Bistum Speyer

Freitag, 13. November 2015

Kardinal Woelki: Wir müssen Mauern überwinden

Kardinal Karl Lehmann begrüßt Ministerpräsidentin Malu Dreyer beim St. Martinsempfang in Mainz

Vortrag beim traditionellen St. Martinsempfang in Mainz

Mainz. "Das christliche Abendland retten wir nicht, indem wir die Schotten oder die Grenzen dicht machen, sondern indem wir Obdachlosen ein Zuhause und Hungernden zu essen geben und Kranke versorgen." Das sagte der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, am Donnerstagabend, 12. November, beim St. Martinsempfang im Erbacher Hof in Mainz. Weiter sagte er: "Mauern überwinden, das müssen wir nun im 26. Jahr der Einheit neu lernen: die Mauern in den Herzen und Köpfen so vieler Menschen in unserem Land, die gerne wieder eine Mauer errichten würden - nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Nord und Süd. Heute heißen diese Mauern: Begrenzung des Familiennachzugs; Mittelmeer; sichere Herkunftsstaaten; Dublin-Abkommen; Abschottung auch durch Zäune; aber auch Gewalt gegen Flüchtlinge, Rufmord und ideologisch motivierte Hetze." Das Thema seines Vortrages lautete: "Wer gibt schon seinen Mantel hin? Mit dem Heiligen Martin der 'Globalisierung der Gleichgültigkeit' begegnen".

Woelki wies darauf hin, dass Terror und Gewalt, die Menschen zur Flucht aus ihren Herkunftsländern bewegt, zum Teil durch deutsche Waffenexporte "ermöglicht, verschärft und verlängert" werde. Allein 2011 habe Deutschland mit Rüstungsexporten einen Außenhandelsüberschuss von 6,7 Milliarden Euro erwirtschaftet, sagte Woelki. Wörtlich sagte er: "Wir alle verdienen daran. Die daraus resultierenden Steuereinnahmen fließen in unseren Straßenbau und in unsere Kindertagesstätten. In diese Kindertagesstätten wollen nun auch diejenigen gehen, die genau vor den Waffen geflohen sind, aus deren Verkaufsgewinn sie mitfinanziert wurden. Das ist eine Realität, der wir uns stellen müssen. Und wir dürfen nicht aufhören, für solche Realitäten Bewusstsein zu schaffen."

Es gebe viele Menschen, die ein solches Bewusstsein hätten und er sei "zutiefst dankbar für diejenigen, die auf ihre Art ihren Mantel mit Zuflucht suchenden Menschen teilen", sagte Kardinal Woelki. Viele aber ließen sich "in die Irre führen, dass ihre eigene Not durch die Flüchtlinge verschärft würde, oder dass nicht genug für alle da wäre, zum Beispiel nicht genug, um Familien zusammenzuführen". Weiter betonte er: "In Gewalt sind diese Irrmeinungen mittlerweile ausgebrochen, und ich glaube, es ist unsere christliche Aufgabe - barmherzig und entschieden - Nein zu sagen, wenn Menschen in unserem Land bedroht und gefährdet werden."

Leben und Sterben in Würde bleibt zentrale gesellschaftliche Aufgabe

Zweites Thema seines Vortrages war der Umgang mit Kranken und Sterbenden. "Dankbar" sei er für die Entscheidungen, die der Deutsche Bundestag in der vergangenen Woche zum Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe und zur verbesserten Versorgung der Hospiz- und Palliativmedizin getroffen habe, sagte Kardinal Woelki. Und weiter: "Es bleibt auch nach der Entscheidung im Deutschen Bundestag, die eine Entscheidung für das Leben und für ein Sterben in Würde war, eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe, um über die Frage danach, was ein Leben in Würde ist, zu streiten. Auch das vom Bundestag setzte starke Zeichen für den Lebensschutz und damit für die Zukunft unserer Gesellschaft und ihren Zusammenhalt wird der weiteren flankierenden gesellschaftlichen Begleitung bedürfen."

