KEB

Montag, 10. Mai 2021

Spirit bewegt

Fortlaufend zu den Themen der Plakatkampagne #beziehungsweise gibt es an dieser Stelle Impulse zum Weiterdenken. Die Gedanken zum sechsten Plakat Schawuot beziehungsweise Pfingsten stammen von Luise Gruender, Pastoralreferentin in der Katholischen Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer

„Spirit bewegt…“: Schawuot beziehungsweise Pfingsten

An Schawuot wird der lebensstiftende Geist der Zehn Gebote gefeiert, an Pfingsten die Gemeinschaft stiftende Kraft des Heiligen Geistes.

Am Vorabend des Schawuot-Festes kam einmal ein Gottesleugner zu einem Rabbi, um mit ihm über diesen Feiertag zu diskutieren. Eigentlich suchte er nach einem Anlass, um sich über die jüdischen Bräuche lustig zu machen. „Rabbi“, sagte er, „Ich habe herausgefunden, warum wir Juden zu Schawuot nur Milchiges essen.“ Der Rabbi begriff sofort, dass er ihn zum Narren halten wollte und antwortete nur: „Lass hören!“ Lacht ihm der Gottesleugner ins Gesicht und erklärt: „Man isst deshalb Milchiges, weil am Tag, an dem uns die Thora gegeben wurde, doch alles Rindvieh zum Berg Sinai lief.“ Lächelt der Rabbi und gibt ihm recht: „Gut gesagt! Bevor wir Juden die Thora beim Berg Sinai angenommen haben, waren wir wirklich wie Rindvieh. Wir wussten von nichts, nichts von guten Taten, nichts von Menschlichkeit. Erst durch die Annahme der Thora wurden wir Menschen. Aber jene Juden, die bis zum heutigen Tag die Thora nicht angenommen haben, sind Rindvieh geblieben.“

Diese kleine Anekdote erzählt über den Sinn des jüdischen Schawuot-Festes, das genau fünfzig Tage nach dem Pessachfest begangen und gefeiert wird.
Es ist das zweite der drei jüdischen Wallfahrtsfeste und hat eine historische und eine auf die Natur bezogene Bedeutung:

Religiös historisch erinnert das Fest an die Verkündigung der Zehn Gebote. Mose erhielt diese am Berg Sinai während der Wanderung des Volkes Israels von Ägypten zurück in seine Heimat, das gelobte Land. Diese Gebote gehören zu den ersten formulierten Sittengesetzen in der Geschichte der Menschheit. So heißt es im Buch Exodus 22,20: „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.“
Auf der Anerkennung dieser Gebote durch die Israeliten beruht der Bund zwischen Gott und seinem Volk. Es hat die Verpflichtung übernommen, die göttlichen Gebote zu befolgen und sie in der Welt zu verbreiten. In diesem Sinne ist die Formulierung „auserwähltes Volk“ zu verstehen.
Außer der großen Synagogenfeier ist kein besonderer Brauch mit dem Fest Schawuot verbunden. Viele Juden essen gerne Milchspeisen, z.B. frische Butter oder Käsekuchen, so wie die kleine Geschichte oben erzählt. Der Ursprung dieses Brauchs ist aber unklar, die Thora selbst sagt dazu nichts.

Die aus der Natur bezogenen Bedeutung des Festes ist spannend: Es ist das Fest, an dem in alter Zeit die ersten geernteten Weizengarben und Früchte als Dankopfer nach Jerusalem in den Tempel gebracht wurden. Noch heute schmücken die Juden im Gedenken daran ihre Wohnungen und Synagogen mit grünen Zweigen und Blumen. So ähnelt dieses Fest dem christlichen Pfingstfest, bei dem auch in manchen Kirchen Birkengrün aufgestellt wird, und zugleich einem Erntedankfest, wie es bei uns in Mitteleuropa naturgemäß erst im Herbst gefeiert wird.
Eine Legende verbindet sogar beide Deutungen, wenn es heißt, dass sich der Berg Sinai begrünt habe, als die Torah übergegeben wurde.
Schawuot bedeutet Woche. Sieben Wochen liegen zwischen Pessach, dem Beginn der Gerstenernte in Israel und Schawuot, dem Beginn der Weizenernte.
Auch zu dieser naturbezogenen Bedeutungsebene des Festes gibt es eine kleine Geschichte:

Rabbi Aron von Starasola wurde einst gefragt, wodurch man Demut erlangen kann. „Durch die Erfüllung der Gebote!“ antwortete er und gab ein schönes Gleichnis: „Wenn ein Baum viele Früchte trägt, werden die Zweige von den Früchten gebogen und hängen tief zu Boden. Der Zweig aber, der dürr und vertrocknet ist, ragt in die Höhe und steht aufrecht, ohne sich zu biegen.“

Schawuot feiert also den lebensstiftenden Geist der Zehn Gebote und der Natur.
Auch beim christlichen Pfingstfest bewegt die Geistkraft Gottes die Mutlosen.
So verleiht uns Christen der Heilige Geist Mut und Kraft zur rechten Auslegung der Bibel. Die Geistbegabung verschafft uns unmittelbaren Zugang zu Gott und seiner Offenbarung und bewirkt, dass alle im Gottesvolk die gesamte Schrift begreifen und befolgen können. Der Geist macht das Gesetz lebbar, er leitet uns zum Gestalten und zur kreativen Aktualisierung an.

Pfingsten hat also eine sehr enge Beziehung zu Schawuot und wenn dialogbereite Menschen aus beiden Religionen diese Feste feiern, so schließen sie einander nicht aus, sondern bereichern einander, so wie es auf dem Plakat heißt: „Spirit bewegt…“

Luise Gruender
 

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