualmoral, Zölibat und Ausschluss von Frauen in den Männerbünden“. Um Missbrauch gesamtgesellschaftlich aufzuarbeiten und Prävention zu verbessern, forderte Dreßing eine „Wahrheitskommission“. „Dafür braucht es aber wiederum einen politischen Willen und ein entsprechendes Gesetz. Die derzeitigen gesetzlichen Grundlagen geben das nicht her.“ (kna)

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