Bistum Speyer

Dienstag, 21. September 2021

"Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Caritas sind enorm“

Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer, Vorsitzender des Caritasverbandes für die Diözese Speyer

Caritasverbandsvorsitzender Karl-Ludwig Hundemer berichtet auf Vertreterversammlung von aktuellen Herausforderungen - Vorstand und Caritasrat einstimmig entlastet

Speyer. Rund 40 Vertreter*innen der Mitglieder des Caritasverbandes für die Diözese Speyer waren am Freitag, 17. September, der Einladung zur Vertreterversammlung gefolgt. Coronabedingt fand die Versammlung im Edith-Stein-Haus in Kaiserslautern statt, da der Raum dort groß genug ist, um die geforderten Abstände zu wahren. Vorstand und Caritasrat wurden einstimmig entlastet. Außerdem stimmte die Versammlung dem Jahresabschluss 2020 zu.

Der Caritasvorsitzende Karl-Ludwig Hundemer zeigte in seinem Bericht die gravierenden Folgen der Corona-Pandemie für den Caritasverband, aber auch für die gesamte Gesellschaft, auf: „Die Pandemie ist und war - besonders in der Zeit des Lockdowns - Gift für jede persönliche -, aber auch soziale Entwicklung. Und umgekehrt ist sie leider auch ein Brandbeschleuniger für die zunehmende Individualisierung in allen unseren Lebensbereichen, was sich besonders in den so genannten sozialen Medien zeigt“, sagte er. Für den Caritasverband, der 2020 eigentlich mit zahlreichen Festen und Veranstaltungen sein 100-jähriges Bestehen feiern wollte, sei es besonders bedauerlich gewesen, dass alles abgesagt werden musste.

Die Bewohner in den Einrichtungen und die Ratsuchenden in den Caritas-Zentren, habe man aber zu keinem Zeitpunkt im Stich gelassen: „Mit viel Fantasie und Kreativität haben die Verantwortlichen der Altenzentren Möglichkeiten zur Begegnung mit ihren Angehörigen, mit Künstlern, Gruppen und Pfarreien geschaffen“, berichtete Hundemer. Die Berater der Caritas-Zentren seien jederzeit für ihre Kunden präsent gewesen, ob online oder telefonisch, übers Besucherfenster oder hinter der Glasscheibe. In der Verwaltung und der Caritas-Zentrale in Speyer habe man persönliche Begegnungen und Besprechungen durch Online-Formate ersetzt.

„Die finanziellen Auswirkungen der Pandemie sind für uns enorm“, richtete Caritasdirektor Vinzenz du Bellier den Blick auf die wirtschaftlichen Folgen. „Ohne Kurzarbeitergeld und ohne die Rettungsschirme der Politik hätten wir das nicht bewältigen können. „Wir hatten Mindereinnahmen, zum Beispiel durch die Schließung der Tagespflegen in der Altenhilfe. Wir hatten Mehraufwendungen durch höhere Personal- und Sachkosten, zum Beispiel durch das Einhalten der Hygienemaßnahmen. Und wir hatten immense Mehrkosten allein durch den Aufwand der Testungen“, erläuterte der Caritasdirektor.

Zu den sozialpolitischen Herausforderungen jenseits von Corona fand der Caritasvorsitzende kritische Worte: „Wir haben in Rheinland-Pfalz eine neue Regierung, aber die alten Probleme. Wir haben für den Sozialbereich drei neue Minister, aber die immer noch ungelösten Baustellen. Und wir haben neue Sozialgesetze, aber die erforderlichen Rahmenverträge dazu wollen einfach nicht gelingen.“ Das bedeute für die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, sowohl für Erwachsene als auch für die unter 18-Jährigen derzeit im Grunde genommen Stillstand. „Auch der Rahmenvertrag zum ohnehin umstrittenen Kindertagesstätten-Gesetz ist ziemlich in die Sackgasse geraten und droht zu scheitern, was fatale Folgen auch und gerade für unsere katholischen Kitas hätte.“

Die katholische Kirche selbst stehe durch die Auseinandersetzung um sexuelle Gewalt und Missbrauch massiv in der öffentlichen Kritik. „Als Caritas sind wir in der öffentlichen Meinung im Grunde der letzte kirchliche Sympathieträger, und für unseren Sozialstaat der größte und zusammen mit der Diakonie verlässlichste Sozialpartner“, sagte der Caritasvorsitzende Hundemer. Aber man dürfe sich nicht wegducken vor der Verantwortung für allen leiblichen, seelischen und geistlichen Missbrauch in der Kirche, auch in den kirchlich-caritativen Einrichtungen im Bistum. „Um diesen Verbrechen entgegenzuwirken haben inzwischen alle kirchlich-caritativen Rechtsträger die Leitlinien des Deutschen Caritasverbandes zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt als Grundlage für die Schutzkonzepte ihrer Einrichtungen übernommen“, berichtete er.

