Mittwoch, 09. September 2026
Willi-Graf-Empfang setzt Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung

Generalvikar Tim Sturm (Trier), Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier), Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, Ordinariatsdirektorin Katja Göbel, Landtagspräsidentin Heike Winzent, Diözesanadministrator Markus Magin (Speyer), Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot und Umweltministerin Petra Berg (von links) nahmen am Willi-Graf-Empfang 2026 teil © Ute Kirch/Bistum Trier

Es diskutierten: Jörn Didas (Beauftragter gegen Rassismus des Saarlandes), Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier), Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, Diözesanadministrator Markus Magin (Speyer) unter der Moderation von Louisa Schlang © Ute Kirch/Bistum Trier

Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule am Rastbach Saarbrücken schilderten ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus © Ute Kirch/Bistum Trier
Empfang des Katholischen Büros Saarland geprägt von Debatte um Demokratie und Haltung
Saarbrücken. Was können Kirche, Politik und Gesellschaft Rassismus und Ausgrenzung entgegensetzen? Diese Frage hat im Mittelpunkt des Willi-Graf-Empfangs am 7. September gestanden, zu dem das Katholische Büro Saarland seit 2003 alljährlich Menschen aus Politik, Gesellschaft, Kirchen, Wirtschaft und Medien einlädt. Rund 250 Gäste waren der Einladung in die Kirche der Jugend eli.ja gefolgt. Das Katholische Büro im Saarland mit Sitz in Saarbrücken vertritt die Bistümer Speyer und Trier bei der saarländischen Landesregierung, dem Landtag, Gewerkschaften, Verbänden und anderen Institutionen.
In ihrer Begrüßung zeigte sich die Leiterin des Büros, Ordinariatsdirektorin Katja Göbel, mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt besorgt über das Abschneiden der AfD. Fast 44 Prozent der Wählerinnen und Wähler hätten einer Partei ihre Stimme gegeben, deren Politik von Ausgrenzung und der Unterscheidung zwischen einem vermeintlichen „Wir“ und „den Anderen“ geprägt sei. „Das erschreckt mich. Und ich finde, wir dürfen nicht so tun, als sei das ein Wahlergebnis wie jedes andere“, betonte sie. Menschenwürde sei „keine Frage von Mehrheiten“ und stehe nicht zur Abstimmung. Gerade jetzt brauche es Menschen, „die widersprechen, wenn andere abgewertet werden, und die für eine offene und vielfältige Gesellschaft eintreten“. Jeder Mensch besitze eine unveräußerliche Würde, nicht aufgrund seiner Leistung, Herkunft oder Religion, sondern allein deshalb, weil er Mensch sei. „Das christliche Menschenbild kennt keine Menschen erster und zweiter Klasse“, sagte sie. Für Christinnen und Christen gründe diese Überzeugung im Glauben daran, „dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist“. Als Vorbild für eine solche Haltung verwies Göbel auf den Namensgeber des Empfangs. NS-Widerstandskämpfer Willi Graf sei „kein Mensch der großen Worte, sondern ein Mensch der Haltung“ gewesen. Seine Antwort auf Unrecht sei „nicht das Wegsehen, sondern die Verantwortung des eigenen Gewissens“ gewesen. Diese Haltung bleibe bis heute aktuell, sagte Göbel.
Im Mittelpunkt des Willi-Graf-Empfangs stand ein Anti-Rassismus-Projekt der Kirche der Jugend eli.ja, das gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Gemeinschaftsschule am Rastbachtal in Saarbrücken sowie dem Adolf-Bender-Zentrum umgesetzt wurde. Die Jugendlichen schilderten anonym ihre Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung. Künstlerinnen aus dem Ahrtal übersetzten die Aussagen in Kunstwerke, aus denen ein Kurzfilm entstand, der den Gästen vorgestellt wurde.
Die Berichte machten deutlich, dass alle Schülerinnen und Schüler Menschen kennen, die von versteckten oder offenen Anfeindungen betroffen sind. Ihre eigenen Erlebnisse stuften sie als weniger schlimm ein – doch es wurde deutlich, dass sie nahezu alle Alltagsrassismus erleben: „Ich bekomme komische Blicke im Zug oder beim Einkaufen. Das ist so ein Alltagsding“, erzählt ein Schüler im Film. Eine Jugendliche berichtet: „Es ist irgendwie normal geworden, dass es Sprüche zur Herkunft oder Aussehen gibt. Das wird als Witz rübergebracht.“ Auch wenn viele angaben, mit solchen Situationen umgehen zu können, verband sie ein gemeinsamer Wunsch: mehr Respekt und Frieden und weniger Vorurteile gegenüber Menschen und Gruppen. Im Anschluss an die Filmvorführung stellten sich die Schülerinnen und Schüler den Gästen persönlich vor.
