Bistum Speyer

Freitag, 04. März 2016

Kolping setzt sich für Integration von Flüchtlingen ein

Podiumsgespräch (v.li.n.re.): Diakon Andreas W. Stellmann, Michael Lehnert, Dirk Fischer, Helmut Dittke, Matthias Donauer, Reinhard Schott und Thomas Eschbach.

Ökumenischer Handwerker-Gottesdienst der Handwerkskammer und des Kolpingwerks - Podiumsgespräch zu Integration von Flüchtlingen in Gesellschaft, Ausbildung und Arbeit

Kaiserslautern. Handwerker-Gottesdienst. Ökumenisch. Der Altar ist eine Werkbank, darauf liegen mehrere verschiedene Zangen. Pfarrer Jörg Stengel (Landstuhl) nimmt eine davon in die Hand und hebt sie hoch. „Nicht alle Werkzeuge sind für die gleiche Aufgabe gemacht“, sagt er vor einhundert Gästen im Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer in Kaiserslautern, „sondern für eine ganz bestimmte Anwendung.“ Je spezieller ein Werkzeug für seine Aufgabe gemacht sei, desto besser könne man diese Aufgabe mit ihm bewältigen. Und wie es beim Werkzeug ist, so sei es auch mit den Menschen: „Wie gut, dass Menschen verschieden sind und unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten haben, die sie in Gesellschaft und Arbeitswelt einbringen und weitergeben.“

„Gott segne das ehrbare Handwerk!“
Auch viele Menschen, die in den vergangenen Monaten in unser Land gekommen sind, hätten in ihrer Heimat ein Handwerk ausgeübt und ihre speziellen Fähigkeiten eingebracht. Ähnliche Fähigkeiten und Interessen zu haben, verbinde Menschen trotz mancher Verschiedenheit. „Wenn die Menschen in all ihrer Verschiedenheit sich als zusammengehörig und aufeinander angewiesen begreifen, wenn sie ihre Fähigkeiten und Begabungen teilen, dann ist gutes Leben möglich, gegenseitige Wertschätzung und Achtung. Gerade beim Handwerk ist das schöpferische Tun des Menschen besonders greifbar und deutlich“, meinte der Stellvertretende Diözesanpräses des Kolpingwerkes in seinem Predigtwort. Er schloss mit dem alten Handwerkergruß: „Gott segne das ehrbare Handwerk!“
 
Arbeit macht den Menschen ganz wesentlich aus
Pfarrer Gerd Kiefer von der Evangelischen Arbeitsstelle für Bildung und Gesellschaft in Kaiserslautern ließ sich von der Werkbank als Altar inspirieren: Arbeit mache den Menschen ganz wesentlich aus. Sie sichere seine Existenz, fordere und forme seine Persönlichkeit. Als Symbol dafür zeigte Kiefer den Besuchern einen Hammer. Der Hammer könne zerstören, aber auch auf- und neu bauen. Der Zimmermann Jesus habe sicher mit einem Hammer gearbeitet. Er sehe ihn beim Anfertigen eines Daches, das den Hausbewohnern Schutz, Wärme und Geborgenheit schenke. „Wenn wir Menschen, die zu uns flüchten“, sagte Pfarrer Kiefer, „ein neues Zuhause geben, dann hören wir Jesus, der in der Gerichtsrede (Mt, 25, 31ff) gesagt hat: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Ich hatte kein Zuhause, ihr habt mir ein Dach über dem Kopf gegeben.“ Pfarrer Stengel segnete die mitgebrachten Werkzeuge und bat Gott um Schutz und Heil für ihren Gebrauch.

Kirche und Handwerk gehören zusammen
Erstmals hatten das Kolpingwerk in der Diözese Speyer und die Handwerkskammer der Pfalz zu einem gemeinsamen Gottesdienst eingeladen. Bewusst wurde er ökumenisch gestaltet. Die Initiative zu diesem Wortgottesdienst ging vom Gesellenvizepräsidenten der Kammer, Michael Lehnert (Münchweiler), aus, der herzlich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im BTZ Kaiserslautern begrüßte. Mit dem Gottesdienst wolle man eine alte Tradition aufleben lassen: Kirche und Handwerk gehörten zusammen. „Jesus war Handwerker“, erinnerte Lehnert, „einer, der mitten im Leben stand, die Menschen kannte, mit ihnen lebte.“ Das Thema der Veranstaltung sei die große Herausforderung unserer Gesellschaft heute: „Von der Willkommenskultur zur Willkommensstruktur!“ Das Handwerk sei gefordert, zur Integration der Flüchtlinge, die zu uns kommen, beizutragen. Er rief dazu auf, gemeinsam gegen Misstrauen und Angst in unserer Gesellschaft vorzugehen. „Die Flüchtlingskrise ist die große soziale Frage unserer Zeit. Sie ist lösbar. Integration ist möglich.“ Das Handwerk wisse hier die Kirche an seiner Seite.

