Redaktion der pilger

Donnerstag, 07. Juli 2022

Wie „richtig“ leben vor Gott

Luigi Sciallero: Der barmherzige Samariter, Öl auf Leinwand, 1854 (Ausschnitt), Akademie der schönen Künste, Genua. (Foto: Wikimedia Commons/CC0 1.0)

Ein „Außenseiter“ zeigt, was wesentlich ist

Wie die zwei Brennpunkte einer Ellipse stehen sich im heutigen Evangelium zwei entscheidende Fragen gegenüber: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ und weiter: „Wer ist mein Nächster?“ Die Antwort kann schwierig sein, ja, sie kann uns in Gewissensnöte bringen, weil der gemeinsame Mittelpunkt schon feststeht: die klare Aufforderung Jesu am Schluss.

Jesus geht es ums Ganze. Es geht darum, „das ewige Leben zu gewinnen“, indem man dieses uns geschenkte Leben mit Liebe und mit Sinn erfüllt. Fragen wir also: Wie kann Leben gelingen und vor Gott bestehen?

Das Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ zeigt in eindrucksvoller Handlung einen Menschen, der ohne „Wenn-und-Aber“ engagiert handelt. Dabei ist er ein Außenseiter, ja, aus der Perspektive der „Gesetzeslehrer“ sogar ein Feind. Für uns heute ist „Samariter“ positiv besetzt – eben ein Helfer. Für die Hörer zur Zeit Jesu aber war der „Samariter“ einer, der sich von der reinen Lehre abgewandt hatte, ein Andersgläubiger also, ein Fremder, mindestens ein unangepasster Ausländer, zu dem man Distanz halten musste.

Worin aber besteht nun die Provokation, die zu Recht diesem Gleichnis zugeschrieben wird? Sie besteht darin, dass es dieser Außenseiter ist, der dem Überfallenen hilft, während dessen Landsleute und Glaubensbrüder einfach wegschauen. Der Außenseiter ist es, der das Opfer versorgt, seine Heilung plant und bezahlt. Er tut es aus Menschlichkeit – und wenn wir es jüdisch-christlich sagen: aus Nächstenliebe.

In der Parabel begegnen wir einem eindrucksvollen Frage-Antwort-Dialog. Da ist zunächst die Frage des Gesetzeslehrers: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus antwortet nicht mit moralischen Anweisungen, mit Vorschriften oder mit Verboten, sondern mit dem Hinweis auf Kernstellen der Heiligen Schrift: das Liebesgebot aus den heiligen Schriften der Juden.

Nicht die fertige Antwort ist es also, die das Gespräch voranbringt, sondern die Suche nach dem Sinn des Handelns, nach Liebe und nach Wahrheit. Die weiterführende Frage Jesu ist es, die den Gesetzeslehrer zu der wichtigen Frage führt: „Wer ist denn mein Nächster?“

Das Gleichnis Jesu zeigt es, damals wie heute. Wer der Nächste ist, das kann nicht durch Gesetze festgelegt werden. Es ergibt sich jeweils aus der Situation. Und es wird nicht an Worten, sondern an Taten gemessen – und immer auch am Grundsatz der Liebe.

Das dramatische Geschehen in der Parabel Jesu macht deutlich: Der Nächste ist der, der hier und jetzt Hilfe braucht, ganz gleich, wer das ist. Wo Not ist, dort sind meine Nächsten. Die können durchaus auch weiter weg sein. Aber jeder von uns kann jederzeit gefordert sein, z.B. dabei zu helfen, dass bedrohte, gefährdete, geflüchtete Menschen in Würde leben können.
Der Samariter im Gleichnis Jesu ist von dem Geschehen stark berührt. Er handelt spontan, dem Opfer menschlich zugewandt, aber auch vorausschauend. Vieles können wir auf heute übertragen. Hilfe und Beistand müssen strukturiert sein, um greifen zu können, z.B. Flüchtlingshilfe, gerade jetzt in diesem fürchterlichen Krieg gegen die Ukraine.

Und was ist mit den beiden, die einfach wegschauen, dem Priester und dem Leviten? Wollen sie sich die Finger nicht schmutzig machen? Stehen sie gar über dem Geschehen – als Amtsträger in Würden?

Nein, sagt das Gleichnis: Hier sind nicht Amt und Würde entscheidend, auch nicht fromme Worte über Gott und die Welt, sondern die spontane Geste der Liebe und der Nächstenliebe. „Und dieses Gebot geht nicht über deine Kraft“, sagt uns die heutige Lesung aus dem Buch Deuteronomium. Gott traut uns das zu.

„Handle genauso!“ – das ist der entscheidende Impuls Jesu, der Endpunkt des Gesprächs. Das gilt jeden von uns: Wir sind der Nächste für den, der Hilfe braucht. (Dr. Helmut Husenbeth)

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