Bistum Speyer

Dienstag, 27. Oktober 2020

Erfahrungen mit Rassismus

Carmen Gardin und Christian Lee

Interviews mit Carmen Gardin und Christian Lee

Speyer. Im Bistum Speyer wird es einen Arbeitskreis „Antirassismus und Diversität“ geben. In der neuen Ausgabe des Magazins Kontakt, den der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum Speyer herausgibt, erzählen zwei junge Menschen über ihre Erfahrungen mit Rassismus. Beide sind seit ihrer Kindheit in der katholischen Jugendarbeit aktiv.

BDKJ:Wer bist du und woher kommst du?

Christian: Mein Name ist Christian Lee, bin 27 Jahre alt und in Landstuhl geboren.
Ich hatte das Glück in zwei Kulturen aufzuwachsen, da mein Vater Afroamerikaner und meine Mutter Pfälzerin ist. Meine Eltern haben sich in Deutschland kennengelernt, da mein Vater in der Nähe von Kaiserslautern als Soldat der U.S. Airforce stationiert war. Mein Onkel aus der Pfalz heiratete eine Französin, sodass unsere kulturelle Vielfalt in der Familie noch erweitert wurde.
Das Leben in vielfältigen Kulturen habe ich immer als unglaubliche Bereicherung wahrgenommen.
Nicht nur kulturell, sondern auch religiös bin ich vielfältig aufgewachsen: Mein Vater ist Baptist und meine Mutter Katholikin. Hier hat sich aber meine Mutter durchgesetzt und so wuchs ich katholisch auf.
D.h. bereits vor meiner Kommunion durfte ich ab und zu kleine Einsätze als Messdiener tätigen, engagierte mich in der Pfarrei, bei der JUKI und im BDKJ Dekanatsvorstand Kaiserslautern.
Nach meinem Abitur 2012 entschied ich mich beim BDKJ DV Speyer und der JUKI ein FSJ zu absolvieren. Trotz der tollen Erfahrungen in der Jugendarbeit, versuchte ich nach meinem FSJ etwas Neues und ging nach Mannheim zur Firma Engelhorn. Nach sieben Jahren sehnte ich mich jedoch sehr zurück zur Verbandsarbeit, sodass ich mich um die Stelle als Geschäftsführer des Kolpingwerks DV Speyer bewarb und seit März 2020 diese Stelle auch wahrnehmen darf.

Carmen: Hallo, mein Name ist Carmen Gardin, ich bin 29 Jahre als und komme aus North Dakota in den USA. Wie ich als halb Österreicherin und halbe Amerikanerin in Deutschland gelandet bin, ist eigentlich ganz simpel. Meine Eltern haben sich in den USA kennengelernt, mein Vater ist Afro-Amerikaner aus dem Bundsstaat North Carolina und Berufssoldat bei der US-Air Force. Vom amerikanischen Militär wurden wir 1992 nach England versetzt, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe. 2000 kamen wir nach Deutschland zum Natostützpunkt Ramstein. Wir ließen uns in Schönenberg – Kübelberg nieder, wo ich den längsten Teil meiner Kindheit und Jugend verbracht habe - hier ist auch der Ort den ich „zu Hause“ nenne.  Meine beiden Geschwister und ich besuchten die deutsche Schule und in dieser Zeit hatte ich Anschluss bei den Messdienern, der KjG in Schönenberg –Kübelberg,  im örtlichen Turnverein sowie der Pfarrkapelle. Nach dem Abitur habe ich einen internationalen Freiwilligendienst in Capinzal do Norte, Brasilien über den BDKJ Speyer absolviert und anschließend Soziale Arbeit M.A.  in Ludwigshafen studiert. Derzeit arbeite ich im Jugendamt in Landkreis Germersheim und bin im Kinderschutz aktiv.

BDKJ: Wie hast du Rassismus schon erlebt?

Christian: Da ich in einem Dorf bei Kaiserslautern aufgewachsen bin, grenzte ich mich durch mein Äußeres bereits ab. Besonders im Kindergarten, wie in der Grundschule war ich einer der wenigen Kinder mit scheinbarem Migrationshintergrund. Dies machte mir mein Leben häufig nicht leicht. Das Fremde macht manchen Menschen Angst und so war ich öfters konfrontiert mit Mobbing, Diskriminierung und Ausgrenzung.
Eine Situation werde ich nie vergessen: Ein Kind hatte sich im Kindergarten absichtlich selbst verletzt und anschließend der Erzieherin berichtet, dass ich es ihr angetan hätte. Anschließend wurde ich vorerst vom Kindergarten ausgeschlossen. Dies war für mich schrecklich als Kind.
Es gibt eine Frage, die mir bereits unzählige Male gestellt wurde, welche meine Erfahrungen gut beschreibt: „Du sprichst aber gut Deutsch?!“ Natürlich spreche ich gut Deutsch, ich bin Deutscher!

