Bistum Speyer

Donnerstag, 10. März 2022

„Viele haben Putins Drohungen nicht geglaubt“

Liturgiefeier nach byzantinischem Ritus in der St.-Antonius-Kirche in Saarbrücken

Wie ukrainische Katholiken des byzantinischen Ritus im Saarland den Krieg erleben

Saarbrücken. Nach tagelanger Flucht aus Kiew ist Lada am Freitag bei ihrer Schwester Oxana im saarländischen Eppelborn angekommen. Zusammen mit Oxanas Mann, einer Freundin und den Kindern sind sie zu sechst in einem kleinen Auto vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen –auf dem Handy zeigen sie Fotos von brennenden Häusern, zerbombten Brücken und verletzten Menschen. „Die Kinder sind traumatisiert. Sie weinen und wollen zu ihrem Vater“, übersetzt Oxana. Doch der ist in Kiew geblieben, um sein Land zu verteidigen. Die Frauen sind zwei von rund 100 Gläubigen, darunter viele junge Familien, die am Sonntag, 6. März, den ukrainischen Gottesdienst in Saarbrücken besuchen, Trost im Glauben und Halt in der Gemeinschaft suchen. Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat lädt Pfarrer Igor Michael Sapun von der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Seelsorgestelle Heiliger Johannes Chrysostomos zur Liturgiefeier in die katholische Kirche St. Antonius auf dem Rastpfuhl. Aus einem Umkreis von 100 Kilometern kommen die Gläubigen. Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche feiert die Heilige Liturgie nach byzantinischem Ritus, erkennt aber den Papst in Rom als geistiges Oberhaupt an.

Ukrainische Flaggen schmücken den Seitenaltar der Muttergottes und eine Kirchenbank. Viele Gläubige tragen Kleidung in den ukrainischen Nationalfarben blau-gelb, Mädchen haben sich blau-gelbe Bänder und Blumen in die Haare geflochten. „Wir beten für Putin und diejenigen, die verantwortlich für den Krieg sind, damit sie im Herzen umkehren, sich abwenden von ihren Plänen und Buße tun“, ruft Pfarrer Sapun in seiner Predigt der Gemeinde zu. „Wir beten für alle unschuldigen Opfer auf ukrainischer und russischer Seite, denn wir sind alle Menschen. Wir beten, dass der Krieg so schnell wie möglich beendet wird und kein Atomkraftwerk in Beschuss genommen wird.“ Die Sorge um die Ukraine treibt den Geistlichen um. „Seit 2014 nach dem Maidan und mit der Annexion der Krim war der verdeckte Krieg immer da, er wurde aber nie richtig publik.“ Mit dem Ausmaß der Eskalation habe er nicht gerechnet, sagt Sapun: „Ich dachte, dass Putin die beiden Volksrepubliken Luhansk und Donezk annektieren will und sich einen Landweg zur Krim schaffen will, aber nicht, dass er nun das gesamte Land angreift.“

In den Gottesdienst ist auch Julia V. mit ihren beiden kleinen Kindern gekommen. „Mein Mann ist mit Freunden und fünf großen Transportern mit Hilfsgütern an die polnische Grenze gefahren. Auf dem Weg zurück wollen sie Flüchtlinge mitnehmen“, erzählt sie. Sie versuchten zu helfen, wo sie können, mit Geld und Sachspenden. Wer könne, nehme Freunde oder Angehörige bei sich auf. Sie selbst ist in der West-Ukraine geboren, ihre Eltern leben dort und wollen ihr Land verteidigen. „Mein Vater ist 62 Jahre alt und hat sich jetzt freiwillig als Soldat gemeldet“, sagt sie unter Tränen, „jede Stunde halten wir Kontakt. Wir alle schlafen kaum noch, verfolgen den ganzen Tag die Nachrichten.“ Die Bilder, die sie im Fernsehen sieht oder von Verwandten und Freunden aus der Ukraine erhält, gehen ihr nicht aus dem Kopf. „Wir alle hoffen, dass die NATO uns unterstützt. Putin ist eine Gefahr für ganz Europa, nicht nur für die Ukraine“, sagt sie. Ihr Sohn sei noch zu klein, um zu verstehen, was passiert. „Aber meine Tochter bekommt alles mit. Sie macht sich große Sorgen um ihre Großeltern und ihre ukrainischen Freunde.“

