Bistum Speyer

Mittwoch, 17. Juli 2024

Im Urlaub immer erreichbar?

Immer erreichbar? Parviz Khosrawi im Urlaub © Parviz Khosrawi

Warum viele Menschen selbst im Urlaub eigentlich noch immer bei der Arbeit sind

Speyer. Ganz ehrlich: Ich bin auch so ein Typ. Früher, als ich noch kein iPhone von der Firma hatte, da war das Ritual am letzten Arbeitstag: Abwesenheitsnotiz einrichten und ab in den Urlaub. Und dann war ich auch mal zwei Wochen gar nicht erreichbar und habe absolut nichts mehr mitbekommen. Keine E-Mails, keine Chat-Gruppen und keinen Kollegen-Tratsch. Doch seit alles digital ist und seitdem jeder ein Smartphone hat, ist es mit der Ruhe im Urlaub vorbei. Und auch mit der absoluten Auszeit, dem Abschalten vom Job. Denn mit dem Smartphone bin ich immer erreichbar. Hier eine E-Mail, da eine WhatsApp vom Kollegen und dort auch noch eine Nachricht in der Facebook-Gruppe. Es ist nicht nur der Gedanke „läuft alles richtig, kriegen die Kollegen in meiner Abwesenheit alles hin“? Auch die Neugier zwingt mich dazu, mehrfach am Tag meine E-Mails zu checken. Und damit bin ich leider in bester Gesellschaft. Denn laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage bleiben 66 Prozent der Berufstätigen im Sommerurlaub für ihre Arbeitsstelle erreichbar. Nur ein Drittel der Befragten schaltet also im Urlaub komplett ab. Und zwischen den 50- bis 64-Jährigen sind es sogar 73 Prozent – die immer erreichbar sind. Auch am Strand in der Südsee.

Johannes Keuck leitet das Caritas-Zentrum in Neustadt an der Weinstraße. Erreichbar sein im Urlaub für die Arbeitsstelle – ist das denn wirklich eine gute Idee? „Ob es wirklich eine gute Idee ist, im Urlaub zu arbeiten oder nicht, muss jeder individuell für sich beantworten“, sagt Johannes Keuck. „Und ich würde mir da Fragen stellen wie: Mache ich das aus eigener Motivation oder ist es eben eine Erwartungshaltung vom Arbeitgeber? Oder von Geschäftspartnern oder von Kunden? Und dann auch mal zu schauen, was bewirkt das? Bewirkt das, das ich den Urlaub überhaupt nicht mehr genießen kann oder bewirkt das, dass ich den Urlaub eben gerade dadurch genießen kann. Weil ich ab und zu mal reinschaue und sehe: Auf der Arbeit läuft alles.“

Es wirkt ja fast schon wie ein Trend. Mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones und Empfangsmöglichkeiten wie kostenlosem WLAN im Hotel, steigt auch die Erreichbarkeit. „Mich wundert dieser Trend ehrlich gesagt nicht. Ich denke, es gibt zwei Erklärungsansätze dafür“, vermutet Johannes Keuck. „Immer mehr Menschen sind mit dem Smartphone dienstlich ausgestattet und auch die Verfügbarkeit von Internet per WLAN ist eben an immer mehr Orten gegeben. Und damit wird es eben auch einfach, gerade noch mal in die Arbeitsmails rein zu gehen. Zu checken, ist da etwas Wichtiges gekommen. Und ich denke, die andere Entwicklung ist eben die, dass wir uns immer mehr zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickeln. Das heißt: Das sind alles eben auch Bereiche, in denen viel Kommunikation per E-Mail erfolgt. Und dementsprechend habe ich hier auch die Möglichkeit zu reagieren.“ Aber es gibt natürlich auch andere Berufsgruppen, die nicht an das Smartphone gebunden sind. Und hier sieht die Sache mit der Erreichbarkeit dann natürlich auch anders aus: „Wenn man hingegen in der Produktion beispielsweise arbeitet, dann ist es ja etwas ganz anderes. Ein Schlosser zum Beispiel, wenn der nicht in seiner Werkstatt ist, dann kann der auch nicht gut seiner Arbeit nachgehen. Und ich denke, das sind eben genau diese zwei Trends, die dazu führen, dass wir bei wirklich gut zwei Dritteln von Menschen sind, die sagen: Auch im Urlaub gibt es doch noch mal einen Bezug zur Arbeit und ich prüfe eben die Mails oder bin über andere Kanäle auch weiterhin erreichbar.“