Für das Kolpingwerk sprach der Diözesanvorsitzende, Diakon Andreas W. Stellmann (Heßheim): Er begrüßte die Ehrengäste, unter ihnen Kammerpräsidentin Brigitte Mannert (Alsenz) und die Abgeordnete Marlies Kohnle-Gros MdL, Vorsitzende der Bischöflichen Stiftung für Mutter und Kind (Hütschenhausen). Er dankte der Handwerksammer für die nun schon seit mehreren Jahren bestehende fruchtbare Zusammenarbeit. Im Blick auf die vielen Flüchtlinge, die zu uns kommen, zitierte Stellmann den Verbandsgründer Adolph Kolping: „Tue Gutes, wo du kannst ohne Ansehen der Per-son, und wer der Hilfe bedarf, wo du sie leisten kannst, der ist Dein Nächster.“

"Fremde aufnehmen ist etwas genuin Christliches"
In seinem Impulsvortrag verwies Reinhard Schott, der Integrationsbeauftragte der Evangelischen Kirche der Pfalz, (Speyer) darauf, dass Migration zur biblischen Geschichte gehöre. Schon Abraham sei ein Migrant gewesen und Jakob mit seinen zwölf Söhnen als „Wirtschaftsflüchtling“ nach Ägypten ausgewandert, um zu überleben. Ein schönes Beispiel für Migration biete das alttestamentliche Buch Ruth. Hier würde deutlich, dass „Fremde in Israel“ Rechte haben: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ (Lev 19, 34). Und der Handwerkersohn Jesus? Er ist ein Flüchtlingskind. Seine Eltern fliehen mit ihm vor dem Mordanschlag des Herodes nach Ägypten. An Pfingsten hören in Jerusalem Menschen „aus allen Ländern“, Menschen mit „Migrationshintergrund“, die Apostel in ihren Sprachen reden. „Wir Christen gehören schon immer einer globalen Gemeinschaft an. Kirche ist eine globale Institution.“ Fremde aufzunehmen, ihnen Heimat zu geben, sei etwas genuin Christliches.

Podiumsgespräch: Integration kann gelingen
Diplomtheologe Thomas Eschbach, Betriebsseelsorger der Diözese Speyer, moderierte das anschließende Podiumsgespräch mit Vertretern aus Handwerk, Kirche und Kolpingverband. Michael Lehnert sah in der Zuwanderung eine Chance für Gesellschaft und Handwerk. Ausbildung und Arbeit seien geeignete Faktoren, Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren. Es gebe bereits erfolgreiche Integrationsprojekte im Handwerk. „Bei uns zählt nicht, woher jemand kommt, sondern wohin jemand will.“ Die Asylbewerber von heute seien die Fachkräfte von morgen.
Lehnert machte auf die „Integration im Kleinen“ aufmerksam: Jeder sei aufgerufen, selbst auf die Migranten zuzugehen. „Zuwanderung ist kein Übel. Wir schaffen das!“ Helmut Dittke, Leiter der Handwerkspolitik im DGB-Bundesvorstand (Berlin), sprach sich für einen fairen Arbeitsmarkt für alle aus. Er warnte vor einer Spaltung der Gesellschaft. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ müsse auch für Asylanten gelten. Der Mindestlohn sei für die Gewerkschaften die unterste Linie. Flüchtlinge dürften nicht Opfer ausbeuterischer Machenschaften werden. Er forderte eine Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Dittke machte darauf aufmerksam, dass die Masse der Ausbildungen erst noch kommen werde. Er wies darauf hin, dass das Handwerk sich bemühen müsse, für die Migranten attraktiv zu sein, dies auch im Blick auf die Ausbildungsvergütungen. Der Gewerkschafter äußerte sich zuversichtlich, dass Integration gelingt.

Matthias Donauer, verantwortlich für den Aufgabenbereich Gesellschaft und Politik im Diözesanvorstand des Kolpingwerkes, berichtete von Kolpingsfamilien, die sich im Rahmen bürgerschaftlicher Solidarität für Flüchtlinge und Asylbewerber engagieren. Sie arbeiteten aktiv mit den Kommunen, den Kirchengemeinden und den Wohlfahrtsverbänden zusammen. Donauer zeigte sich überzeugt, dass der Staat schon gut gerüstet sei. Projekte und Programme zur Förderung der Migranten lägen bereits vor; die Agentur für Arbeit fördere Menschen schon vor ihrer Anerkennung als Asylanten.

