Stiftung Mutter und Kind

Freitag, 13. März 2026

„Nachwuchs? Nein danke.“

Diskutierten intensiv über gewollte Kinderlosigkeit (von links): Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Kerstin Ecker (Geschäftsführerin Bischöfliche Stiftung Mutter und Kind), Annkatrin Heuschkel, Jana Sand (HPH), Marlies Kohnle-Gros (Vorsitzende des Stiftungsbeirats), Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer und Moderator Dr. Jonas Pavelka (HPH) © HPH

Bischöfliche Stiftung für Mutter und Kind diskutiert gewollte Kinderlosigkeit

Ludwigshafen. Warum entscheiden sich immer mehr Menschen bewusst gegen Kinder? Und wie sollte Kirche darauf reagieren? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion der Bischöflichen Stiftung für Mutter und Kind in Kooperation mit dem Heinrich Pesch Haus.

Die Erziehungswissenschaftlerin Annkatrin Heuschkel von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und die Sozialethikerin Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg beleuchteten das Thema aus empirischer und sozialethischer Perspektive. Einig waren sie sich darin, dass die Entscheidung für oder gegen Kinder heute stärker als früher Ergebnis individueller Abwägungen ist – zugleich aber immer in gesellschaftliche Erwartungen und Rahmenbedingungen eingebettet bleibt.

Heuschkel präsentierte Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2023, an der mehr als 1.000 gewollt kinderlose Frauen zwischen 18 und 45 Jahren teilnahmen. Kinderlos seien Menschen, die weder biologische noch soziale Elternschaft eingegangen sind und auch keinen Kinderwunsch für die Zukunft haben. Für Deutschland werde von einer Kinderlosenquote von etwa 21 Prozent ausgegangen.

Die Untersuchung widerlege, so Heuschkel, gängige Vorurteile über bewusst kinderlose Menschen: Nicht Egoismus, sondern ökologische Bedenken, Ängste vor Schwangerschaft und Geburt sowie die Sorge vor persönlicher Überforderung. Auch das elterliche Rollenmodell spiele eine wichtige Rolle: 61 % der Befragten sehen ihre Eltern nicht als Vorbild für das eigene Familienleben. Viele Frauen treffen ihre Entscheidung zudem früh – 42 % bereits vor dem 18. Lebensjahr. Dennoch bedeute ein kinderloses Leben nicht zwangsläufig ein Leben ohne Kinder oder eine ablehnende Haltung gegenüber Kindern – viele gewollt Kinderlose engagieren sich etwa in sozialen oder pädagogischen Bereichen.

Nothelle-Wildfeuer griff diese empirischen Beobachtungen sozialethisch auf. Elternschaft sei in modernen Gesellschaften zunehmend zu einer bewussten Wahl geworden. Gleichzeitig werde die Kinderfrage im öffentlichen Diskurs häufig mit dem Gemeinwohl, der demografischen Entwicklung und den sozialen Sicherungssystemen verknüpft. Dennoch bleibe sie „eine höchst private Entscheidung des Paares“.

Aus der gesellschaftlichen Bedeutung von Elternschaft lasse sich kein moralischer Anspruch auf Kinder ableiten. „Eine Pflicht zur Fortpflanzung lässt sich weder moralisch noch rechtlich begründen. Man bekommt keine Kinder für den Staat oder die Gesellschaft.“ Aufgabe der Gesellschaft sei vielmehr, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Elternschaft ermöglichen, ohne Kinderlose zu stigmatisieren. Auch für die Kirche bedeute dies, unterschiedliche Lebensentwürfe ernst zu nehmen und Menschen in ihren Entscheidungen zu begleiten.

Beide Referentinnen waren sich einig: Die Entscheidung für oder gegen Kinder sei daher selten rein individuell, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus persönlichen Erfahrungen, Partnerschaft, Lebensperspektiven und gesellschaftlichen Erwartungen. Allerdings sei immer noch die Familie das gesellschaftliche Leitbild, auch wenn Frauen heute Mutterschaft nicht mehr als verpflichtende Lebensaufgabe ansähen. „Obwohl so viele Menschen kinderlos leben, wird dieses Lebensmodell gesellschaftlich abgewertet“.

In seinem Schlusswort betonte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann die theologische Dimension der Fragestellung. Spätestens seit dem II. Vatikanischen Konzil betone die Kirche, dass die Gewissensentscheidung von Frauen bzw. Paaren auch gegen Kinder zu respektieren sei. Gleichzeitig sei Christ-Sein in der Nachfolge Jesu geprägt von „selbstlose Hingabe und Selbstüberschreitung“, die sich in der christlichen Ehe auch und vor allem in der „Offenheit für die Weitergabe menschlichen Lebens als Teilhabe am Schöpfungswillen Gottes“ realisiere. In ihrem Ja zu Kindern, so Wiesemann, drückten Christen ihr „Vertrauen in eine von Gott kommende, gute Zukunft“ aus.

Doch die Kirche habe in ihrer 2.000jährigen Geschichte ebenso den Lebensentwurf der Ehelosigkeit und der damit verbundenen Kinderlosigkeit hochgehalten – in bewusster Abgrenzung vom Alten Testament, in dem Kinder als Segen bzw. Unfruchtbarkeit als Strafe Gottes interpretiert worden seien. Eine solche Stammeslogik, so Wiesemann, habe Jesus in seiner Bergpredigt ausgehebelt: „Die Hingabe des eigenen Lebens kann sich auch jenseits der eigenen Familie realisieren, bis hin zur Feindesliebe.“ Der Speyerer Bischof wandte sich ausdrücklich gegen familienpolitische Aussagen der AfD, die unter dem Deckmantel des christlichen Familienbilds in Kindern nur ein Mittel zum Erhalt der eigenen Familie, des eigenen Stammes oder der eigenen Volksgemeinschaft sähen.

 

Hintergrund: Die Bischöfliche Stiftung für Mutter und Kind

Die Bischöfliche Stiftung für Mutter und Kind unterstützt seit über 20 Jahren die katholische Schwangerschaftsberatung in der Diözese Speyer finanziell und ideell. Zudem fördert sie Projekte kirchlicher Träger zugunsten schwangerer Frauen und setzt sich öffentlich für den Schutz des ungeborenen Lebens ein.

 

Text: Anette Konrad, HPH

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