Bistum Speyer

Dienstag, 31. August 2021

Versöhnung feiern

Jom Kippur beziehungsweise Buße und Abendmahl

Seit 1700 Jahren gibt es – urkundlich bestätigt – jüdisches Leben in Deutschland. Das haben die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz zum Anlass für eine Jahreskampagne genommen, die jüdisches und christliches Leben und Anlässe miteinander verknüpft. Der Name ist Programm: „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ heißt es in Botschaften auf Plakaten und zum Hashtag #beziehungsweise in den sozialen Medien. Das Bistum Speyer und die Evangelische Kirche der Pfalz mit ihren Gemeinden beteiligen sich zusammen mit der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz mit monatlichen Beiträgen an der Jahresaktion, um die Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum aufzuzeigen. Die Plakataktion stellt in 14 verschiedenen Motiven im Jahresverlauf den Bezug zum Kirchenjahr her. Der heutige Impuls kommt von Gertrud Fickinger, Leiterin der KEB Saarpfalz.

In Martin Bubers „Die Erzählungen der Chassidim“ findet sich die folgende Geschichte: „Rabbi Bunam sprach zu seinen Chassidim: Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.“ (Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, Neudruck 1990, S.755)

Das trifft unsere urmenschliche Erfahrung. Wir sind Wesen, bei denen Gut und Böse oft nahe beieinander liegen. Die immer wieder andere verletzen, schuldig werden, Gräben aufreißen, die auf Abstand gehen zu den Mitmenschen und zu Gott – manchmal auf größtmöglichen.

Hauptursachen dafür – und da sind sich die großen Lebenslehrer ziemlich einig - sind: Hochmut, Hass, Neid, Geiz, Unmäßigkeit, Ausschweifung, Rachsucht – und Überdruss am Leben, welcher den Menschen lähmt und sogar in die Verzweiflung führen kann. Die alte, in der christlichen Tradition verwendete Bezeichnung „Todsünden“ trifft den Nagel auf den Kopf: Diese Grundhaltungen führen, wenn sie sich eingeschlichen haben und verfestigen, zum Tod jeder Beziehung.

Aber wir Menschen sind nun mal Beziehungswesen. Von Anfang an und auf Dauer.

Wir stehen in Beziehung zu Gott, der uns – darin sind sich jüdische und christliche Aussagen einig – geschaffen hat und uns durch seinen eigenen Lebensatem überhaupt erst zu lebendigen Wesen werden lässt. Und in Beziehung zu unseren Mitmenschen, denn wir Menschen können nur existieren zusammen mit anderen: Eltern, Geschwistern, Freunden, Partnern…

Im alttestamentlichen Buch Genesis (Kap. 2–4), in dem dieser Zusammenhang dargestellt ist, wird aber auch erzählt, dass und warum in unseren Beziehungen immer wieder „der Wurm drin ist“: des Misstrauens, der Eifersucht, des Neides usw. (s.o.) wegen, was immer wieder im Wortsinn tödlich endet. Die feindlichen Brüder Kain und Abel sind sozusagen die Prototypen dafür.

Das Thema durchzieht nicht nur die Geschichte Israels, sondern die Menschheitsgeschichte wie ein roter Faden: Einzelne Menschen, ganze Gruppen, ja ein gesamtes Volk geht immer wieder auf Distanz – zu Gott und untereinander. Mit manchmal tödlichen, aber immer unheilvollen Konsequenzen.

So die traurige Bestandsaufnahme. Doch dabei bleibt es nicht. Soll es nicht bleiben. Darf es nicht bleiben. Sagt Gott selbst! Weil er seine eigene Schöpfung nicht einfach „den Bach runtergehen lassen“ will. Weil ihm an den Menschen liegt. „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir die Treue bewahrt.“ (Jer 31,3a)

Deshalb geht er immer wieder auf die Menschen zu, um sie zu bewegen, zurückzukehren. Immer und immer wieder ruft, mahnt, lockt, wirbt Gott um seine Menschen. In der jüdischen Überlieferung durch die Propheten. In der christlichen Überlieferung durch Jesus Christus.