Er machte deutlich, dass die Möglichkeiten der Selbstoptimierung Menschen zu der irrigen Annahme verleiteten, "dass nur ein Leben in Jugendlichkeit und Schönheit, Selbstbestimmung, Sportlichkeit und gewissem Auskommen, lebenswert und würdig sei", sagte der Kölner Kardinal. "Haben diejenigen, die sich in ihrer hilflosen Lage den Tod wünschen, nicht längst das Werturteil der sie umgebenden Gesellschaft verinnerlicht, wonach ihrem Leben keine Qualität und demnach kein Wert mehr zukommt? Genau eine solche Geringschätzung beeinträchtigten Lebens wird nämlich unvermeidlich, "wenn man die Kategorie 'Lebensqualität' zugrunde legt."

Die Lebensqualität am Ende des Lebens habe ganz andere Inhalte, betonte Woelki: "Denn am Ende des Lebens zählt, dass man nicht allein ist, dass man sich seiner Hilflosigkeit nicht schämen muss, dass der Schmerz erträglich gemacht wird, dass niemand - auch man selbst nicht - einem das Gefühl gibt, eine Last zu sein, die Möglichkeit zu erzählen und sein Leben beschließen zu können. Für religiös sozialisierte Menschen zählt darüber hinaus, dass sie Seelsorge als geistlichen Trost erfahren und sich getragen fühlen dürfen vom Glauben daran, dass man nicht tiefer fallen kann als in die Hände Gottes. Mit Selbst-bestimmung als Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung hat diese Phase des Lebens wenig zu tun."

Sterben in Würde bedeute in christlicher Perspektive "nicht, den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen, sondern die Art und Weise des Sterbens würdevoll zu gestalten", hob Woelki hervor. Artikel 1 des Grundgesetzes ("Die Würde des Menschen ist unantastbar.") impliziere auch, "dass man über keinen Menschen sagen darf: Es ist nicht gut, dass du lebst. Und wenn ein Mensch das in höchster Not von sich selber sagt, dann hat er in einer humanen Gesellschaft den Anspruch, dass er Mitmenschen begegnet, die ihm widersprechen und ihm sagen: Es ist gut, dass es dich gibt. Das ist die Grundlage unserer Werteordnung."

Dreyer würdigte konstruktiven Dialog

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer würdigte in ihrer Ansprache den "offenen und konstruktiven Dialog zwischen katholischer Kirche und Landesregierung". Die Ministerpräsidentin hob die besondere Rolle der Kirche in der aktuellen Flüchtlingskrise hervor. Sie trage mit ihren vielen Helferinnen und Helfern sowie den Hilfsorganisationen dazu bei, den Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen, eine menschenwürdige Unterbringung zu gewährleisten. Gleichzeitig setze sich die Kirche in erheblichem Maß in der Seelsorge ein. Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, dankte in seinem Schlusswort Landesregierung, Landtag und Fraktionen für die gute Zusammenarbeit im vergangenen Jahr.

200 Gäste aus Politik, Kirche und Verwaltung

Zu der traditionellen Begegnung hatte der Leiter des Katholischen Büros Mainz, Ordinariatsdirektor Dieter Skala, fast 200 Gäste aus Politik, Kirche und Verwaltung im Ketteler- Saal des Erbacher Hofes begrüßt. Neben Ministerpräsidentin Dreyer waren unter anderen die Staatsministerinnen Eveline Lemke, Vera Reiß, Sabine Bätzing-Lichenthäler sowie die Staatsminister Roger Lewentz und Professor Dr. Gerhard Robbers gekommen. Neben Landtagspräsident Joachim Mertes und dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes Rheinland-Pfalz, Dr. Lars Brocker, waren außerdem gekommen: die Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Julia Klöckner, die stellvertretende Vorsitzende der SPDLandtagsfraktion, Kathrin Anklam-Trapp, und die Landesvorstandsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Katharina Binz.

Aus den rheinland-pfälzischen Bistümern waren neben Kardinal Lehmann und Kardinal Woelki unter anderen der Bischof von Trier, Dr. Stephan Ackermann, der Bischof von Speyer, Dr. Karl-Heinz Wiesemann, und der Apostolische Administrator des Bistums Limburg, Weihbischof Manfred Grothe, gekommen. Musikalisch gestaltet wurde der Abend von einem Ensemble des Erzbischöflichen Berufskollegs Köln unter Leitung von Oberstudienrat Andreas Biertz. Text / Foto: Bischöfl. Pressestelle Mainz

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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