Bistum Speyer

Donnerstag, 04. Februar 2016

Für beide Seiten ein Gewinn

Freizeitgestaltung gehört zu Gacans (Mitte) Aufgaben im FSJ

Junger Geflüchteter absolviert Freiwilliges Soziales Jahr im Caritas-Förderzentrum St. Laurentius und Paulus

Herxheim. Seit zwei Jahren lebt Gacan Nur nach einer gefährlichen Flucht durch Äthiopien, den Sudan, Libyen und Italien in Herxheim. Seinen richtigen Namen will er nicht gedruckt sehen, denn in seiner Heimat Somalia war das Leben des 21-Jährigen durch Terror bedroht. Im vergangenen Jahr war die Gruppe „Herxheim Bunt“ auf ihn aufmerksam geworden. Mit deren Hilfe und der Unterstützung des Referats Freiwilligendienste des Caritasverbandes für die Diözese Speyer konnte der junge Mann jetzt als erster Geflüchteter im Bistum Speyer ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beginnen. Er absolviert es im Caritas-Förderzentrum St. Laurentius und Paulus in Herxheim.

„Die Arbeit ist sehr gut“, sagt er beim Gespräch an seinem Dienstort. Er freut sich, dass es endlich vorbei ist mit den eintönigen Tagen, die er zuvor mit anderen Geflüchteten mit Einkaufen und Fernsehen verbracht hat. Er wohnt inzwischen auch in einer Zweier-WG in einer Wohnung, die die Verbandsgemeinde zur Verfügung gestellt hat.

Seit 2013 lebt er schon in Herxheim, aber erst nach einem Jahr ergaben sich Kontakte zur Bevölkerung. „Niemand wusste davon, als Gacan mit anderen Geflüchteten hier ankam, niemand hat sie begrüßt. Die Gemeinde hat getan, was zu tun ist, aber die Leute blieben ein Jahr lang unter sich“, berichtet Ingrid Bouché, Mitglied der Gruppe „Herxheim Bunt“. Zur ersten Begegnung kam es dann vor einem Jahr, als Helmut Dudenhöffer, einer der „Herxheim Bunt“-Gründer, auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt Gacan und vier weitere Männer aus Somalia ansprach. Danach war das Eis gebrochen, die Gruppe kümmerte sich um die Männer.

Helmut Dudenhöffer interessierte sich für Gacans persönliche Situation. Er fand heraus, dass der 21-Jährige Abitur hat und aus einer Familie stammt, in der sowohl der Vater als auch der Großvater Mediziner sind. Ingrid Bouché, bei „Herxheim Bunt“, Mitglied im Aktionskreis „Arbeitsperspektiven“, lotete dann Arbeitsmöglichkeiten für Gacan aus. Sie versuchte, ihm ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz zu vermitteln, was sich allerdings als schwierig erwies. Schließlich brachte sie ein Bekannter auf die Idee mit dem  FSJ, und sie wandte sich an das Referat Freiwilligendienste des Bistums Speyer.

„Das Bewerbungsverfahren war relativ unkompliziert“, berichtet sie. Das bestätigt auch Olivia Auer vom Referat Freiwilligendienste. „Es hat lediglich ein bisschen gedauert, alle notwendigen Papiere zu beschaffen“, sagt sie und lobt die Geduld und das Engagement von „Herxheim Bunt“ und Ingrid Bouché. Das Referat begrüßt es, dass dadurch erstmals ein junger Geflüchteter Zugang zum Freiwilligendienst gefunden hat. „Wir freuen uns, dass das geklappt hat“, sagt sie. Ihr Referat sei offen für die Vermittlung weiterer junger Geflüchteter in ein FSJ. „Eine einzelne Person kann so mitlaufen“, sagt Olivia Auer. „Wenn aber die Zahl zunimmt, entwickeln wir ein Konzept, um sie während ihres Einsatzes optimal begleiten zu können.“

Weil Gacan nicht mobil ist, bot sich als Einsatzort für das FSJ das Caritas-Förderzentrum St. Laurentius und Paulus an seinem Wohnort Herxheim an. Nach einem zweitägigen Probeeinsatz dort waren sowohl Gacan als auch die Einrichtungsleitung überzeugt: Das klappt. Nach einem Einführungsseminar – insgesamt fünf übers Jahr verteilte Seminarwochen sind Bestandteil des FSJ – begleitet er jetzt seit dem 15. November die Jugendlichen im Heimalltag und im Freizeitbereich. „Die unkomplizierte Art, mit der er mit unseren Bewohnern in Kontakt kommt, ist seine Stärke“, sagt Bereichsleiter Helmut Reinhardt. „Er geht sehr wertschätzend und würdevoll mit ihnen um“. Und sie wiederum geben ihm das Gefühl, gebraucht zu werden. „Das ist für beide Seiten ein Gewinn“, meint Reinhardt. Nach eigenen Worten hat Gacan, der in einer Familie mit zehn Kindern aufgewachsen ist, keinerlei Berührungsängste gegenüber den jungen Menschen mit Beeinträchtigung. Für ihn sind sie einfach „ganz normal“. Und obwohl er nur Somali, Englisch und ein wenig Deutsch spricht, klappt auch die Verständigung – „vor allem beim Fußballspielen“, erzählt er lachend.