Sie alle können nur werben – denn es gibt keinen Zwang. Nirgends. Kann es auch nicht geben. Wenn sie gelegentlich drohen, unterstreicht das nur die Dringlichkeit der Werbung. Aber die Umkehr muss immer freiwillig geschehen.

Die Umkehr beginnt mit der „Einkehr in sich selbst“, mit der Einsicht und dem Bekenntnis: Ja, ich habe dieses und jenes getan oder unterlassen – ganz konkret. Und mich so - in einem tieferen Sinn - entfernt vom anderen, Schuld auf mich geladen, gesündigt gegenüber Mensch und Gott.

Damit einher geht (muss einhergehen) die Reue/das tiefe Bedauern über das Getane/nicht Getane. Mit dem Bekenntnis der Schuld, mit der Bitte um Vergebung und mit dem Wunsch, es wieder gut zu machen in Zukunft – damit ist Versöhnung, ist Leben (wieder) möglich.

Dass Fasten und Gebet diese innere Einkehr und Umkehr ermöglichen und erleichtern – diese Erfahrung teilen alle Religionen.

In der jüdischen Tradition dienen die 10 Tage nach dem Festtag Rosch Haschana (Neujahrstag, an dem die Schöpfung gefeiert wird) als eine solche Zeit der Besinnung und Umkehr. Sie finden ihren Höhepunkt und ihre „Lösung“ an Jom Kippur, dem Tag des Gerichtes und der Versöhnung, dem höchsten Feiertag im jüdischen Leben. Im alten Israel wurde an diesem Tag sinnenfällig, was gefeiert wird: Einem Ziegenbock wurden symbolisch die Verfehlungen des Volkes aufgeladen und dieser damit in die Wüste geschickt. (Lev 16). Auch wenn heute diese sinnenfällige Darstellung im „Sündenbock“ nicht mehr praktiziert wird, ist der Tag geprägt vom Ernst des Themas und in Gemeinschaft begangen: Fasten, Gottesdienste in der Synagoge, Zeit für persönliches Gebet; viele Menschen tragen weiße Kleider.

Nach christlicher Überzeugung nahm Jesus die Rolle des Sündenbocks auf sich: Er stirbt, damit wir leben. In seiner Person ereignet sich die Versöhnung von uns Menschen mit Gott. Und wir dürfen daran teilnehmen im Geschenk der Eucharistie/des Abendmahls als einem gemeinschaftlichen Fest- und Freudenmahl.

Auch diesem Festmahl geht die persönliche und gemeinschaftliche Umkehr voraus. Bei schweren persönlichen Verfehlungen in Form einer Beichte und der persönlichen Zusage der Vergebung durch und der Versöhnung mit Gott. Gemeinschaftlich in jedem Gottesdienst im Schuldbekenntnis zu Beginn der Feier: Das offene Eingeständnis, dass wir Menschen alle immer wieder schuldig werden, uns immer wieder verfehlen und um Vergebung bitten müssen und dürfen. Und die Zusage der Vergebung erhalten. Dann können wir tatsächlich „unbeschwert“ die Versöhnung und das Leben – mit dem Grundnahrungsmittel Brot und dem Wein als Zeichen der Freude – feiern.

Der israelische Lyriker und Aphoristiker Elazar Benyoëtz bringt es auf den Punkt: „In der Sprache des Glaubens heißt Zukunft – Umkehr.“

Weitere Informationen zur Veranstaltungsreihe von Bistum und Landeskirche anlässlich des Festjahres:

https://www.keb-speyer.de/veranstaltungen/1700-jahre-juedisches-leben/

Weitere Informationen zu den bisher erschienenen Impulsen:

https://www.bistum-speyer.de/aktuelles/beziehungsweise/

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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