Doch wie komme ich aus diesem Teufelskreis raus? Weg von dem Gefühl „ohne mich geht es nicht“? Dafür hat Johannes Keuck einen gesunden Mittelweg gefunden: „Ich kann Ihnen auch sagen, wie ich dieses Thema gelöst habe. Und zwar gibt es die Absprache mit meiner Assistenz, die mich auch vertritt während meiner Abwesenheit, dass wenn etwas ganz, ganz Wichtiges wäre, dann würde sie mir eine Nachricht schicken mit einer entsprechend hohen Priorisierung. Das kann man ja in Outlook so einstellen. Und dann würde ich das direkt sehen. Und für mich ist das dadurch entspannt, weil dann kann ich einmal in der Woche durch meine E-Mails gehen. Kann gucken, gibt’s da eine Nachricht von meiner Assistenz, die hoch priorisiert ist. Und gibt es das nicht, dann bin ich schon in einer Minute fertig. Ich bin aber total entspannt, weil ich weiß: Es läuft gerade alles bestens! Das ist ein möglicher Weg. Ob das der Königsweg ist, das muss jeder für sich selbst herausfinden.“

Andere Lösung: Sich im Urlaub so viel vornehmen oder so eingebunden zu sein, dass für ein Checken des E-Mail-Postfachs gar keine Zeit übrigbleibt: „Spannend finde ich ja auch, dass die Menschen ganz unterschiedlich an das Thema Urlaub herangehen“, sagt Johannes Keuck. „Also den einen entspannt es zum Beispiel, in den Pauschalurlaub zu gehen und zu sagen: Hier muss ich mich die ganze Zeit lang um gar nichts kümmern. Und dann habe ich aber auch noch einen Bekannten im Kopf, der sagt, für ihn ist eine Fahrradreise mit der ganzen Familie die beste Ablenkung von der Arbeit. Weil da ist er direkt in der Sekunde gefordert, wo er losfährt. Eben vom Straßenverkehr, die Karten checken, wo schlafen wir heute Nacht und allein da ist es schon so unterschiedlich. Und ich glaube, so ist es eben auch mit dem erreichbar sein oder nicht erreichbar sein. Da braucht jeder seinen eigenen Weg und da gibt es kein Richtig und kein Falsch.“

Doch interessant ist an der neuen Bitkom-Umfrage: Gerade die junge Generation, von den Älteren oft als „handysüchtig“ beschimpft, die kann hier am besten „Abschalten“. Denn laut dieser neuen Umfrage ist nur jeder Zweite der 16- bis 29-Jährigen im Urlaub ansprechbar. Zumindest von der Arbeitsstelle. Auch wenn die junge Generation ganz sicher mit Freunden chattet: In Sachen Arbeit ist das Smartphone aus. Das wundert selbst Johannes Keuck: „Ja, dieses Ergebnis hat mich überrascht. Ich erlebe das ehrlich gesagt nicht so, sondern würde denken, dass sich das gleich verteilt über die Generationen. Vielleicht gibt’s ja auch eine gewisse statistische Ungenauigkeit, in der Form, dass eben Menschen in einem höheren Alter auch eine höhere Verantwortung in den Unternehmen tragen. Und ich glaube das geht damit einher, dann eben auch erreichbarer zu sein! Und dann dementsprechend auch öfter im Urlaub die Mails zu checken oder erreichbar zu sein.“

Also: Wer eine höhere Position im Job hat, ist in der Regel auch eher erreichbar, als ein Azubi, Schüler oder Student. Aber vielleicht sollten die Älteren jetzt hier auch mal von den Jüngeren etwas lernen. Nämlich im Urlaub einfach mal „Abschalten“. Nicht nur seelisch, sondern auch das Smartphone. Wie sagen diese jungen Leute doch so gerne: „Chill mal!“  Ich nehme mir das einfach mal zu Herzen – und schalte ab! Im nächsten Urlaub!

 

Text: Parviz Khosrawi

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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