Nach dem Gottesdienst bleibt ein Teil zum gemeinsamen Essen im Pfarrheim, andere brechen auf, um an einer Demonstration in der Saarbrücker Innenstadt für den Frieden teilzunehmen. „Ich kämpfe jeden Tag mit meinem schlechten Gewissen, dass ich hier in Deutschland in einem warmen Bett schlafen kann, während meine Zwillingsschwester in der Ukraine in Krieg und Angst lebt“, sagt Jeanne S. aus Spiesen-Elversberg. Die Schwester möchte nicht aus Lemberg fliehen, weil sie ihren Sohn nicht alleine lassen will. Bisher helfe der 30-Jährige bei der Versorgung der Menschen. Sie hoffen, dass er nicht kämpfen muss, denn in der Armee war er nie. Die Verwandtschaft in Charkiw habe kein Essen mehr und nichts mehr zu trinken. „Unser Land hat keinem etwas Schlimmes getan. Unsere Leute haben das Land aufgebaut und hatten mit niemandem Krieg“, sagt sie und weint. Sie selbst habe Geld und Lebensmittel gespendet, die ihr Sohn nun an die Grenze bringe.

Die Schwester von Olga K., die anonym bleiben möchte, hat sich für die Flucht entschieden und ist vor wenigen Tagen im Saarland angekommen. „Unser Bruder und Verwandte sind nach wie vor in Lemberg. Der Sohn meiner Schwester ist bei der Bürgerwehr. Sie hat sich dennoch entschlossen zu fliehen, weil ihre Tochter Panikattacken bei lauten Geräuschen entwickelt hat.“ Abgesehen von Geld- und Sachspenden nichts weiter tun zu können, sei schlimm, sagt Olga: „Die innere Verzweiflung und Hilflosigkeit belastet die hier lebenden Ukrainer sehr.“ Sie sei beeindruckt, wie viele solidarisch an der Seite der Ukraine stehen. „Das habe ich nicht erwartet. Viele waren Putin-Versteher, aber ein Teil hat sich jetzt davon verabschiedet.“ Sie selbst habe mit einer Eskalation gerechnet: „Putin hat gedroht, dass er in der Ukraine aufräumen will – viele haben es nicht geglaubt.“

Alle Anwesenden kennen Personen, die der Propaganda und Falschinformationen des russischen Präsidenten Glauben schenken, wonach dieser vorgibt, die Ukraine von Nazis befreien zu wollen. „Freunde schreiben mir, dass Putin alles richtig macht und beleidigen den ukrainischen Präsidenten“, sagt Julia. Der Riss gehe bereits seit 2014 durch viele Freundschaften und auch Familien, sagt Dolmetscherin Olga: „Meine beste Freundin ist Ost-Ukrainerin und hat den Kontakt zu mir abgebrochen, dabei bin ich die Patentante ihrer Tochter. Bei alten Menschen, die nur russisches Fernsehen schauten, spreche ich gegen eine Wand.“ Auch Jeanne S. hört von russischstämmigen Arbeitskollegen, die Putins Handeln richtig finden. Alle betonen jedoch, dass sie viele Russen kennen, die gegen den Krieg und Putin sind und nun ebenfalls von Deutschland aus die Ukraine unterstützen. „Wir haben einen Medikamententransport organisiert, da haben viele junge Russlanddeutsche mitangepackt“, sagt Olga. Auch Jeanne und Julia erzählen, dass viele Russen ihnen Hilfe anbieten. „Es ist sehr mutig, dass in Russland viele gegen den Krieg demonstrieren, obwohl ihnen 15 Jahre Haft drohen“, findet Jeanne.

„Wir wollen den Flüchtenden geistige Heimat und Zuflucht bieten“, sagt Pfarrer Sapun und bittet Gott um Frieden für die Ukraine und alle Länder der Welt, in denen Krieg herrscht. Am Ende der zweistündigen Liturgiefeier erheben sich alle und stimmen die ukrainische Nationalhymne an – viele weinen.

Info: Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche gehört zu den Kirchen des byzantinischen Ritus, die in voller Kommuniongemeinschaft mit der Römisch-Katholischen Kirche stehen und den Papst von Rom anerkennen. Die Seelsorgestelle Heiliger Johannes Chrysostomos ist zuständig für den Seelsorgebezirk Nordbaden des Erzbistums Freiburg sowie für die Bistümer Speyer und Trier im Auftrag der Apostolischen Exarchie für katholische Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien.

Liturgiefeiern:

Saarbrücken: jeden ersten und dritten Sonntag im Monat, 11 Uhr, St.-Antonius-Kirche, Rastpfuhl 12A, 66113 Saarbrücken

Kaiserslautern und Mannheim: jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat. 9.30 Uhr, St.-Theresia-Kirche, Konrad-Adenauer-Str. 31, 67633 Kaiserslautern, 14 Uhr, St.-Peter-Kirche, Augartenstr. 92, 68165 Mannheim.

Koblenz: jeden fünften Sonntag im Monat, 14 Uhr, Basilika St. Kastor, Kastorhof 4, 56068 Koblenz

https://ukrainische-kirche.info/

Text: uk/Foto: Ute Kirch/Bistum Trier

 

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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