Bistum Speyer

Donnerstag, 05. März 2020

Weniger Konsumverzicht, mehr politischer Protest

Der Umweltwissenschaftler und Autor Dr. Michael Kopatz beim Vortrag.

Bürgerschaftliches Engagement in Zeiten des Klimawandels

Speyer. „Herausforderung Klimawandel – wie können wir uns ändern?“ Diese Überschrift trug am 4. März eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung. Im Speyerer Friedrich-Spee-Haus war dazu der Umweltwissenschaftler und Autor Dr. Michael Kopatz zu Gast. Zur Kooperationsveranstaltung hatten das Ludwigshafener Heinrich Pesch Haus, Katholische Akademie Rhein-Neckar, die Evangelische Akademie der Pfalz, die Evangelische Jugend der Pfalz, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, das Referat Globales Lernen im Bistum Speyer und die Arbeitsstelle Frieden und Umwelt der Evangelischen Kirche der Pfalz eingeladen. Kopatz sprach vor rund 60 Personen.

Michael Kopatz ging in seinem humorvoll und unterhaltsam, mit vielen Beispielen anschaulich unterlegten und ermutigenden Vortrag von der Erfahrung aus, dass die meisten Deutschen wüssten, was falsch und was richtig sei in Zeiten des Klimawandels: 90 Prozent der Bundesbürger sind für Klimaschutz, für weniger Flugreisen, ebenso viele für artgerechte Nutztierhaltung oder für den Kauf fair gehandelter Produkte. 80 Prozent immerhin wollen weniger oder keine Autos in den Innenstädten. „Aber wenn man in der Urlaubszeit an die Flughäfen geht oder schaut, wie viele Menschen wirklich faire Produkte kaufen, wie viele sich für einen SUV entscheiden und wie viele Billigfleisch aus dem Supermarkt erwerben, dann passt das nicht zusammen.“ Kopatz Antwort dazu: „In der Moral sind wir Deutschen jedenfalls sehr gut.“

Kopatz, der als Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie arbeitet, bezweifelte in seinem Vortrag nicht, dass der Verbraucher allgemeine Macht habe, Verhältnisse zu verändern. Sein Zweifel gilt der Frage, ob der Verbraucher diese Macht tatsächlich nutze. „Strukturen ändern Verhalten“, lautet sein „Credo“: „Es geht nicht darum, die Menschen zu überzeugen. Sondern wir ändern Produkte und Strukturen, so dass die Menschen gar nicht anders können, als das Richtige zu tun.“ Die Menschen zu überzeugen – das gehe in der breiten Masse nicht, widersprach Dr. Kopatz auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Beispiele für veränderte Strukturen, die zu verändertem Verhalten führten, gebe es genug. Kopatz nannte etwa die eingeschränkte Tabakwerbung und das Rauchverbot in Zügen und an öffentlichen Orten. „Vor 25 Jahren war das undenkbar.“ Eine Weg zu artgerechter Tierhaltung wäre es dann, Stück für Stück Mindeststandards anzuheben. Alle fünf Jahre etwa könnten die Flächen für Käfighaltung vergrößert werden. „So haben wir in 20 Jahren zu 100 Prozent, natürlich EU-weit, artgerechte Tierhaltung.“

Dies sei die wohl größte Herausforderung – alle müssten mitmachen, alle in der EU sich einig sein. „I will, if you will“, „wenn Du es machst, mache ich auch mit“, das gelte nicht nur im internationalen Zusammenspiel, sondern für jeden Einzelnen im gesellschaftlichen Miteinander. „Wenn manche freiwillig 120 oder 130 auf der Autobahn fahren, bringt es nichts. Es macht kein Spaß, wenn andere an einem vorbeiziehen. Machen alle mit, müssen alle sich an das Tempolimit halten, dann funktioniert es.“

Überhaupt sieht Michael Kopatz in gesetzlichen Limitierungen einen weiteren Weg: Keine neuen Straßen, keine weitere Zunahme des Flugverkehrs, keine Regelungen (und damit ein Verbot) von Flugtaxis - so lauten hier einige seiner Forderungen. Beispiel Straßen: Jede neue Ortsumgehung fördere die Beschleunigung, vermehre den Verkehr, weil sie dazu führe, dass Menschen weitere, aber eben zeitlich nicht längere Wege zurücklegten. Die Innenstädte sollten hingehen die Autos weithin aus ihren Kernzonen bannen, für Fußgänger und Radfahrer sorgen. Dies führten niederländische, skandinavische oder einige norddeutsche Städte bereits mit großem Erfolg ein, wovon der Referent auch Bilder zeigen konnte: Straßen ohne Autos, sommers mit Menschen bevölkert, die flanieren, Kaffee trinken, miteinander spielen oder in Gespräche vertieft sind.