Carmen: Seltsam ist es, dass meine ersten Erfahrungen mit Rassismus mit Deutschland in Verbindung bringe. Vielleicht war ich in England zu jung, oder es ist mir erst in Deutschland aufgefallen. Als Kind wusste ich nicht was das bedeutet:

  • Es war die Erfahrung zu machen, dass mein Vater als Afro –Amerikaner, der einzige Dunkelhäutige in der Gemeinde war
  • Es war der Tag, an dem ich nach der Schule wegen meiner Hautfarbe und meinen Zöpfen  von zwei Kindern gehänselt und geschubst wurde und ich mich natürlich wehrte, erhielt ich die Strafe vom Lehrer.
  • Es war der Moment als mein ehemaliger Grundschullehrer mir sagte, es reiche leider lediglich für eine Hauptschulempfehlung. Groß-und Kleinschreiben war für mich nach den englischen System noch ziemlich neu. Trotzdem besuchte ich erfolgreich die Realschule in Schönenberg und machte anschließend das Abitur am Gymnasium in Kaiserslautern.

Interessanterweise habe ich mich nicht daran gestört bei den Sternsingern den „dunklen“ Weisen zu spielen, das war einfach so. Ich weiß nur, dass es mich es mir auffiel beim Sternsingerempfang bei der Bundeskanzlerin nachgepudert zu werden, weil ich doch zu hell war.

BDKJ: Was kann man gegen Rassismus tun?

Christian: Rassismus gibt es nicht nur bei Nazis, das sollte uns bewusst sein.
Rassistisch sind ganz viele. Ich möchte mich da nicht ausschließen. Manche Kulturen sind für uns einfach nicht „normal“, sodass ich häufig erstmal eine Abwehrhaltung einnehme. Wichtig ist es hier, sich der Sache bewusst zu sein und aus der Abwehrhaltung herauszugehen. Offen zu sein für Fremdes. Diese Offenheit sollte meiner Meinung nach, schon in der Kindheit erlernt werden. Ich persönlich finde es einen leichten Weg über das Essen neue Kulturen kennenzulernen. Deutschland besteht aus so vielen verschiedenen Kulturen, warum kann man nicht z.B. beim Kindergartenfest Speisen aus allen Kulturen anbieten, welche im Kindergarten vertreten sind. Des Weiteren finde ich Bildung ebenfalls elementar um Rassismus vorzubeugen. Wieso können Projekttage in Schulen nicht den Schwerpunkt interkulturelle Kompetenz haben? Die Gemeinschaftskunde müsste sich darüber hinaus verpflichtend mit dem Thema Rassismus intensiv auseinandersetzen.

Carmen: Eines der wichtigsten Dinge ist es aus meiner Sicht, dass man sich dessen bewusst wird, dass Rassismus überall auf der Welt existiert – in sichtbarer und unsichtbarer Form und dass es nicht immer nur etwas mit der Farbe einer Person zu tun hat. Vor kurzem hatte ich eine Fortbildung für Fachkräfte der Jugendhilfe zu Interkultureller Kompetenz. Wir betrachteten uns den Menschen als Produkt und Produzent von Kultur. Ein Fazit war, dass Kultur sehr umfassend und schwer zu beschreiben ist und gerade deshalb auch zu Diskriminierung führt. Selbstverständlich gehört das Thema Rassismus und dessen Bekämpfung in die Politik, jeder Einzelne kann und sollte sich jedoch im kleineren Rahmen genauso damit auseinandersetzen. Ein erster Schritt ist meiner Meinung nach die Werstschätzung von Sicht-und Handlungsweisen Anderer, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Blickwinkel und Perspektiven eine wichtige Rolle haben und auch zu erleben, dass das „Andere“  oder „das Fremde“ viel Potential in sich birgt.

BDKJ: Was macht dein Jugendverband gegen Rassismus?

