Redaktion der pilger

Mittwoch, 23. Februar 2022

Auf einem guten Weg

Sich mit anderen über den Glauben auszutauschen – dies bedarf der Offenheit und des Vertrauens, aber auch der Klarheit und Ehrlichkeit. (Foto: luckybusiness/AdobeStock.com)

Jesus fordert von uns Klarheit und Ehrlichkeit

Ein Text, der uns vertraut ist. Bilder, die wir kennen, die in vielen Zusammenhängen vorkommen und weit über das kirchliche Leben hinaus ihre Bedeutung haben. So oft gehört, so oft bedacht, für wahr befunden – und doch gibt es immer wieder Momente, in denen uns ein solcher Text, ein solches Bild besonders anrührt.

Wie kannst du auf den Splitter im Auge deines Bruders aufmerksam werden, aber den Balken in deinem eigenen Auge nimmst du nicht wahr? In der momentanen Situation, in der die katholische Kirche einmal mehr mit dem Balken im eigenen Auge kämpft, während sie jahrzehntelang in ihren Strukturen und auf allen Ebenen, in Veröffentlichungen, Predigten und Beichtgesprächen die Splitter in Augen und Leben der ihr anvertrauten Schwestern und Brüder in aller Schärfe betont und verfolgt hat. Um es korrekter zu sagen: es ist nicht der Balken im Auge der Kirche, sondern der im Auge vieler ihrer Amtsträger – in jedem einzelnen, der die Augen zugemacht hat vor den Verbrechen, die innerhalb und im Namen der Kirche begangen wurden, in jedem einzelnen, der das Leid so vieler unschuldiger Menschen kleingeredet hat und immer noch kleinredet, der es „nicht so hoch hängen“ will, der es „nicht mehr hören kann“.

Wir reden hier nicht von einer Lappalie, einem Versehen, wie einer verschütteten Tasse Kaffee auf der Hose der Nachbarin. Wir reden davon, dass Menschen Schuld auf sich geladen haben, der sie nicht ins Auge sehen wollen – oder können. Wie aber soll ein Blinder einen Blinden führen? Wie sollen diejenigen, die als Vorbilder im Glauben gelten, anderen zeigen, wie man mit Schuld umgehen kann, wenn sie selber blind sind für die Verbrechen, die sie oder ihre Mitbrüder an Menschen begangen haben?
Jesus plädiert mit diesen Worten aus der Bergpredigt für Klarheit und Ehrlichkeit. Es geht ihm darum, genau hinzusehen – und zwar nicht in erster Linie auf andere, sondern vor allem auf den Baum unseres eigenen Lebens. Was ist an unseren Früchten zu erkennen? Sind wir ein guter Baum oder ein schlechter, Dornbusch, Gestrüpp oder ein Baum, der blüht und gute Frucht bringt?

Dieser Text lädt uns mit seinen Bildern ein, hinzuschauen. Und natürlich geht es in der momentanen Situation darum, auf all das Unrecht zu schauen, Schuld zu bekennen, das unvorstellbare Leid so vieler Menschen wahrzunehmen, ernstzunehmen, anzunehmen, vielleicht ein Stückchen zur Heilung ihrer Wunden beizutragen.
Es geht aber nicht darum, beim Splitter und Balken oder Verbrechen anderer stehen zu bleiben. Es geht darum, mir meiner eigenen Schuld bewusst zu werden, vor mir selber zu sehen und anzunehmen, dass ich Menschen verletzt habe, wissentlich und unwissentlich. Es geht darum, den Balken in meinem eigenen Auge herauszuziehen – was heißt: mich als einen unvollkommenen, sündigen Menschen zu sehen – als die, die ich bin. Und dann geht es darum, mich trotzdem als von Gott geliebt zu begreifen. Zu staunen, wie Gottes Liebe mich meint – trotz aller unguten Anteile, die mir in meinem Geist, meinem Herzen und meiner Seele im Laufe meines Lebens ins Bewusstsein kommen.
Für mich bedeuten diese Bilder von den guten bzw. schlechten Bäumen und Früchten, dass letztlich nichts von dem, was in uns vor sich geht, verborgen bleiben wird. Unsere Antriebe, unsere tiefe Motivation, die Sehnsucht, die uns in Bewegung und in Aktion bringt, werden spürbar in unserem Reden und Handeln. Da, wo wir anderen begegnen, wird spürbar, was wir wirklich glauben und hoffen.

Da merken andere an unserer Haltung die Ehrlichkeit, das Interesse an ihnen, unsere Wertschätzung und Anerkennung, unsere Sorge, unseren Wunsch, ihnen nahe zu sein, unsere Perspektive, in die wir sie und uns selber hineinstellen: die Perspektive Gottes, die immer größer ist als unsere eigene. Die Barmherzigkeit Gottes, die uns Tränen in die Augen treibt, wenn sie uns tief ergreift und ahnen lässt, dass wir tatsächlich ganz gemeint sind, mir allen positiven Seiten und den negativen, die auch zu uns gehören. Die Perspektive des Segens, die uns dabei hilft, immer wieder „JA“ zu sagen zu uns selbst, zu den Menschen, mit denen wir leben, zu dieser Kirche, die uns mit ihren Amtsträgern und den vielen Frauen und Männern, die sie gemeinsam gestalten, eine Heimat geworden ist, auch wenn diese Heimat nicht perfekt, nicht ohne Zweifel, vor allem nicht „unfehlbar“ ist.

Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind, wenn wir miteinander genau hinschauen, achtsam sein und uns in aller Offenheit über unsere Fragen und unseren Schmerz austauschen und miteinander ins Gespräch kommen über die Erfahrungen, die wir mit Menschen und mit unserem Gott gemacht haben. Dann können wir auch füreinander und miteinander Blüten tragen „wie Bäume, an Wasserbächen gepflanzt“, die zur rechten Zeit ihre Frucht bringen und deren Blätter nicht welken. (Annette Schulze)

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