KEB

Freitag, 30. September 2022

Keine Latte zu hoch (Update vom 6. Oktober)

Es gab schon manch irritierende Äußerung aus dem Vatikan zum Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland. Dass ein Kurienkardinal zum Synodalen Weg einen Nazivergleich anstellt, ist allerdings wieder einmal neu. Die Deutsche Bischofskonferenz tut, was man in einem solchen Fall halt so tut, und zeigt sich „entsetzt“.

Fast noch angemessener ist der erste Leser*innen-Kommentar unter dem eben verlinkten Bericht auf der Website der Zeit. Ich danke MS-Bielefeld für dieses wunderbare Auf-den-Punkt-Bringen:

   „Man kann die Latte für Rückwärtsgewandtheit, Arroganz, Selbstgefälligkeit, Bräsigkeit und Dummheit so hoch legen, wie man will ... es findet sich ein hoher Amtsträger der katholischen Kirche, der sie in Straßenschuhen aus dem Stand locker überspringt.“

Mehr Worte braucht's heute nicht.

 

Update vom 6. Oktober 2022:

Die Debatte um das Interview mit Kurt Koch ging in den folgenden Tagen weiter und inzwischen ist klar, dass die Äußerung des Kardinals in perfekter Weise einem „bewährten“ Muster politischer Kommunikation entspricht. Ich ergänze deshalb den ursprünglich nur sehr kurzen Impuls um einige weitere Hinweise. 

 

So geht Politik (manchmal)

Es ist eine „bewährte“, vielfach dokumentierte Praxis politischer Rede: Zuerst äußert man sich zu einem wohlüberlegten Zeitpunkt gut verständlich in drastischer Weise und genießt den politischen Aufruhr, den man mit seiner Äußerung ausgelöst hat – denn alle haben die Botschaft genau so verstanden, wie sie gemeint war.

Dann, der politische Gegenwind hat gerade seine größte Stärke erreicht, fühlt man sich missverstanden. Den Vorwurf der Hetze weist man empört zurück. So, wie es verstanden wurde, sei es doch gar nicht gemeint gewesen. Man habe niemand verletzen wollen.

Die Botschaft aber, die man in die Welt bringen wollte, hat man erfolgreich platziert. Irgendwas wird schon hängen bleiben.

 

So sieht der Wortlaut aus

Am 29. September 2022, pünktlich zum Abschluss der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), erschien ein Interview mit Kurt Koch in einem deutschen Leitmedium der katholischen Rechten. Der Wortlaut der entscheidenden Interviewpassage lautet:

   Frage: Man kann immer wieder, auch von Bischöfen, hören, dass es angeblich neue Offenbarungsquellen gibt. Der Zeitgeist und das – ich nenne das mal so – Gefühl der Gläubigen spielen da offenbar eine Rolle. Lässt sich denn die Lehre der Kirche auf diese Weise ändern? Ist beziehungsweise wäre das eine Weiterentwicklung?

   Kurt Koch: Es irritiert mich, dass neben den Offenbarungsquellen von Schrift und Tradition noch neue Quellen angenommen werden; und es erschreckt mich, dass dies – wieder – in Deutschland geschieht. Denn diese Erscheinung hat es bereits während der nationalsozialistischen Diktatur gegeben, als die so genannten „Deutschen Christen“ Gottes neue Offenbarung in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers gesehen haben.

Dagegen hat die Bekennende Kirche mit ihrer Barmer Theologischen Erklärung im Jahre 1934 protestiert, deren erste These heißt: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle der Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Der christliche Glaube muss stets ursprungsgetreu und zeitgemäß zugleich ausgelegt werden. Die Kirche ist deshalb gewiss verpflichtet, die Zeichen der Zeit aufmerksam zur Kenntnis und ernst zu nehmen. Sie sind aber nicht neue Offenbarungsquellen. Im Dreischritt der gläubigen Erkenntnis – Sehen, Urteilen und Handeln – gehören die Zeichen der Zeit zum Sehen und keineswegs zum Urteilen neben den Quellen der Offenbarung. Diese notwendige Unterscheidung vermisse ich im Orientierungstext des „Synodalen Weges“.

