Redaktion der pilger

Donnerstag, 10. März 2022

Der Unermüdliche

Alfons Hoping vor einer Jesus-Statue, die ihm seine litauischen Freunde in Alvitas 2017 zum 25-jährigen Bestehen des Partnerschaftsprojekts geschenkt haben. Sie steht vor seinem Haus. (Fotos: Michael Rottmann)

Alfons Hoping hat den Bau eines Kinderheims in Litauen ermöglicht. Jetzt sorgt er sich um das Projekt

Nach dem frühen Tod seines jüngsten Sohns startete Alfons Hoping mit seiner Familie eine Hilfsaktion für bedürftige Familien in Litauen. Mit großem Erfolg. Der 70-Jährige setzt auf den Glauben an Gott und ans Gelingen.

Dass es Litauen ist, ist Zufall. „Ich hatte vorher ja nie an Litauen gedacht“, sagt Alfons Hoping. Sein ehrenamtlicher Einsatz dagegen ist kein Zufall, der gehörte immer für ihn dazu, lange neben seinem Job für einen großen amerikanischen Landmaschinenhersteller. Er war stets bereit, die Ärmel aufzukrempeln, wenn er gebraucht wurde. Neun Jahre als Schöffe am Gericht, als Mitglied im Vorstand der örtlichen Schützenbruderschaft, als Malteser-Ortsbeauftragter, im Pfarreirat und im Kirchenausschuss seiner Heimatpfarrei St. Vitus im oldenburgischen Visbek.

So sagte der Landmaschinen-Ingenieur 1995 auch spontan zu, als er gefragt wurde, ob er als Helfer bei einem Litauentransport der oldenburgischen Caritas dabei sein wolle.
Caritas und Malteser im Oldenburger Land hatten diese Form der Hilfe kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ins Leben gerufen. Unter Einsatz ehrenamtlicher Helfer schickten sie Hilfsgüter an Gemeinden und Caritaseinrichtungen. Möbel, Lebensmittel, Hygieneartikel zum Beispiel. Die waren damals für viele Menschen in Litauen unerschwinglich. Und immer gehörten auch Besuche in Familien und sozialen Einrichtungen vor Ort zum Programm.

Hopings Sohn starb mit neun Jahren
Alfons Hoping hatten sich bei einem dieser Besuche besonders die langen Korridore eines staatlichen Kinderheims eingeprägt. „Die stammten aus der sowjetischen Zeit. Links und rechts gingen große Schlafsäle ab, für 50 bis 60 Kinder aus sozial schwachen Familien und mit Behinderungen“, erinnert er sich.
Was er bei seinem Besuch in Litauen noch nicht wusste: Dass nur wenige Jahre nach dieser Begegnung ein Projekt entstehen sollte, das seit mittlerweile mehr als 25 Jahren die Not von Kindern im Blick hat und rund 400 000 Euro und viele Sachspenden für sozial benachteiligte Familien in dem baltischen Land zusammengebracht hat. Und dass er selbst der Motor des Ganzen werden würde.

Was Alfons Hoping dagegen wusste: wie groß die Herausforderungen des Lebens sein können. Einer der schwierigsten Momente in seinem Leben war der Tag im Jahr 1986, an dem er und seine schwangere Frau erfuhren, dass ihr drittes Kind mit der Diagnose Trisomie 21 auf die Welt kommen würde.
„Die Ärzte haben uns damals zur Abtreibung geraten“, sagt der Vater. „Wir haben uns aber sehr bewusst für das Leben entschieden.“ Sohn Markus kam mit einem Herzfehler und weiteren Beeinträchtigungen auf die Welt, war nach einer OP mehrfach schwerstbehindert, brauchte Pflege rund um die Uhr. Er starb mit neun Jahren. Das war ein Jahr nach Alfons Hopings ers­tem Besuch in Litauen.

Und genau dieser Besuch eröffnete in der Trauer eine neue Perspektive. „Damals haben wir uns bei einem Familienrat entschlossen, künftig etwas für benachteiligte Kinder und Familien in Litauen zu tun.“ Möglichst für ein ganz konkretes Projekt.

Immer wieder fanden sich neue Helfer
Der erste Schritt dazu sollte eine Spendensammlung bei der Trauerfeier für Markus sein. Kurz darauf saß Alfons Hoping erneut in einem Hilfstransporter nach Litauen. Diesmal mit den 3 000 Mark von der Beerdigung im Koffer, für die er vor Ort einen geeigneten Zweck suchen wollte.

