Landau
Pfarrei Mariä Himmelfahrt

Samstag, 09. November 2019

"Augenblicke der Weihe" – Orgelmusik für Kirche und Synagoge

Orgelkonzert an der historischen Steinmeyer-Orgel am 9. November mit Prof. Michael Kaufmann

Aus Anlass des Gedenkens an die Zerstörung der Synagoge in Landau während der sogenannten „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938 findet um 19.30 Uhr an der historischen Steinmeyer-Orgel in der Marienkirche Landau ein Orgelkonzert mit dem Heidelberger Musikwissenschaftsprofessor und in Annweiler am Trifels lebenden Orgelsachverständigen Michael Gerhard Kaufmann statt.

Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy

Zur Aufführung kommen Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy, der dem konvertierten jüdischen Bildungsbürgertum entstammte und als „Wiederentdecker“ der Musik Johann Sebastian Bachs gilt, und aus seinem Freundeskreis, zu dem seine Schwester Fanny Hensel, Robert und Clara Schumann sowie Johannes Brahms gehörten. Deren Werke bilden den Rahmen für die Stücke der an Berliner Synagogen wirkenden Kantoren Louis Lewandowski und Moritz Deutsch, wie sie u.a. auch an der vernichteten Voit-Orgel der Landauer Synagoge erklungen sein dürften.

jüdisches Bürgertum als Kulturträger

Im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert entwickelte sich aus dem Geist der Aufklärung mit der Anerkennung und Propagierung der Gleichheit der Religionen und der Verbrüderung aller Menschen als ideale Kernforderung der Französischen Revolution auch im jüdischen Milieu ein dynamisches Streben nach Emanzipation und politisch-gesellschaftlich-kultureller Teilhaberschaft am öffentlichen Leben.

Dieser Prozeß der Akkulturation und Assimilierung ist insbesondere in Preußen mit dem Wirken und der Person des Philosophen Moses Mendelssohn und seines Kreises verbunden. Von Berlin aus wurden Forderungen und Bemühungen um die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden durch Erziehung und Bekenntnis zur deutschen Sprache und Kultur in die deutsche und europäische Öffentlichkeit getragen. Mit der Verleihung staatsbürgerlicher Rechte an die jüdische Bevölkerung im Zuge der preußischen Reformen nach 1806 etablierte sich dort und allmählich auch in anderen deutschen Staaten in den Städten ein wirtschaftlich meist gut situiertes jüdisches Bildungsbürgertum mit einem nachhaltigen Bekenntnis zum Deutschtum, das nicht nur innerhalb der jüdischen Gemeinden, sondern weit darüber hinaus als Kulturträger wirkte.

Vornehmlich aus diesen Kreisen des sich konstituierenden jüdischen Bürgertums entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine liberale Bewegung, die den Gedanken der Integration mit bestimmten Reformen im Inneren der jüdischen Gemeinden verband. Entscheidend und prägend für diese Richtung ist die Auffassung, daß die ethischen Gesetze des Judentums zeitlos und daher unveränderlich seien, die rituellen Gesetze hingegen modifizierbar und dem jeweiligen Lebensumfeld angepasst werden könnten. Damit ging einerseits eine in vielen äußeren Erscheinungsformen der Kleidung, Haartracht und Speisegewohnheiten vollzogene Angleichung an die Mehrheitsbevölkerung, insbesondere aber eine in Bau und Ausstattung von Synagogen wie in der Ausgestaltung der Feiern dort deutlich werdende Orientierung an Formen und Gestaltvorgaben und v.a. auch an der Liturgie des protestantischen Gottesdienstes einher.

Orgelmusik in Synagogen

Als ein wesentliches Merkmal der Reformgemeinden kann das Vorhandensein von Glocken und insbesondere von Orgeln gedeutet werden, die fortan die Gottesdienste ein- und ausleiteten und den Gemeindegesang begleiteten. Ausgehend von ersten nachweisbaren Instrumenten in Seesen im Harz 1810 (Schule) und Hamburg 1818 (Neuer Tempel) wurden sukzessive die Synagogen der reformierten Gemeinden in Deutschland und in zahlreichen europäischen Ländern mit Orgeln als dem akustischem Symbol der Akkulturation ausgestattet. Auf diese Weise entstanden Hunderte von Instrumenten, die das Kulturleben der Gemeinden wesentlich mitbestimmten.

Die Folgen der nationalsozialistischen Barbarei haben den größten Teil des jüdischen Orgelerbes und der jüdischen Orgelkultur in Europa vernichtet. Doch gibt es auch in Deutschland noch einige wenige Instrumente in Synagogen, wie bspw. in Berlin und Frankfurt am Main, oder auch in katholischen Kirchen, wie das in Donaueschingen-Hubertshofen aus der ehemaligen Synagoge in Konstanz, das derzeit aufwendig restauriert wird. Die speziell für die synagogale Feier komponierte Orgelmusik ist in Handschriften und Drucken sowie zum Teil auf Tonträgern erhalten geblieben und wird allmählich wieder entdeckt.

 

 

Curriculum Vitae Michael Gerhard Kaufmann

Michael Gerhard Kaufmann, geboren in Landau/Pfalz, Studium der Schul- und Kirchenmusik, Germanistik und Musikwissenschaft an der Musikhochschule und an der Universität in Karlsruhe, Promotion zum Dr. phil., Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg, dort auch Leiter der Aus- und Fortbildung von Orgelsachverständigen sowie Glockensachverständigen in Deutschland und Initiator des von der VolkswagenStiftung finanzierten Forschungsprojekts zu einer „Phänomenologie der Orgel“; Dozent in der Ausbildung von Restauratoren im Orgelbauhandwerk an der Oscar-Walcker-Schule – Bundesfachschule für Orgelbau in Ludwigsburg; Orgelsachverständiger für die Erzdiözese Freiburg und die Evangelische Kirche in Baden; Künstlerischer Leiter der Konzertreihe „Orgel-Welten“ der Stiftungsverwaltung Freiburg in der Adelhauserkirche; Moderator beim Südwestrundfunk (SWR 2); Veröffentlichungen zu musikhistorischen und -ästhetischen Themen (Autorenhandbuch Musik), Schriften zur Orgel und ihrer Musik sowie Editionen süddeutscher Orgel- und Klostermusik (u.a. Ochsenhauser Orgelbuch ausgezeichnet mit dem Deutschen Musikeditionspreis 2005); Autor der Anträge zur Aufnahme von „Orgelbau und Orgelmusik“ (Eintrag 2014) und „Glockenguß und Glockenklang“ (im Verfahren) in die nationale Liste des Immateriellen Kulturerbes der Bundesrepublik Deutschland und in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit (Eintrag 2017) der UNESCO, internationale Konzerttätigkeit als Organist, Aufnahmen auf Ton- und Bildträgern, für Rundfunk und Fernsehen; Mitglied des Präsidiums der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands (VOD); Schwerpunkte der wissenschaftlichen Forschung beim Instrument Orgel, in der Musik Johann Sebastian Bachs und Max Regers sowie allgemein in der Kirchenmusik und der Musik der Region Oberschwaben, der künstlerischen Tätigkeit im Bereich der sogenannten Alten Musik und Historisch informierten Aufführungspraxis (16. bis beginnendes 20. Jahrhundert).

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