 

Der Vorsitzende der DBK, Georg Bätzing, versteht dies so, wie man es verstehen muss (ausführlich hier):

   (…) Das Ringen um die Erschließung unseres Glaubens aus seinen Erkenntnisquellen heraus ist eine Kernfrage der Theologie. Hierfür gäbe es viele Möglichkeiten, Beispiele und Vergleiche heranzuziehen; solche, die aus der nationalsozialistischen Zeit herangezogen werden, sind besonders sensibel, und Kardinal Koch muss den im Interview verwendeten bewusst gewählt haben. Die Art und Weise, wie er die Antipode von „Deutschen Christen“ (und ihrem irrigen Versuch, den christlichen Glauben mit der nationalsozialistischen Ideologie als vereinbar zu erklären) und Bekennender Kirche in dem Interview verwendet, lässt keine andere Lesart zu, als dass er die Synodalversammlung, die den Orientierungstext mit einer klaren Mehrheit angenommen hat, den „Deutschen Christen“ gleichstellt und selbstverständlich, denn das ist der Sinn eines Vergleichs, stellt er die Synodalen damit in den Horizont des Regimes, das unvorstellbares Leid, insbesondere über das Jüdische Volk, gebracht hat. (…)

 

So geht Weltkirche

So weit. So klar.

Wohlüberlegt gewählter Zeitpunkt. Klare Botschaft. Passendes Medium.

Botschaft wird verstanden und es gibt Gegenwind.

Kurt Koch stellt klar, dass er „keineswegs den Synodalen Weg mit einer Nazi-Ideologie verglichen habe. (…) Es war in keiner Weise meine Absicht, jemanden zu verletzen.“

Dann kommt es in Rom zur Aussprache zwischen Kurt Koch und Georg Bätzing. In der Pressemeldung der DBK hierzu lautet es:

„Kardinal Koch hat Bischof Bätzing glaubhaft versichert, dass er mit dem von ihm herangezogenen Vergleich von theologischen Debatten auf dem Synodalen Weg und den Vorgängen um die sogenannten „Deutschen Christen“ während der Nazizeit keineswegs den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland oder die Synodalversammlung gemeint habe. Ausdrücklich betont Kardinal Koch, dass es ihm völlig fernliege, den Synodalen die schreckliche Ideologie der 1930er-Jahren unterstellen zu wollen. Kardinal Koch bittet alle, die sich durch den von ihm angeführten Vergleich verletzt fühlen, um Verzeihung.“

Also alles nur ein Missverständnis?

Alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen?

 

So sorry

Nein, sorry, dies ist nicht glaubhaft.

Das Muster ist politisch „bewährt“.

Zeitpunkt und Ort der Veröffentlichung sind bewusst gewählt.

Es wurde nicht unbedacht dahingeplappert, sondern die Worte entstammen einem Interview, das üblicherweise ausdrücklich zur Veröffentlichung autorisiert wird.

Dieser Eklat war genau so gewollt (und lenkt natürlich von den eigentlich relevanten Themen gekonnt ab).

Es wäre erforderlich, dass die Unsäglichkeit für Kurt Koch Konsequenzen hat. Und sei es nur symbolisch, indem man ihn in den deutschen Diözesen zur persona non grata erklärt. Hier muss man Kante zeigen.

Wieder ist es einem ranghohen Mitglied der katholischen Kirche gelungen, mit größtmöglicher Lautstärke Selbstbeschäftigung der Kirche zu provozieren. Mit einem Nazivergleich. Respekt. Reife Leistung. Der eingangs zitierte Kommentar trifft leider zu.

 

Ingo Faus
Leiter der Abteilung Erwachsenenbildung und Hochschulen

 

Bildnachweis:
Claude Truong-Ngoc
Lizenz CC BY-SA 3.0

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