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Redaktion der pilger

Mittwoch, 04. Mai 2022

Licht für alle Völker

Rembrandt van Rjin: Selbstporträt als Apostel Paulus (Ausschnitt, Öl auf Leinwand, das Selbstporträt ist auf 1661 datiert). Rijksmuseum Amsterdam. (Foto: Rijksmuseum Amsterdam / Wikimedia Commons (gemeinfrei))

Die Frohe Botschaft richtet sich an alle Menschen

Wir erleben Paulus und Barnabas auf ihrer ersten Missionsreise. Sie erfüllen den Auftrag des auferstandenen Christus: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 29,19f). In der Synagoge von Antiochia in Pisidien verkünden sie „gemäß der Schrift“ Jesus Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen. Es gehört zum Konzept der Apostel, mit ihrer Mission bei den Juden einer Gemeinde zu beginnen. Hier können sie an theologischen Vorkenntnissen anknüpfen, an der Hebräischen Bibel, unserem „Alten“ oder besser Ersten Testament.

Paulus ist überzeugt, dass seinen Brüdern und Schwestern zuerst die Frohe Botschaft verkündigt werden muss. Er sieht sich selbst inmitten seines Volkes. Die Erwählung Israels durch Jahweh gilt für Paulus unverändert. Gottes Berufung ist unwiderruflich (Röm 11,28f). Gottes Heilshandeln an Israel, wie es im Ersten Testament Wort geworden ist, bleibt gültig und wirksam. Und in dieser jüdischen Heilsgeschichte steht ganz der jüdische Wanderprediger Jesus von Nazaret, über den Paulus sagt: „Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen“ (Kol 1,19).

Paulus sieht in Jesus den Gottesknecht des Propheten Jesaja. Er zitiert aus dem Prophetenbuch und verbindet damit den Auftrag seiner Predigt: „Denn so hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein“ (vgl. Jes 42,6 u. Jes 49,6). Theologen haben im Gottesknecht des Jesaja auch Israel gesehen. So kann man im „Licht für die Völker“ durchaus das jüdische Volk erkennen. So gilt für Paulus weiterhin, was Johannes geschrieben hat: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22).

Wie Jesus, die Apostel, die Frauen im Jüngerkreis, leben Paulus und Barnabas ganz aus ihrer jüdischen Identität. „Es geht weder im Evangelium noch in der Apostelgeschichte um eine Ersetzung Israels durch die Kirche oder um eine Integration der Nichtjuden in Israel“ (Hubert Frankemölle). Jesus ging es darum, „die zerfallene Hütte Davids wieder aufzurichten“ (vgl. Apg 15,16), um eine „prophetische Rückbesinnung und Erneuerung Israels.“

Der Unterschied zwischen Synagoge und Kirche ist der Glaube an Jesus. Wir Christen erkennen in ihm den Gesalbten Gottes, den Messias, den Gott „zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen“ (Jes 42,6) macht, zu einem ewigen Bund der Güte und Treue Gottes. Er ist der „Sohn Davids“, der seinen Geist ausgießen wird „über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen“ (Joel 3,1f).

Für Paulus ist das bereits Gegenwart. Mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen ist die Heilszeit angebrochen. Viele Juden schließen sich Paulus und Barnabas an. Die Kirche ist im Ursprung eine jüdische Gemeinde. Und die Prophetie des Joel wird Wirklichkeit: „Und die Jünger wurden mit Freude und Heiligem Geist erfüllt.“ Gott ist Mensch geworden. Im Heiligen Geist gießt sich Gott selbst in die Herzen der Menschen ein.

Die Predigt stößt auf jüdischen Widerstand. Schlimme Worte beschreiben die Ablehnung des Evangeliums: Eifersucht, Hetze, Lästerungen, Verfolgung, Vertreibung, Feindschaft. Wir stehen hier vor Aussagen, die bis heute zur Begründung antijudaistischer Haltungen und von Antisemitismus geführt haben. Ich lese immer noch theologische Schriften mit antijudaistischem Hintergrundrauschen. Die Kirche hat im Verhältnis zum Judentum große Fortschritte gemacht. Ich erinnere an das Konzil und an das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II.

Vielleicht begegnen Paulus nur Juden, die nicht „eifersüchtig“, sondern „voll Eifer für“ ihre Religion eintreten, deren Integrität sie bedroht glauben. Auch Paulus war ein Eiferer. In seiner Predigt will er nicht „die Juden“ angreifen. Er will Tod und Auferweckung Jesu deuten und verständlich machen. Dabei sieht er keinen Antagonismus zwischen Juden und Christen, sondern zwischen göttlichem und menschlichem Handeln.

Mit Paulus und Barnabas greift das Evangelium über den Rand der Synagoge hinaus. Das Christentum tritt aus der jüdischen Welt hinaus in die griechisch-römische, es wird universal: Die Frohe Botschaft richtet sich an alle Menschen. In der Kirche gibt es keine Ausländer, keine Rassen, keine Sklaven, Männer und Frauen haben gleiche Würde, gleiche Rechte: Menschenrechte. Sicher, an manchem arbeiten wir noch. Paulus gibt uns die Richtung vor: „Denn alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,26–28). (Thomas Bettinger)

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