Begleitet wurde der Empfang zudem von der Ausstellung „Wir gegen Rassismus“, die seit dem 8. September im Saarländischen Landtag zu sehen ist. Die Initiative war 2017 im Vorfeld der Bundestagswahl in Rheinland-Pfalz entstanden. Junge Christinnen und Christen wollten damit ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus setzen. Auf großformatigen Leinwänden beziehen Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft Stellung gegen Rassismus, darunter die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, Sänger Michael Patrick Kelly und der frühere Fußball-Nationalspieler Cacau. Für die Präsentation im Saarland wurde die Ausstellung um zahlreiche Persönlichkeiten aus Sport, Kultur, Medien, Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft erweitert.
In einer Diskussion unter der Moderation von Louisa Schlang sprachen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, der Beauftragte gegen Rassismus der Landesregierung, Jörn Didas, Bischof Dr. Stephan Ackermann sowie Diözesanadministrator Markus Magin (Bistum Speyer) über die Frage, wie Haltung gegen Rassismus und Ausgrenzung gestärkt werden kann. Konkrete Beispiele aus seiner Arbeit brachte Jörn Didas ein. Er berichtete von einem jungen Angestellten, dessen Kollegin in seiner Anwesenheit Affengeräusche vom Handy abgespielt habe. „Er traute sich zunächst nicht, das anzusprechen, weil er dachte, er sei das Problem.“ Auch in Behörden erlebten Menschen Benachteiligungen. So habe ein junger Mann bei seiner Krankenkasse wiederholt kein Gehör gefunden. „Als ich dann anrief, war das Problem in einer Stunde gelöst.“
Hier sei die Politik in der Verantwortung, betonte Ministerpräsidentin Rehlinger. So habe die Landesregierung das Amt des Beauftragten gegen Rassismus als unabhängige Anlaufstelle etabliert. Darüber hinaus fördere sie Bildungs- und Demokratieprojekte sowie zivilgesellschaftliches Engagement. „Der Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung ist nicht nur eine staatliche, sondern unsere gemeinsame Aufgabe als Gesellschaft. Wir sind froh, dass sich auch andere, darunter die Kirchen, diesem Gedanken verpflichtet fühlen“, sagte sie. Sie nehme in persönlichen Begegnungen wahr, dass Menschen, die sich stark gegen Rassismus engagieren, an persönliche Grenzen stoßen: „Es darf niemand Angst haben, nur weil er Haltung zeigt“, sagte Rehlinger.
„Wir tragen als Kirche als großer Akteur in der Zivilgesellschaft Verantwortung“, sagte Bischof Ackermann und verwies auf die einstimmig beschlossene Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz, wonach völkischer Nationalismus und Christentum unvereinbar sind. Es sei Aufgabe der Kirche, mahnend die Stimme zu erheben und gleichzeitig positive Orte zu schaffen, in denen die Integration und das Miteinander gelebt und möglich werden.
Besorgt zeigten sich Ackermann und Magin über persönliche verbale Angriffe auf den Magdeburger Bischof Gerhard Feige durch die AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt. Magin warnte zudem vor einer Vereinnahmung des christlichen Glaubens durch die Partei: „Die AfD stellt sich gerne als die wahren Christen dar und spricht den Kirchen ab, ,richtige Christen‘ im Sinne der Bibel zu sein. Wir müssen hier klar Position beziehen und uns dagegen wehren, wenn kirchliche Positionen vereinnahmt werden.“ Mit Blick auf die Landtagswahl im Saarland am 18. April 2027 rief er zu einem ökumenischen Schulterschluss auf: „Wir müssen aufstehen für Demokratie und Menschenwürde und vor den Gefahren warnen.“
Für das Catering war die Hauswirtschaftsklasse der Willi Graf-Realschule Saarbrücken verantwortlich. Musikalisch gestaltet wurde der Abend von der Rockband gemeinsam mit dem Cello-Ensemble der Willi-Graf-Schulen.
Text: Ute Kirch, Bistum Trier
Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de







