Christian: Das Kolpingwerk ist ein internationaler Verband, mit internationalen Partnerschaften, sodass verschiedene Kulturen hier zum Alltag gehören. Nichtsdestotrotz thematisieren wir, auch intern, das Thema Rassismus. Durch finanzielle Mittel der europäischen Union war es möglich seit 2017 die Kolping Roadshow zum Thema Integration auf die Straße zu bringen. Die Kolping Roadshow Integration spricht alle an. Das Infomobil macht neugierig und hält für jede Altersgruppe konkrete Angebote bereit: Spiel- und Mitmachaktionen, Texttafeln, multimediale Elemente und Methoden zur Aneignung von Hintergrundwissen über Flucht, Migration und Integration. Es zeigt Beispiele aus der Arbeit mit Geflüchteten, erzählt von gelungener Integration und macht Lust auf mehr. Unsere Roadshow wird von einer geschulten Fachkraft personell begleitet, die individuell gestaltbare Kurzschulungen anbietet. Ob mit oder ohne Vorkenntnisse – eine allgemeine Übersicht zu Flucht und Migration, spezielle Fragen wie die nach der Situation der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, die Integration von Geflüchteten ins Gemeindeleben, die Erwartungen von Geflüchteten an Deutschland oder auch ganz praktische Tipps und Methoden für die Arbeit mit Geflüchteten – das Thema wird im Vorfeld gemeinsam abgestimmt und die Schulung zeitlich flexibel angefordert.

Carmen:  Die KjG (Katholische junge Gemeinde) ist ein deutschlandweiter Verband, in der sich junge Christ*innen zusammenschließen und sich aktiv mit Werten wie Demokratie, Solidarität und Gerechtigkeit in der Gesellschaft und Kirche auseinandersetzen. Mit ihren Grundlagen wendet sich die KjG unter anderem gegen jede Art von Unterdrückung und Ausgrenzung von Menschen und steht für eine Politik, die sich für gleiche und gerechte Lebensbedingungen aller einsetzt. Die Projekte und Angebote der KjG bieten Raum für Begegnungen, Beziehungen und gemeinsame Erlebnisse. Mitglied kann jede*r werden, die*der die Grundlagen und Ziele des Verbandes bejaht. Die KjG arbeitet jedoch nicht nur national, sondern auch im Ausland und ermöglicht die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Kindern- und Jugendlichen über Ländergrenzen hinweg. Internationalen Kontakte der KjG sind aber auch offiziell über die KjG-Bundesebene vernetzt: Über den internationalen Dachverband FIMCAP pflegt die KjG über die Bundesebene ihre internationalen Kontakte. Die KjG auf Bundesebene beteiligt sich u.a. an den Internationalen Wochen gegen Rassismus, auf Diözesanebene setzen sich KjG Gruppen stets gegen Rassismus ein, indem sie ein Verband für alle Interessierten darstellen und auch bspw. in ihren Aktionen und Projekten Geflüchtete integrieren.

BDKJ: Wie engagierst du dich gegen Rassismus?

Christian: Ich gehe wählen. Und das könnt und solltet ihr auch tun. Denn Parteien mit rassistischem Gedankengut dürfen nicht den Einfluss haben, den sie leider teilweise schon innehaben. Des Weiteren bin ich Mitglied im Arbeitskreis des Bistum Speyers, welcher sich mit Rassismus beschäftigt. Zusätzlich versuche ich das Thema Rassismus im Kolpingwerk DV Speyer weiter zu integrieren und hierzu z.B. in Form von Pressemitteilungen Stellungen zu aktuellen Themen zu nehmen. Ich bin sehr dankbar, dass der Diözesanvorstand des Kolpingwerks meine Einstellung teilt und wir gemeinsam an einem Strang ziehen.

Carmen: Als KjGlerin und ehemalige ehrenamtliche Diözesanleitung im DV Speyer identifiziere ich mich natürlich mit den Werten des Verbandes. Gerade diese Werte und das Selbstverständnis der KjG sind der Grund warum ich gut aufgenommen wurde und mich in diesem Umfeld zu Hause fühle. Daher engagiere ich mich seit Jahren in der KjG und auch im BDKJ in unterschiedlichen Gremien. Als Person bemühe ich mich besonders, Menschen wertfrei und offen gegenüber zu treten und mich mit meinen Vorurteilen gegenüber anderen auseinander zu setzen. Derzeit schule ich mich berufsbedingt zum Thema interkultureller Kompetenz und kann das anderen Personen ebenfalls wärmstens empfehlen.

Text/Fotos: BDKJ

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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