Redaktion der pilger

Freitag, 22. Oktober 2021

Die geöffneten Augen

Blinde Menschen müssen sich auf ihre anderen Sinne verlassen können, vor allem aufs Hören und aufs Tasten. Hoffentlich können sie sich auch darauf verlassen, dass die Mitmenschen Rücksichtnahme pflegen. (Symbolfoto: elypse /AdobeStock.com)

Die Begegnung mit Jesus Christus macht sehend

Zum Einstieg in die Erzählung von der Heilung des Blinden durch Jesus wurden wir bei einer Fortbildung gebeten, uns in einem uns unbekannten Raum mit geschlossenen Augen zu bewegen.

Wir konnten dabei die Erfahrung machen, wie schwierig es wohl für einen Blinden ist, sich einem fremden Raum zurecht zu finden. Woran konnten wir uns bei dieser Übung orientieren? Worauf konnten wir uns verlassen?

Wir spürten, wie unsicher wir waren und auf andere angewiesen, und auf unser Gehör. Ein klein wenig konnten wir erahnen, wie es dem blinden Bartimäus über lange Jahre ergangen war: Er war angewiesen auf die Rücksichtnahme seiner Mitmenschen. Angewiesen auf die Großzügigkeit ihrer Spende.  Unbestimmt und ungesichert war sein Lebensweg. Er konnte nur bettelnd seinen Lebensunterhalt bestreiten. Tastend und suchend musste er sich zurechtfinden.

Manche der Vorübergehenden sahen in seiner Krankheit vielleicht auch die Strafe für sein Fehlverhalten in seiner Vergangenheit oder für die Sünden seiner Vorfahren. Als Bartimäus nun hört, dass Jesus vorbeigeht, schreit er laut um das Erbarmen des „Sohnes Davids“. Seinen Ruf empfindet die Volksmenge als lästig. Wie konnte ein erbärmlicher Bettler – ein Sünder in ihren Augen – sie stören, wo sie doch möglichst nahe und ungestört bei dem Mann von Nazareth sein wollten, von dessen Wundertaten sie gehört hatten. Doch durch den Lärm des Volkes hindurch hörte Jesus den Ruf des Blinden. Nicht die lärmenden und neugierigen Menschen interessieren ihn. Bartimäus ist für ihn in diesem Augenblick der wichtigste Mensch: Ihn lässt Jesus rufen. Einige aus der Menge ermutigen ihn aufzustehen und zu Jesus zu gehen.

Bartimäus bricht auf und lässt zurück, was für ihn bisher Hilfe und Schutz zum Überleben war: seinen Mantel. In ihn hüllte er sich zum Schlafen ein. Er gab ihm Wärme und Sicherheit. Diese letzte vermeintliche Sicherheit gibt er auf. So groß ist sein Vertrauen auf den Rabbuni Jesus. Von ihm verspricht er sich Heilung. „Rabbuni, ich möchte sehen können“. Auf den Mann von Nazareth baut er nun sein Leben. Im Vertrauen auf ihn fühlt er sich dem Leben gewachsen.  Er wagt den Sprung ins Ungewisse. Er setzt sich in Bewegung.

Was Bartimäus erhofft, wird für ihn zur Gewissheit. Jesus heilt ihn und öffnet ihm die Augen. Er kann mit seinen Fähigkeiten die Welt wahrnehmen. Sein Vertrauen auf die Kraft, die in ihm selbst steckt, und sein Glaube an den Mann aus Nazareth, öffnen ihm eine neue Sicht der Wirklichkeit. Er gewinnt einen offenen Blick für sein Leben. Dieser Jesus lässt ihn die Welt im Licht sehen, mit ihren Farben und ihrer Lebendigkeit. „Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell.“ Bartimäus wagt es, auf dem Weg mit Jesus Erfahrungen zu machen.
Die Erzählung von der Heilung des Bartimäus vermag auch in uns die Frage zu wecken: Wo sind wir blind und wollen sehend werden? Brauchen wir eine voraus schauendere Sicht auf die Zukunft der Erde, unserer Gesellschaft, unserer Kirche und auf unser eigenes Leben? Ein geweiteter Blick wird uns zu verantwortungsbewussterem Verhalten und konsequenterem Handeln führen.

Die heilige Hildegard von Bingen sagt, dass wir oft blind und geblendet sind durch mangelnde Sicherheit. Dies zeige sich durch Ratlosigkeit, Unrast und Umherschweifen. Wir führten eine Existenz der Sorge und Angst. Hoffnungskräfte für Leib und Seele vermögen uns aus dieser Unsicherheit herauszuführen, so sagt sie. Diesen Kräften können wir sehr unterschiedlich begegnen, z.B.  in der Natur, in Begegnungen mit Menschen, in der Stille, in uns: Wenn es nur für Augen-Blicke ist, in denen wir die Welt licht und in bunten Farben sehen und Klarsicht gewinnen in unübersichtlichen und schwierigen Lebenssituationen.

Im Evangelium sagt Jesus zu Bartimäus: „Geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Wir dürfen wie Bartimäus unsere Not wahrnehmen und uns aus ihr herausrufen lassen. Unsere Augen öffnen sich und wir werden sehend: Wir dürfen aufbrechen aus unserer Not und Hilflosigkeit und uns unseren Aufgaben stellen.
– Herausgeführt aus unserer Angst, etwas zu versäumen oder zu kurz zu kommen, wer-den wir auch unsere Mitmenschen besser wahrnehmen.
– Eingeladen unsere Augen zu öffnen, entdecken wir auch das Gelingende und Schöne in unserem Leben.

– Ein sehendes Herz hilft uns dabei, Entscheidungen zu treffen. Wir werden frei, neue Wege zu gehen – auch in der Kirche.
„Geht!“ sagt Jesus und meint auch uns. „Geht!“ sagt er wohl auch zu manchen Kardinälen und Bischöfen. Wir dürfen gehen – befreiter von Angst und im Vertrauen darauf, dass Christus unser Rufen hört. Die Hoffnung auf seine Nähe, die uns in verschiedener Weise begegnen kann, bringt uns in Bewegung und lässt uns im Gehen neue Sicherheit finden. Wir sind eingeladen, unsere Ängste und Sorgen ihm anzuvertrauen und aus einer inneren Ruhe heraus unsere Gegenwart und Zukunft zu gestalten. (Theo Wingerter)

 

 

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