Eine der größten Herausforderungen der Zukunft für die Caritas als Teil der Kirche sei die demographische Entwicklung mit ihrer Auswirkung auf die Kirchensteuereinnahmen. „Einerseits treten wegen der Missbrauchsdebatte immer mehr Menschen aus der Kirche aus, andererseits werden immer weniger Kinder getauft und die Generation der Babyboomer tritt ins Rentenalter ein. All das führt zu immer weniger Kirchensteuer“, zeigte der Caritasdirektor du Bellier auf. „Außerdem hat sich auch hier die Corona-Pandemie wegen des Kurzarbeitergelds negativ auf die Einnahmen ausgewirkt. Bis 2026 sagen wir voraus, dass die Zuschüsse aus dem Bistumshaushalt und unser Finanzierungsbedarf sich nicht mehr decken werden, wenn wir nicht entsprechend Angebote zurückfahren oder andere Finanzierungsmodelle finden, so Du Bellier.

Es gelte aber angesichts dieser Prognosen, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. „Es braucht Virtuosen des Wandels statt Verwalter des Niedergangs“, zitierte Hundemer Professor Dr. Bertold Vogel, den Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts an der Georg-August-Universität Göttingen. „Wir sind herausgefordert, neue Angebote zu entwickeln und durch Digitalisierung auch Kosten einzusparen. Deshalb beschäftigen wir uns mit Themen, wie der Caritas-Cloud für die digitalisierte Datenverwaltung und der Vermarktung unserer Angebote über Online-Plattformen.“ Man entwickle gemeinsam mit Kommunen und Investoren Quartiersprojekte in Ludwigshafen, Speyer, Schifferstadt und Pirmasens und erschließe sich neue Tätigkeitsfelder, zum Beispiel im Bereich der Forensik, von Intensivgruppen im Bereich Jugendhilfe und bei niederschwelligen Angeboten im Bereich Ambulante Versorgung. Eine weitere Neuerung des Caritasverbandes stellte der Caritasdirektor vor: „Zum ersten Mal haben wir einen Bericht zum Thema CSR vorliegen“, sagte er. CSR bedeute Corporate Social Responsibility und beschreibe die Verantwortung eines Unternehmens für nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft. „Zum ersten Mal haben wir erfasst, wo wir als Unternehmen stehen, wie groß unser ökologischer Fußabdruck ist und was die Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung in der Zukunft sein werden.“ Das Ziel sei Klima-Neutralität im Verband bis 2035.

Auch der Vorsitzende des Caritasrates, Theo Wieder, ging in seinem Bericht auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Missbrauchsdebatten auf die Kirche und ihre Caritas ein. „Wer hat in solchen Zeiten der Krisen und der Bedrängnis Lebensressourcen anzubieten?“, fragte er. Die Kirche habe sich aus diesem Auftrag durch die Coronabeschränkungen entfernt. „Wir werden uns als Kirche kritisch fragen lassen müssen, ob wir manche Anordnungen allzu widerspruchslos akzeptiert haben oder selbst allzu schnell strenge Regeln aufgestellt haben.“ Die Kirche verstehe sich zwar als Segensort, aber die Austritte zeigten, dass die Kirche nicht die richtigen Antworten finde und an Glaubwürdigkeit verloren habe, so die kritische Bestandsaufnahme des Caritasrats-Vorsitzenden.

Der Bericht des Wirtschaftsprüfers der Solidaris, Dirk Riesenbeck-Müller, fiel positiv aus. „Alle gesetzlich geforderten Rückstellungen wurden gebildet. Das Jahresergebnis zeigt eine leichte Ergebnisverschlechterung wegen des Rückgangs des Kirchensteuerzuschusses.“ Der Caritasrat empfahl der Vertreterversammlung die Feststellung des Jahresabschlusses. Die Versammlung stimmte dem einstimmig zu. Auch der Vorstand und der Caritasrat wurden einstimmig entlastet.

Text/Foto: Caritasverband für die Diözese Speyer

 

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