Bistum Speyer

Freitag, 10. Juni 2022

An entscheidenden Stellen Gottesbegegnung erfahren

Generalvikar Markus Magin

Katrin Maino und Markus Herr interviewten den neuen Generalvikar.

Der neue Generalvikar des Bistums Speyer Markus Magin im Gespräch über wichtige Fragen und Stationen seiner persönlichen Lebens- und Glaubensgeschichte

Speyer. Seit dem 13. Mai ist Markus Magin neuer Generalvikar und damit die rechte Hand des Bischofs von Speyer. Welche Erfahrungen haben ihn geprägt? Welche Perspektiven, welche persönlichen Stärken und Schwächen bringt er in die neue Aufgabe mit? Darüber haben Katrin Maino und Markus Herr im Interview mit Markus Magin gesprochen.

Herr Magin, in Biographien, auch in Glaubensbiographien, gibt es immer wieder Schlüsselmomente. Was waren Schlüsselmomente auf Ihrem Lebens- und Glaubensweg?
Mir war der Glauben von klein auf selbstverständlich. Ich bin über das Elternhaus in die Gemeindearbeit hineingewachsen und hatte einen sehr engagierten Heimatpfarrer, der für den Glauben und seine Gemeinde gebrannt hat. Ein Schlüsselmoment meiner Berufungsgeschichte war die Hochzeit eines befreundeten Paares. Da habe ich mich gefragt: Ist das mein Weg? Ich hätte mir schon sehr gut vorstellen können, eine Familie zu gründen. Aber in diesem Moment habe ich mich dafür entschieden, einen zölibatären Weg zu gehen.

Das ist tatsächlich ungewöhnlich. Wie ging es da weiter?
In der Studienzeit habe ich von einem übernommenen Glauben immer mehr zu einem eigenen Glauben gefunden. Der Weg in die eigene Christus-Beziehung war ein Verinnerlichen und Weiterreifen meines ursprünglichen Glaubens, der dadurch eine neue Tiefe gewonnen hat. Ich erinnere mich noch intensiv an die Woche vor der Priesterweihe. Bei Exerzitien waren mir noch einmal Zweifel gekommen, ob ich wirklich Priester werden möchte. Doch der Zweifel hat sich gelegt und die Primiz in Mutterstadt war ein schöner Festtag.
An entscheidenden Stellen meines Lebens durfte ich immer wieder Erfahrungen einer persönlichen Gottesbegegnung machen. Zum Beispiel in der Grabeskirche im Heiligen Land. Da hat mich früh morgens ein Besucher angesprochen, ob er bei mir beichten kann. Solche Lebenserfahrungen kann man auch als Gotteserfahrungen deuten. Die Begegnung in der Grabeskirche hat mir klar gemacht: Gott will mich als Priester auf diesem Weg.

Zum Leben und zum Glauben gehören für viele auch Wendepunkte und Krisen – auch für Sie?
Die Phasen der Gottesbeziehung sind unterschiedlich intensiv, ähnlich wie in menschlichen Beziehungen. Den ganz existentiellen Zweifel an Gott habe ich bisher nicht erlebt, Fragen an ihn angesichts von Geschehnissen in meinem eigenen Leben, in der Welt oder in der Kirche aber schon.
Der Missbrauch in der Kirche hat meine Kirchenbeziehung grundlegend erschüttert. Ich frage mich: Wie kann man Kinder so verletzen? Ich kann das nicht verstehen, in der Gesellschaft allgemein, aber erst recht nicht in der Kirche. Da haben sich Abgründe aufgetan, die einfach weh tun. Sie verdunkeln für andere Menschen, wer dieser Gott ist. Es gibt so viel Schönes in der Kirche, das dadurch überdeckt wird. Das tut mir auch für die vielen Menschen leid, die sich haupt- und ehrenamtlich mit viel Herzblut engagieren.

Wenn Freunde über Markus Magin sprechen – wie würden sie ihn beschreiben?
Da denke ich jetzt an viele Glückwünsche aus dem persönlichen Umfeld: Viele lauteten: „Verlier‘ nicht Deinen Humor“. Ja, in vertrautem Kreise frotzele ich gerne mal. Ein ironischer Grundzug ist sicher mit drin. Nicht alles, was ich mit überaus ernster Miene sage, ist also ganz ernst gemeint.

Wie würden Sie selbst Ihren Charakter beschreiben?
Ich glaube: lebendig, fordernd, aber auch mit einem guten Stück Gelassenheit. Aber ich finde es schwer, das von sich selber zu sagen.

Was macht Ihnen Freude?
Wenn ich etwas sehe, das wächst und entsteht. Da gestalte ich gerne mit. Ich habe Freude am Predigen, das mache ich sehr gerne, nach guter Vorbereitung. Das ist auch Gestaltung. Große Freude hat mir gemacht, das Priesterseminar zu gestalten, als Gebäude in der Gesamtrenovierung und die Farben, die Ausstattung, Bilder. Genauso das musikalische Gestalten, das ist eine große Kraftquelle. Das Hören von Musik wie das eigene Musizieren. Ich war früher ein unsportlicher Mensch und bin heute noch kein Sportler – aber Bewegung, im Winter laufen, im Sommer Radfahren, macht mir Freude.

Wenn Sie ein Stein in einem Fluss wären, auf welchem Abschnitt wäre Ihr Wohlfühlplatz?
Musikalisch kommt mir da die „Moldau“ von Smetana in den Sinn. Es einzuengen auf einen Punkt, fällt mir schwer in meiner jetzigen Situation. Momentan gibt’s viele Stromschnellen und das Quirlig-Lebendige, also eher im Bereich der Quelle. Von meinem Glauben her sehe ich mich eher im ruhigen Fließen zu Hause.