Grundvoraussetzung für eine Beschäftigung seien ausreichende Deutschkenntnisse. Er sah die Behörden auf gutem Weg, Flüchtlingen nach einer Qualifikationsfeststellung mit maßgeschneiderten Produkten der Kenntnisvermittlung je nach individuellem Stand auf Dauer gerecht zu werden. Donauer forderte die ehrenamtlich Tätigen auf, sich weiter zu engagieren und ein Augenmerk darauf zu halten, dass alles fair und nach Recht zugeht. Sie könnten dazu beitragen, in den Köpfen der Menschen etwas zu verändern, sie zu sensibilisieren für die Grundrechte jedes Menschen: „Menschenwürde und Menschenrechte sind unteilbar. Sie gelten für alle!“

Kreishandwerksmeister Dirk Fischer (Neustadt) meinte, dass ohne sprachliche Qualifikation keine berufliche Integration möglich sei. Parallel zu den Sprachkursen seien Praktika für den späteren Einstieg in die Ausbildung sinnvoll. Auch sollte man die ehrenamtlichen Begleiter darin schulen, was in den Betrieben geht und nicht geht.

Reinhard Schott sprach über das Problem der Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen bei Flüchtlingen. Hier bedürfe es der Konzepte und Möglichkeiten, die fehlenden Qualifikationen nachzuholen. Wir müssten schnell handeln. In den ersten drei Monaten sei die Bereitschaft, etwas Neues zu beginnen, bei Menschen groß, danach nehme die Motivation deutlich ab. Kirche könne dazu beitragen, v.a. Ehrenamtliche zu begleiten und zu unterstützen, ihre Motivation zu stärken, Probleme und Konflikte auszuhalten. Ehrenamtliche leisteten bemerkenswerte Arbeit.

Simone Brandt, Flüchtlingsnetzwerkerin der Handwerkskammer der Pfalz, wünschte sich mehr Geduld. Integration gehe nicht über Nacht. Fünf Jahre müsse man für einen gelingenden Eingliederungsprozess ansetzen. Das Erlernen der Sprache müsse gleich am ersten Tag beginnen. Es gebe schon Asylanten unter denen, die schon länger da sind, die mit Spitzennoten aus den Schulen kämen.

Alle Podiumsdiskutanten waren sich einig darin, dass es großer Anstrengungen bedürfe, die Eingliederung und Integration der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten erfolgreich zu bewältigen. Sie waren sich aber auch darin einig, dass Deutschland die Kraft und Ressourcen besitze, diese Jahrhundertaufgabe erfolgreich zu stemmen.

In der Pause schmiedete Thomas Maria Schmidt (Höheischweiler), der deutsche Meister im Schmiedehandwerk, unter dem Beifall der Zuschauer ein doppeltes Herz, das „Willkommensherz“, in dem er ein Symbol sieht, dass Integration, das Miteinander von Deutschen und Flüchtlingen, auf Dauer gelingt.

Wer sich für Flüchtlinge und Asylsuchende einsetze, betonte Diakon Andreas Stellmann in seinem Schlusswort, tue etwas für die Zukunft unserer freien und solidarischen Gesellschaft, tue etwas für die Zukunft unserer gesamten Welt. „Wenn wir Flüchtlingen helfen, setzen wir in der Welt ein Zeichen der Hoffnung, der Verständigung und Versöhnung.“ Kolping und Handwerk würden den gemeinsam eingeschlagenen Weg weitergehen. Den Mitwirkenden überreichte er eine Handwerkstasse und das Buch von Josef Holtkotte, Bundespräses des deutschen Kolpingwerkes, (Köln): „Handwerk hat goldenen Boden“. Stellmann dankte allen, die zur Gelingen dieses Tages beigetragen haben, ganz besonders der Band „Sacro Pep“ aus Hettenleidelheim, unter der Leitung von Wolfgang Breitwieser, Kolpingmitglied und Mitglied im Vorstand der Handwerkskammer der Pfalz. Präsidentin Brigitte Mannert und Vizepräsident Michael Lehnert überreichte er zur Erinnerung einen Wandteller mit den Symbolen der einzelnen Handwerke und den Worten: „Gott segne das ehrbare Handwerk“.

Text/Foto: Kolping

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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