Allein und ohne Kontakte ist er schon lange nicht mehr, nachdem sich „Herxheim Bunt“ seiner angenommen hatte und so etwas wie eine Ersatzfamilie für ihn wurde. Seit die Gruppe ihr ehrenamtliches Engagement aufnahm, organisiert sie wöchentliche Treffen mit Geflüchteten, an denen auch die Bevölkerung rege teilnimmt. Seit März besucht Gacan einen Deutsch-Sprachkurs. Ein regelmäßiger Arbeitsrhythmus strukturiert seinen Tag. In den vergangenen Wochen erfuhr Gacan, der Moslem ist, zum ersten Mal die Bedeutung von Weihnachten. „Die Jungs reden den ganzen Tag nur über Geschenke“, berichtet er schmunzelnd.

Ingrid Bouché sorgt sich jetzt um seine weitere Zukunft. Weil er um die Sicherheit seiner in Somalia lebenden Familie fürchtet, hält er den Kontakt dorthin ausschließlich über Telefon. Sein Asyl-Antrag läuft, noch in diesem Jahr ist er zum ersten von insgesamt vier Gesprächen eingeladen. Gacan gilt als „Altfall“, seine Heimat Somalia zählt nach den Kopenhagener Kriterien in Deutschland nicht zu den sicheren Herkunftsländern. Dennoch ist ungewiss, wie das Verfahren ausgeht. Ingrid Bouché rät ihm deshalb zu einer Ausbildung in einem Pflegeberuf und will sich um die Vorgehensweise kümmern. Für die Aufnahme eines Medizinstudiums, das Gacan anstrebt, wäre das ein Bonus. Ob ihm dafür das somalische Abitur angerechnet wird, ist fraglich. Eines steht für den jungen Somalier auf jeden Fall fest: Er will in Deutschland bleiben. In sein Heimatland, wo die dem al-Qaida-Netzwerk angehörenden al-Shabaab-Milizen Tod und Terror verbreiten, könne er nicht mehr zurück.

Stichwort „Herxheim BUNT“ (Originalschreibweise)

„Herxheim Bunt“ ist eine ehrenamtlichen Initiative der Verbandsgemeinde Herxheim, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Integration von Geflüchteten der Verbandsgemeinde Herxheim zu unterstützen. Gegründet wurde sie im Februar 2015 im Herxheimer Schönstatt-Zentrum Marienpfalz mit Unterstützung der dortigen Leiterin Schwester M. Charissa von Monika Kleebauer und Helmut Dudenhöffer. Kleebauer ist vielen Herxheimern bekannt als mit dem Landesverdienstorden ausgezeichnete Herxheimer Theaterfrau. Im September wurde die Initiative mit dem „Ehrensache-Preis 2015“ des Südwestrundfunks ausgezeichnet. Bereits im Dezember 2014 gab‘s im Schönstatt-Zentrum den ersten Deutschunterricht für vier Geflüchtete. Beim ersten Informationsabend der Verbandsgemeinde am 19. Februar sicherte Schwester M. Charissa die volle Unterstützung des Schönstatt-Zentrums zu. Dabei wurden Aktionsgruppen zu den Schwerpunkten Sprachkenntnisse, Treffpunkte, Öffentlichkeitsarbeit, Alltag, Sport, Mobilität und Kindergarten gegründet, außerdem die Gruppe Koordination, die die Aktivitäten der ehrenamtlichen Initiative zusammenführt.

Stichwort Somalia

Nach Angaben des „Netzwerks Migration in Europa“ ist Somalia neben Afghanistan und Syrien weltweit eines der drei Haupt-Herkunftsländer von Geflüchteten und eines der sechs häufigsten außereuropäischen Herkunftsländer von Asylsuchenden in der Europäischen Union. Rivalisierende Clans, Warlords und Milizen beanspruchen wirtschaftliche und politische Macht. Immer wieder kommt es dort zu bewaffneten Auseinandersetzungen – in den letzten Jahren vor allem zwischen den verschiedenen (Übergangs-)Regierungen des Landes und islamistischen Gruppierungen wie den al-Shabaab-Milizen, die Anfang 2012 offiziell dem al-Qaida-Netzwerk beigetreten sind. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Child Soldiers International gehört Somalia zu den zehn Ländern, die auch mit den regierungsnahen Truppen Minderjährige in den Kampf schicken. Bis Ende 2013 waren 1,12 Millionen Somalier vor Krieg, Hunger und Elend geflohen, die meisten über den Golf von Aden in den Jemen oder über Libyen nach Europa. Zwischen Juni 2013 und Juni 2014 beantragten 18.335 somalische Staatsbürger in der EU Asyl. Im zweiten Quartal 2014 war es das zehntwichtigste Herkunftsland von Asylantragstellern in der EU (3.795 Anträge).

Text / Foto: Caritasverband / Henning Wiechers und Waltraud Itschner

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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