Was sind Vorbilder in Ihrem Leben?
Eines meiner größten Vorbilder ist Nardini. Je mehr ich mich mit ihm beschäftigte, desto mehr hat er mich fasziniert – als Priester, aber auch als Mensch. Dann möchte ich Weihbischof Ernst Gutting erwähnen. Er war über viele Jahre hinweg mein Geistlicher Begleiter. Ich habe nie einen derart ideologiefreien Menschen wie ihn erlebt. Ihm war rechts oder links, oben oder unten völlig egal. Die Frage lautete bei ihm einfach: Was ist richtig?

Was sind Ihre drei größten Stärken und die drei größten Schwächen?
Eine Stärke und Schwäche zugleich ist ein Stück Hartnäckigkeit. Eine Schwäche ist dazu ein Stück Ungeduld. Aber das kann auch zur Stärke werden, wenn ich etwas nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben, sondern Dinge gestalten möchte. Ich glaube, auch ein Stück Hörfähigkeit und Hörbereitschaft zu besitzen sowie eine Portion Neugierde.

In welcher Form der Spiritualität fühlen Sie sich zu Hause?
Die Feier der Eucharistie ist für mich wesentlicher Dreh- und Angelpunkt. Ich bin darüber hinaus stark ignatianisch geprägt, meine Form sind vor allem ignatianische Einzelexerzitien, in denen ich mit Gott und mit mir alleine bin, aber auch ignatianische Betrachungsformen. Durch Ernst Gutting hat mich Therese von Lisieux geprägt. Fasziniert bin ich auch von Franz von Assisi.

Zusätzlich zum Amt des Generalvikars sind Sie zurzeit auch noch als Regens des Priester- und Pastoralseminars tätig. Wie stellen Sie sich in Ihrer Nachfolge die künftige Ausbildungsleitung vor?
Wie es mit der Ausbildung weitergeht, kann und will ich nicht alleine klären. Es geht ja nicht nur um einen Regentenwechsel. Das ist letztlich sowieso eine Entscheidung des Bischofs, der jemanden finden muss, mit dem er wieder vertrauensvoll zusammenarbeiten kann. Zu bedenken ist aber auch, dass im kommenden Jahr zwei Ausbildungsleiter in den Ruhestand gehen. Wir werden die Frage in Kürze im Kreis derer beraten, die aktuell für die Ausbildung in Verantwortung sind, natürlich unter Berücksichtigung der Beschlüsse der Diözesanversammlung, des erheblichen Rückgangs des pastoralen Personals im Bistum in den nächsten Jahren und der Bedarfe aus der Metropolie (d.h. der Kirchenprovinz Bamberg, der das Bistum Speyer angehört, und mit der es kooperiert, Anmerk. d.Red.).

Werden an der Neuausrichtung auch der Katholikenrat und die Diözesanversammlung beteiligt sein?
Da gibt es noch keinen komplett durchgeplanten Prozessablauf. Zugleich muss man sehen, dass es hier um ein komplexes Thema und um Personalfragen geht, die man nur bedingt in großen Gremien beraten kann.

Beim Katholikentag war Dekolonialisierung ein Thema. In unserem Bistum gibt es zahlreiche Priester der Weltkirche. Und es gibt einen Arbeitskreis gegen Rassismus – wie sehen Sie es, wie sollte diese Arbeit weitergeführt werden?
Zum Sachstand im Bistum und zu den Beratungen kann ich derzeit noch nichts sagen, dazu weiß ich zu wenig. Aber zur Sache selbst: Ich kenne viele Priester der Weltkirche durch meine bisherige Aufgabe. Wenn sie zur Ausbildung im Haus waren, war es für mich eine große Bereicherung. Im Vordergrund steht dabei nicht, wo die Herkunft des Seelsorgers ist oder welche Hautfarbe er hat, sondern wer er als Mensch ist.

Welche Chancen sehen Sie für das „Homburger Modell“, also die Leitung der Pfarrei in einem Team, auch darin, es in anderen Pfarreien zu etablieren?
Auch hier weiß ich noch zu wenig darüber, wie es vor Ort jetzt konkret läuft. Ich würde gerne dieses Team nach den Sommerferien besuchen und die Arbeit praktisch kennenlernen. Ich glaube aber auf jeden Fall, dass die Zukunft der Pastoral in der Teamarbeit liegt, mehr als das bisher war. Daher haben wir ja auch die Seelsorgeausbildung berufsgruppenübergreifend aufgestellt.

Sie übernehmen das Amt in einer besonderen Situation, mit Blick auf den Weggang von Andreas Sturm, aber auch angesichts der aktuellen Herausforderungen – was bedeutet das für Sie?
Zuerst mal den Auftrag, bei allen Schwierigkeiten wieder ins Bewusstsein zu bringen, wie schön es ist, Christ und Christin und auch katholisch zu sein. Es gibt so viel Tolles in unserer Kirche. Es sind da so viele Menschen, die sich engagieren, aus dem Glauben, für andere, etwa jetzt im Ukraine-Krieg oder zuvor in der Corona-Pandemie. Das ist etwas Großartiges. Das in den Blick und ins Bewusstsein zu heben, hilft uns allen.

Als Generalvikar werden Sie jetzt auch stark mit Fragen der Verwaltung befasst sein. Was hat sie bewegt, nachdem der Bischof Sie gefragt hatte, ob Sie das Amt übernehmen?
Ich möchte auch in diesem Amt Seelsorger bleiben. Wie das geht, kann ich noch nicht sagen. Aber ich weiß, dass ich darauf achten muss, damit die innere Lebendigkeit, die Sehnsucht und die innere Berufung nicht verkümmern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: Klaus Landry

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.bistum-speyer.de

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