Dombauverein

Samstag, 26. Oktober 2019

Das letzte Hemd der Kaiser

Vortrag von Sabine Kaufmann im Rahmen des Wissenschaftlichen Forum s des Dombauvereins zu den Grabfunden im Speyerer Dom

„Was wissen die Toten?“ – diese Frage und eine mögliche Antwort aus dem Buch der Prediger stellte Sabine Kaufmann an den Anfang ihres Vortrags zu den Grabfunden im Speyerer Dom. Die Sammlungsleiterin des Historischen Museums referierte im Rahmen des Wissenschaftlichen Forums auf Einladung des Dombauvereins über das Schicksal der Herrschergräber im Dom. Das Interesse an diesem Thema war so groß, das nachträgliche noch Stühle herbei geschafft werden mussten und der Saal in der Volksbank Speyer bis an seine Kapazitätsgrenzen gefüllt war.

Was können wir über die toten Kaiser, Kaiserinnen und Könige, die im Speyerer Dom ihre letzte Ruhestätte fanden wissen? Dieser Frage ging Kaufmann nach, indem sie zunächst einen Überblick über die Geschichte der Grablege, Lage und Anordnung der Gräber sowie die Reihenfolge der Bestattungen gab. Als große Zäsur nannte sie die Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689. Danach ging das Wissen um die genaue Lage und den Zustand der Grabstätte verloren. Als spannendes Detail schilderte die studierte Kunsthistorikerin und Archäologin, dass man 1739 zunächst von der Krypta aus versuchte, zu einer vermeintlichen Gruft zu gelangen. Da diese Grabung jedoch ohne Genehmigung des Bischofs stattgefunden hatte wurde sie rasch unterbunden, was wahrscheinlich größere Schäden verhinderte, waren bei den Arbeiten doch bereits zwei Königsgräber angeschnitten worden.

Im Jahr 1900 schließlich wurden alle Gräber ergraben und geöffnet. Die fotografischen Aufnahmen und das Grabungstagebuch geben bis heute nützliche Hinweise, auch wenn nach heutigem Stand der Umgang mit den Grabfunden nicht immer glücklich war. Detailliert und fachkundig beleuchtete Kaufmann die Situation der einzelnen Gräber und resümierte schlaglichtartig die wichtigsten Erkenntnisse, mit Hilfe des sogenannten KUR-Projekts 2008– 2011 gewonnen werden konnten. Im Rahmen dieser von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Maßnahme wurden insbesondere die textilen Grabfunde untersucht. So konnte festgestellt werden, dass die Schuhe der Kaiserin Gisel zum Teil aus Biberhaar gearbeitet waren, was einen wasserabweisenden Effekt gehabt haben dürfte. Auch die Grabkronen und übrigen Funeralinsignien – also für die Bestattung hergestellten Herrscherzeichen – wurden in ihrer Machart und Funktion dargestellt und gedeutet.

Eine zusätzliche, neue Erkenntnis wurde 2016 gewonnen. Die Bleitafel, eine sogenannte Grabauthentik, die sich unter dem Kopf der toten Kaiserin Gisela befand, wurde vom Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg einem Streifenlichtscan[KS2]  unterzogen. So konnte die teilweise mit dem bloßen Auge nicht mehr lesbare Inschrift rekonstruiert werden. Aus der auf der Platte dokumentierten großen Anzahl von bei dem Begräbnis der Herrscherin anwesenden Erzbischöfen und Bischöfen, leitete Professor Matthias Untermann die These ab, dass zeitgleich, nämlich 1043 die Weihe der Ostteile des Doms erfolgt sein müsse. Der Vortrag von Frau Kaufmann vermochte so, einen umfassenden und spannendenden Einblick in die Bestattungssituation der Kaiser im Dom zu geben, was ihr von den Zuhörerinnen und Zuhörern mit anhaltendem Applaus gedankt wurde.


 [KS1]Die Frage „Was wissen die Toten?“ stammt nicht aus dem Buch der Prediger, sondern von mir. Im Buch der Prediger findet sich aber eine Antwort darauf, wenn man so will, und die habe ich dann zitiert: „Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts;…..“

Ich hab den ersten Satz entsprechend abgeändert, aber jetzt ist er nicht mehr so prägnant. Vielleicht umformulieren?

 [KS2]Man denkt, es müsste Streiflicht heißen, aber die Tafel wurde nicht mit Streiflicht von der Seite untersucht, sondern mit „gestreiftem Licht“ und das Teil heißt tatsächlich Streifenlichtscanner. Die genaue Funktionsweise habe ich nicht verstanden. Es hat mit Mathematik zu tun. Das Institut trägt seinen Namen nicht umsonst. J

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