Er erinnert sich noch gut an den trüben Novembertag in dem 1 000-Seelen-Örtchen an der litauisch-russischen Grenze. Und an die Ruine des Pfarrhauses. Das heruntergekommene Gebäude hatte der Staat nach der politischen Wende an die Kirche zurückgegeben. Und er hat den gerade mal 25-jährigen Pfarrer und die Ordensschwester vor Augen, die ihm damals ihre Pläne für das Kinderheim zeigten, in das sie das kaputte Gebäude umbauen wollten, für Kinder aus zerrütteten Familien. Aber noch ohne eine Vorstellung davon, wie sie das Ganze finanzieren sollten.

Wieder zu Hause, ließen Alfons Hoping die Pläne für das Heim nicht los. „Der Pfarrer und die Schwester hatten uns vorgerechnet, dass sie 25 000 Mark brauchen würden.“ So startete die Familie mit einer Freundin eine erste private Spendenaktion.

Im Bekanntenkreis fanden sie schnell Mitstreiter, die Pfarrer Vytautas Kajokas und Schwester Aurelija ebenfalls helfen wollten und verteilt über fünf Jahre Geld  spendeten, so dass der örtliche Bischof schon drei Jahre später das neue Kinderheim St. Kazimier einweihen konnte, mit Platz für sieben Kinder. Nach Um- und Neubauten lebten im Kinderheim 2005 schon 17 Kinder. Nach dem Bau eines weiteren Gebäudes ist seit 2015 sogar Platz für 24.

Bei seinem ersten Besuch in Litauen war Alfons Hoping auch auf dem „Berg der Kreuze“, nicht weit von Alvitas. Dort hat er für seinen verstorbenen Sohn ein Kreuz aufgestellt, mit Namen und Todesdatum. „Es war so etwas wie ein Abschluss, vielleicht gehörte es auch noch zur Trauer dazu“, sagt Alfons Hoping. Er und seine Frau waren später oft wieder dort. Längst verdecken neue Kreuze den Blick auf Markus’ Kreuz. „Aber ich weiß, wo es steht.“

Vor ein paar Jahren hat er in einer Heimatpfarrkirche mal über seinen Glauben und seine Erfahrungen gesprochen. Auch damals hat er von dem Kreuz für seinen Sohn erzählt: „Wenn ich an den Ort komme, denke ich immer an die Vergangenheit, an Markus. Aber es ist nicht nur Trauer, sondern ich bin dankbar dafür, diesen Sohn gehabt zu haben. Wenn wir Markus nicht gehabt hätten, dann hätten wir wahrscheinlich nie das Kinderheim gegründet, und ich hätte niemals so viele für mich sehr wichtige Freundschaften beginnen und vertiefen können.“

Alfons Hoping wusste und weiß Menschen zu überzeugen. Immer fand er Helfer, wenn er von dem Projekt erzählte, das nach und nach immer weiter wuchs. Doch aktuell gibt es auch Sorgen: Der litauische Staat will die Betreuung der Kinder umstellen. Kinderheime sollen künftig nur noch maximal acht Kinder aufnehmen. Damit könnte mit dem Heim in jetziger Form Ende 2023 Schluss sein.

Sollte es so kommen, müsste sich die Hilfsaktion ganz neu aufstellen. Vielleicht nur noch mit einem sehr kleinen neuen Kinderheim und einer veränderten Nutzung der bestehenden, gerade erst mit EU-Mitteln geförderten Gebäude. Mal sehen, wie es kommt. „Wichtig ist aber, dass unsere Hilfe weitergeht“, sagt Alfons Hoping.
Hilft ihm sein Glaube in solchen Krisen? Alfons Hoping nickt. Und was bedeutet er im Alltag für ihn? Eher Handeln oder eher Beten? Alfons Hoping lächelt. „Ich versuche beides“, sagt er. Jeden Morgen nach dem Aufstehen gehören ein „Vaterunser“ oder ein „Gegrüßet seist du, Maria“ dazu. Oder er liest auf der Bettkante ein Stück aus der Bibel. „Aber handeln ist für mich noch wichtiger.“

Glaubenszeugnis geben – das bedeutet für ihn in erster Linie: „einfach machen“. Mit Gottvertrauen. (Michael Rottmann)

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