Aufgrund dieser Vorschläge sieht sich Michael Kopatz immer wieder dem Vorwurf einer „Öko-Diktatur“ ausgesetzt. „Das ist völliger Unsinn, denn der Staat hat immer wieder eingegriffen in Freiheitsrechte, zum Wohl der Bürger und auch entsprechend sanktioniert.“ Kopatz, der sich als durch und durch liberalen Demokraten bezeichnete, erhob hier die Anschnallpflicht in PKW in den 1980er-Jahren zum Beispiel. „Liberale Politik ist es, wenn man an ein Auskommen der Kinder- und Enkelgeneration denkt.“ Er selbst setzt bei Reisen auf Fahrrad oder Bahn und Klapprad oder überlegt sich, wie er nach Auszug seiner erwachsenen Kinder den frei gewordenen Wohnraum sinnvoll nutzt, etwa durch Vermietung. „Wir brauchen in Deutschland zehntausende von Wohnungen, die neu gebaut werden müssen. Aber warum? Die Bevölkerungszahl hat doch gar nicht zugenommen? Was läuft da verkehrt?“

Auch hier gelte der Ansatz in der Politik zu suchen, die allein die Macht hat, zu systemischen Veränderungen beizutragen. Doch ganz aus ihrer Verantwortung entlassen will der Umweltwissenschaftler die Bürger nicht. Allein das Wählengehen reiche da nicht. Im Gegenteil: „Ihr müsst Teil einer kritischen Masse sein, müsst mit Demos, mit dem Druck von der Straße den Rücken der reformwilligen Politiker stärken.“ Es gehe weniger um Konsumverzicht des Einzelnen als um politischen Protest breiter Schichten, ist Michael Kopatz überzeugt. Und ruft so auf, sich entsprechenden Bewegungen anzuschließen.

Auch darüber wurde anschließend auf dem Podium diskutiert. Von Dr. Christoph Picker (Direktor der evangelischen Akademie) moderiert, tauschten sich mit Umweltwissenschaftler Kopatz die Speyerer Bürgermeisterin Monika Kabs (Dezernentin für die Umsetzung der Milleniumsziele), Anton Geburek (Evangelische Jugend der Pfalz und Fridays for Future) und Lena Schmidt (Bund der Katholischen Jugend). Der Abiturient Geburek berichtete von der Ungeduld und dem Frust, weil sich politisch nur langsam etwas bewege. „Wir wissen doch, dass wir etwas tun müssen. Aber es geht zu langsam, meine Generation wird es in aller Härte treffen.“ Die Kommunalpolitikerin Kabs versuchte hier, Gründe zu finden: „Es gibt europaweite zu viele Player mit zu vielen Interessen im Feld. Da fehlt mir der gemeinsame Blick in die gleiche Richtung und der richtige Pragmatismus.“ Andererseits lud sie auch dazu ein, sich politisch zu engagieren und aktiv zu werden. „Die Verantwortung trägt nicht nur ,die Politik‘, ,die Stadt‘ oder ,die Regierung‘. Wir alle sind dran, wir alle sind gefragt.“ Lena Schmidt stellte die Bedeutung des Dialoges heraus: „Wir müssen über diese Themen im Gespräch bleiben, uns über Ideen austauschen.“ Die Vorsitzende der katholischen Jugend wollte aber auch die Macht der Verbraucher nicht in Abrede gestellt wissen: „Wir sollten unsere Macht bewusst ausüben, denn es ist wichtig für uns, selbst aktiv zu werden.“ Einige Jugendverbände etwa hätten ihre Mitglieder zum Boykott bestimmter Konzerne aufgerufen und versuchten so, Zeichen zu setzen.

In Publikumsbeiträgen wurde zum einen der Lobbyismus verurteilt und von Politikern mehr Mut bei Entscheidungen, auch unpopulären, gefordert. Auch die Rolle des kapitalistischen Wirtschaftssystems wurde herausgestellt. „Doch alle anderen Wirtschaftssysteme haben auch nicht funktioniert.“ „Wir haben hier Wichtiges zu diskutieren“, hatte in seinen Einführungsworten Jesuitenpater Tobias Zimmermann, der Direktor des Heinrich Pesch Hauses, gesagt. Und: Es sei weithin unverständlich, dass sich viele Menschen so verhielten, als gebe es keinen Klimawandel. „Wenn wir es nicht anders wissen, so ist es vernünftig, sich so zu verhalten, als haben wir unmittelbaren Einfluss.“ Ulrike Gentner, Direktorin für Bildung von der Katholischen Akademie Rhein-Neckar, machte in ihren Schlussworten deutlich, dass „jetzt die Zeit zum Handeln ist“. So lud sie dazu ein – mit einem Zitat aus der päpstlichen Umwelt-Enzyklika – den Dialog um die Zukunft des Planeten Erde zu verstärken. Hingewiesen wurde auch auf den nächsten weltweiten Klimastreik am 24. April.

Text/Foto: hm/der pilger

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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